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Detlef Lotze: Griechische Geschichte

Zu die­sem Büch­lein hebe ich ein beson­de­res Ver­hält­nis — vor mehr als 30 Jah­ren hat­te ich beim Autor Vor­le­sun­gen in Alter Geschich­te, ich den­ke, auch Semi­na­re in Epi­gra­phik, wenn ich mich rich­tig erinnere.
Die Vor­le­sun­gen, Semi­na­re, Übun­gen waren ein Graus. Der Mann war ein wan­deln­des Lexi­kon, der wuß­te ALLES (über grie­chi­sche Geschich­te) und war dabei staub­tro­cken wie die gan­zen Bücher in den Rega­len, die er durch­ge­ar­bei­tet haben muß.

Nun ja: Ich wer­de älter und stel­le immer öfter fest, daß es noch eini­ges nach­zu­ho­len und auf­zu­ar­bei­ten gilt im immer kür­zer wer­den­den Rest­le­ben — war­um also nicht mal mit dem Alt­his­to­ri­ker von damals?

Das Buch ist genau­so kno­chen­tro­cken wie sein Autor es war. Eine end­los lan­ge Ket­te an Haupt­sät­zen, in die sich nur ver­se­hent­lich ab und an ein Neben­satz ver­irrt hat.
Wer mal auch nur den Anfang der Gene­sis gele­sen hat, der wird wis­sen, was ich mei­ne. Nur fol­gen bei Lot­ze Schlacht auf Schlacht, Herr­scher auf Herr­scher, Söh­ne auf Väter. Und so quält man sich denn durch das gan­ze Buch — Lese­ver­gnü­gen ist was anderes.
Bele­ge via Fuß­no­ten gibt es kei­ne, man muß dem Autor ver­trau­en (gele­gent­lich merkt er an, daß etwas umstrit­ten sei, das ist aber eher sel­ten) — im Prin­zip ist das ein aus­ufern­der, rie­sen­lan­ger Lexi­kon­ar­ti­kel, der aus der Hoch­zeit des Posi­ti­vis­mus im 19. Jahr­hun­dert stam­men könn­te. (Dazu sei aber ein­ge­scho­ben: In sei­nen Lehr­ver­an­stal­tun­gen leg­te er gro­ßen Wert auf die Fest­stel­lung, daß man allen Über­lie­fe­run­gen erst­mal skep­tisch begeg­nen sol­le, ins­be­son­de­re bei all­zug­lat­ten Zah­len: 10.000 Grie­chen gegen 100.000 Per­ser und ähnliches)

Am Ende gibt es zwei Nach­wör­ter, eine recht nütz­li­che Zeit­ta­fel, eine umfang­rei­che Lite­ra­tur­lis­te (völ­lig wert­frei, ein­fach nur auf­ge­lis­tet, eins, zwei, drei) und ein Per­so­nen­re­gis­ter. Das könn­te nütz­lich sein, wenn denn Links gelegt wor­den wären, anstatt nur eine Sei­ten­zahl nach der Per­son abzudrucken.

Lese­emp­feh­lung?
Für ange­hen­de Geschichts­stu­den­ten, die einen schnel­len und dabei doch umfas­sen­den Abriß der grie­chi­schen Geschich­te suchen — viel­leicht, eben­so viel­leicht für alle inter­es­sier­ten Laien.
Für den gro­ßen Rest der Mensch­heit eher nicht.

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Umberto Eco: Nullnummer

(Was wohl der Han­ser-Ver­lag für die­ses miß­ra­te­ne Cover bekom­men haben mag?)

Ecos letz­ten Roman könn­te man als Schel­men­ro­man bezeich­nen. Jeden­falls geht er in die Richtung.
Er spielt im heu­ti­gen (zur Zeit der Nie­der­schrift) Ita­li­en. Ein rei­cher Empor­kömm­ling (Hotels, Zeit­schrif­ten) möch­te in die fei­ne Gesell­schaft auf­ge­nom­men wer­den, beschließt, eine Zei­tung zu ver­le­gen, die nie erscheint. Hört sich komisch an, ist auch so. Die Idee ist, in die­ser Zei­tung The­men so zu bear­bei­ten, daß der Leser meint, die Zei­tung hät­te bri­san­te Infor­ma­tio­nen über Mit­glie­der der fei­nen Gesell­schaft, und die­se wäre dann erpreß­bar. Das funk­tio­niert natür­lich nur — wie jede Erpres­sung — wenn das Pul­ver nicht ver­schos­sen wird. Die­ser Ver­le­ger wird nur der Com­men­d­a­to­re genannt, eine Ana­lo­gie natür­lich zu Ber­lus­co­ni, Cava­lie­re.
Damit es nicht so ein­fach bleibt, zieht Eco eine wei­te­re Ebe­ne ein: Der Chef­re­dak­teur die­ser Zei­tung (Erin­ne­rung: Es soll nie eine Num­mer erschei­nen) beauf­tragt den Ich-Erzäh­ler, ein Buch über die­se nie erschei­nen­de Zei­tung (als Ghost­wri­ter) zu schreiben.

Der Roman sel­ber spielt bin­nen weni­ger Mona­te zwi­schen April und Juni 1992. Nur soviel: Ver­schwö­rungs­theo­rien (Mus­so­li­ni hat bis 1968 in Ita­li­en gelebt, die gesam­te ita­lie­ni­sche Nach­kriegs­ge­schich­te mit den roten Bri­ga­den, Gla­dio, P2, Mafia, Fal­co­ne, Aldo Moro…) ist ohne Mus­so­li­ni nicht denk­bar, ein Mord (der mit den Recher­chen zu Mus­so­li­ni zusam­men­hängt), und auch eine Liebesgeschichte.
Dazu ist das Buch raf­fi­niert kom­po­niert in eine Rah­men­hand­lung. Nur daß die schlie­ßen­de Klam­mer der Rah­men­hand­lung nicht am Ende steht, son­dern etwa bei 75%. Und vol­ler Anspie­lun­gen auf Bücher. Ich habe wenigs­tens Edgar Allen Poe gefun­den, Alex­and­re Dumas, Her­man Mel­vil­le, Robert Musil, und ganz sicher sind mir wei­te­re ent­gan­gen. Da blitzt dann der Schalk des Eco durch 😉

Ich fand das Buch anfangs zäh zu lesen, ab dem zwei­ten Drit­tel dann (mit der Mus­so­li­ni-Geschich­te) nimmt es dann ordent­lich Schwung auf.
Es ist ein wenig zwit­ter­haft: am Bes­ten beschreibt man es wohl als breit aus­ge­walz­te Streich­holz­brie­fe in Roman­form. Als Ita­lie­ner in den 90-ern des vori­gen Jahr­hun­derts konn­te man das sicher­lich sehr viel bes­ser wür­di­gen als grum­pi­ger Vor­pom­mer heute.

 

Lese­emp­feh­lung? Ja klar! Es ist ein Eco, sicher­lich nicht sein bes­ter, aber immer­noch weit über dem Niveau durschnitt­li­cher Literatur.

 

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Ingo Schulze, Was wollen wir?

Wie der Unter­ti­tel prä­zi­se sagt, haben wir es hier mit Essays, Reden, Skiz­zen von Ingo Schul­ze zu tun. So ist denn auch der Sam­mel­band in drei Tei­le auf­ge­teilt, eben Essays usw.

Die Samm­lung ist schwer zu beschrei­ben. Schul­ze ist ganz ohne jeden Zwei­fel ein Autor mit einem gro­ßen The­ma: Was hat das Ver­schwin­den der DDR aus Deutsch­land gemacht? Das geht in ihm um, das unter­sucht er ohne jede Wei­ner­lich­keit, ohne irgend­ei­nen Anachronismus.

Mein Pro­blem ist nicht das Ver­schwin­den des Ostens, son­dern das Ver­schwin­den des Wes­tens unter der Lawi­ne einer selbst­ver­schul­de­ten Öko­no­mi­sie­rung aller Lebens­be­rei­che, die Begrif­fe wie Frei­heit und Demo­kra­tie zuneh­mend zum Popanz macht.

Dar­um geht es eben: Was wol­len wir? Für Schul­ze ist klar: Jeden­falls nicht die betriebs­wirt­schaft­li­che Durch­rech­nung unse­res Lebens.

Dane­ben und gleich­be­rech­tigt gibt es vie­le Betrach­tun­gen zu Lite­ra­tur und Lite­ra­ten (ich habe hier einen Tipp bekom­men, Daniil Charms, muß ich unbe­dingt lesen) Dabei ist Schul­zes Bele­sen­heit manch­mal frus­trie­rend, aber heh: Ein Schrift­stel­ler hat wohl das Pri­vi­leg, die meis­te Zeit Lesen zu dürfen.

Wer schon ein paar Schul­zes gele­sen hat (und das emp­feh­le ich sehr drin­gend), der wird den Band wohl mit Inter­es­se und Ver­gnü­gen lesen, gibt er doch einen Ein­blick in die Denk­welt des Autors.

Wer nicht, wird viel­leicht kei­nen Zugang finden.

Also: Les­emp­feh­lung? Ein­deu­tig ja, aber viel­leicht nicht für jeden.

 

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Angriff auf die Freiheit

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Juli Zeh / Ili­ja Tro­ja­now (was für ein Name! Homer rotiert lachend im Gra­be 😉): Angriff auf die Freiheit.

Anders als wir es von Freu Zeh ken­nen, ist das kein Roman, son­dern ein Sachbuch.
Das The­ma ist: Der stän­di­ge suk­zes­si­ve Abbau der Bür­ger­rech­te durch den Staat unter dem Vor­wand der Ter­ro­ris­mus­be­kämp­fung. Das Buch ist nicht ganz tau­frisch, von 2010 — es könn­te auch 2020 geschrie­ben wor­den sein. Man merkt den Abstand eigent­lich nur dar­an, daß Oba­ma Prä­si­dent ist.

Man könn­te auf Sei­te neun auf­hö­ren zu lesen, da steht, wor­um es geht:

Frei­heit ist kein Geschenk der Obrig­keit, son­dern ein Grund­zu­stand der Natur oder eine Gabe Got­tes, je nach­dem, wel­che Schöp­fungs­ge­schich­te Sie bevorzugen.

Das ist die Grund­über­zeu­gung der Autoren. Und sie zei­gen mit vie­len Bele­gen ver­se­hen, daß die­se Frei­heit unter schwe­rem Beschuß steht. Aus dem Abstand von 10 Jah­ren muß man sagen: Es ist erschre­ckend. Schon damals war unüber­seh­bar, daß der Kampf gegen den Ter­ro­ris­mus als Uni­ver­sal­tool benutzt wird, um unse­re Frei­heits­rech­te Stück für Stück weg­zu­neh­men. Wer hat noch einen nicht-bio­me­tri­schen Personalausweis?

Es ist unüber­les­bar, daß Frau Zeh Juris­tin ist (und Herr Tro­ja­now auch). Das ist sehr ange­nehm, weil sie strin­gent argu­men­tie­ren und ihre Denk­vor­aus­set­zun­gen bele­gen können

Das gan­ze Büch­lein ist ein ein­zi­ger Appell an die Leser, sich nicht ein­lul­len zu las­sen — es könn­te an einem point of no return zu spät sein. Das hört sich viel­leicht alar­mis­tisch an, und an man­chen Stel­len ist mir die Argu­men­ta­ti­on zu sehr ver­ein­facht. Den­noch: Sie sind überzeugend.

Die Stär­ke des Buches sind ganz klar die Anmer­kun­gen, in denen die Bele­ge (es sind fak­tisch alles URLs) zu fin­den sind. Die­ser Bele­ge begin­nen schon bei 69% des Gesamt­bu­ches, also etwa 1/3 sind Bele­ge. Das ist sehr viel ange­neh­mer als das, wann man heut­zu­ta­ge oft hin­neh­men muß: Screen­shots, die echt sein kön­nen, aber es all­zu­oft nicht sind oder in einen kom­plett ande­ren Kon­text gestellt werden.
Und genau das ist eine Unver­schämt­heit des Ver­la­ges: Am Ende des Buches gibt es näm­lich einen Ver­weis auf eine Samm­lung der Bele­ge: http://juli-zeh.de/Angriff-auf-die-Freiheit/ — müßt ihr nicht kli­cken, Ran­dom­house hat die Sei­te kom­plett und ersatz­los vom Netz genom­men. archive.org hat sie dan­kens­wer­ter­wei­se gesichert.
Das fin­de ich unver­schämt vom Verlag.

Juli Zeh ist übri­gens ehren­amt­li­che Ver­fas­sungs­rich­te­rin in Bran­den­burg. Ich ver­mu­te, eine gute.

Lese­emp­feh­lung? Viel­leicht, wenn man inter­es­siert am The­ma ist und dabei sach­lich und ohne gut­ge­mein­te Eifer infor­miert wer­den möch­te. Wer die Autorin Zeh lesen möch­te, viel­leicht weil er Unter­leu­ten gele­sen hat, der könn­te ent­täuscht werden.

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Christiane Ritter, eine Frau erlebt die Polarnacht

1934 bekommt eine Frau wohl in Süd­deutsch­land oder Öster­reich einen Brief ihres Man­nes:

Gar zu ein­sam wird es ja für Dich nicht wer­den, da an der Nord­west­ecke der Küs­te, unge­fähr 90 Kilo­me­ter von hier, noch ein Jäger, ein alter Schwe­de, haust. Den kön­nen wir im Früh­jahr, wenn das Licht zurück­kommt und das Meer und die Fjor­de zuge­fro­ren sind, ein­mal besuchen.

Der Mann, eigent­lich Schiffs­of­fi­zier, ist seit Jah­ren als Jäger auf Spitz­ber­gen unter­wegs. Er lädt sie in die­sem Brief für ein Jahr in sei­ne Hüt­te auf Spitz­ber­gen ein. Ein Jahr, also mit Polar­nacht und Polar­tag, mit Som­mer und Win­ter. Die Hüt­te steht ca. 250 Kilo­me­ter von der nächs­ten mensch­li­chen Sied­lung ent­fernt auf And­ree­land im Nor­den Spitz­ber­gens — etwa hier. Und was macht die Frau, aus gutem Hau­se und ohne jeg­li­che Ark­tis-Erfah­rung, eine Toch­ter zu Hau­se, den Mann wohl seit Jah­ren nicht gese­hen? Sie packt ihre Sachen und fährt nach Spitzbergen.

Auf dem Weg zur Hüt­te stößt noch ein nor­we­gi­scher Jäger hin­zu, wohl so Mitte/Ende 20.

Die Hüt­te gibt es heu­te noch (Klick aufs Bild gibt wei­te­re Bilder): Ritterhytte

Mehr Bil­der hier. Wie groß mag die Hüt­te sein? Kaum mehr als 20 m², schät­ze ich mal. Zwei Män­ner, eine Frau, ein Jahr lang. Kein Tele­fon, kein Radio, kei­ne Zei­tung, kei­ne Nach­barn, kei­ne Stra­ße, kei­ne Ein­kaufs­mög­lich­kei­ten, kein Strom, nur ein rie­si­ger Kühlschrank.

Die Natur wird sehr inten­siv beschrie­ben, vor allem das Licht und die Far­ben (die Frau ist auch Male­rin, das wird eine Rol­le gespielt haben) Am meis­ten hat mich die Beschrei­bung der Polar­nacht und des begin­nen­den Win­ters beein­druckt. Das muß man sich mal vor­stel­len: Kein Leben, nir­gends. Es gibt kei­ne Pflan­zen, auch kei­ne Moo­se oder Far­ne. Kei­ne Insek­ten, kei­ne Säu­ge­tie­re, nicht ein­mal Vögel. Nichts. Buch­stäb­lich alles ist tot. Dabei ist die Frau wochen­lang allein, weil die Män­ner auf Jagd sind. Inklu­si­ve gleich anfangs eines neun­tä­gi­gen star­ken Schnee­stur­mes. Wahr­schein­lich machen wir uns gar kei­ne Vor­stel­lung davon, was dort ein star­ker Schnee­sturm ist. Irgend­wann kom­men die Män­ner zurück (Erin­ne­rung: Kei­ne Funk­ge­rä­te!). Dann geht der Nor­we­ger mal eben für zwei Mona­te allein auf Jagd. Die bei­den bekom­men aber ein Pro­blem: Das Fleisch geht zur Nei­ge, und wie gesagt: Es gibt kein Leben. Leben kommt erst mit dem Pack­eis von Nor­den, das die Rob­ben und damit die Eis­bä­ren mit­bringt. Eine Rob­be kann 500 Kilo Fleisch lie­fern, das reicht für vie­le Mona­te. Aber das Eis ist eben noch nicht da, und so gehen die bei­den (erfolg­los) auf Jagd.
Da ist es beim Lesen ganz hilf­reich, eine Kar­te zur Hand zu haben. Goog­le Maps ent­fällt natür­lich, aber es gibt eine her­vor­ra­gen­de topo­gra­fi­sche Spitz­ber­gen-Kar­te: https://toposvalbard.npolar.no/ — da kann man sehr schön die Orte sehen, die im Buch vor­kom­men (Manch­mal sind die Namen ein­ge­deutscht, aber man kriegts mit Hil­fe von Goog­le schon hin, die Kar­te will die nor­we­gi­schen Namen haben)

Wie gesagt, die Natur­schil­de­run­gen sind wirk­lich ein­drück­lich, und auch die Refle­xio­nen über den eige­nen Punkt im Weltengefüge.
Manch­mal sind mir die Schil­de­run­gen und Gedan­ken zu natur­re­li­gi­ös, aber so ist die Autorin eben.

Das Buch wird wohl zu Recht als Klas­si­ker der Ark­tis-Lite­ra­tur bezeich­net, aber mir als (heu­ti­gem) Leser blei­ben vie­le offe­ne Fragen:

  • War­um über­haupt fährt sie dort­hin? Sie schreibt zwar, daß sie schon immer an der Ark­tis inter­es­siert war, aber dann liest es sich doch so, als wol­le sie mal eben ihren Bru­der in Wan­ne-Eickel für ein Wochen­en­de besuchen.
  • Wie ver­rich­ten die ihre Not­durft? Da wird tage­lang wegen Schnee­sturm nicht aus der Hüt­te gegan­gen — aber auch wenn man raus­kommt: Wo/wie dann? Wahr­schein­lich war es 1936 nicht schick­lich , dar­über zu schrei­ben — aber es inter­es­siert mich dennoch.
  • Zwei Män­ner und eine Frau, alle ver­gleichs­wei­se jung, über Mona­te auf engs­tem Raum: Was ist da mit Sex?
  • War­um kei­ne Funk­ge­rä­te? Umber­to Nobi­le wur­de 1928 ganz in der Nähe nur dank eines Funk­ge­rä­tes geret­tet, das müs­sen die gewußt haben. Die ande­ren Jäger (der nächs­te schlap­pe 90 Kilo­me­ter ent­fernt, ohne Bus­hal­te­stel­le) schei­nen auch kei­ne zu haben, lags am Geld vielleicht?
  • War­um redet sie immer nur von ihrem Mann, nennt ihn aber nicht ein ein­zi­ges mal beim Namen?
  • War­um fischen sie nicht? Das Nah­rungs­pro­blem ist ja akut.

Das Buch ist trotz der inten­si­ven Natur­be­schrei­bun­gen ganz sicher kei­ne ganz gro­ße Lite­ra­tur, Reich-Rani­cki hät­te wohl ein Grrrräß­lich beigesteuert.

Lese­emp­feh­lung? Kommt drauf an. Für jeden Ark­tis-Jun­kie auf jeden Fall. Für alle ande­ren: Viel­leicht wer­det ihr nach der Lek­tü­re ja zum Arktis-Junkie 🙂

Anle­sen könnt ihr das Buch hier.

 

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Ingo Schulze, Die rechtschaffenen Mörder

Das Titel­bild zeigt es schon: Es geht um Bücher. Ich habe noch vier Tage Rest­ur­laub aus 2019, da kann ich ja lesen 🙂

Wer bei dem Titel einen Kri­mi erwar­tet, auch einen anspruchs­vol­len, der wird ent­täuscht wer­den. Zwar sind zum Schluß zwei Men­schen tot — aber ein Kri­mi ist es über­haupt nicht. Der Roman ist in drei Tei­le geglie­dert: Im ers­ten wird die Geschich­te des Dresd­ner Anti­quars Nor­bert Pau­li­ni von sei­ner Geburt in den 50-ern bis ins Heu­te. Und die­ser Teil (und damit der Roman) führt schon wun­der­bar in eine Geschich­te ein:

Im Dresd­ner Stadt­teil Bla­se­witz leb­te einst ein Antiquar,

So fan­gen Geschich­ten an, die von fer­nen Zei­ten erzäh­len. Und sei­ne Geschich­te ist aber­wit­zig, aber nicht undenk­bar: Pau­li­ni ist ein Leser und Bücher­lieb­ha­ber. Bücher sind dabei phy­sisch zu ver­ste­hen: Es geht um Erst­aus­ga­ben, beson­ders schön illus­trier­te oder beson­ders schön gebun­de­ne Aus­ga­ben, sol­che mit und sol­che ohne Schutz­um­schlag, sel­te­ne und noch sel­te­ne­re Bücher. Und er kann sie alle besor­gen. Er hat ein Anti­qua­ri­at (das scheint in der DDR gar nicht so schwie­rig gewe­sen zu sein) und kauft und ver­kauft eben alte Bücher. Wobei das Ver­kau­fen eher schmerz­voll ist, er hängt an den Büchern (und ver­sucht zumin­dest, sie alle zu lesen). Sei­ne Kund­schaft besteht aus Gelehr­ten, Künst­lern, Schrift­stel­lern — schon ein exklu­si­ver Kreis. Es ent­wi­ckelt sich neben­bei ein Salon, zu dem man ein­ge­la­den wer­den muß. Der Erzäh­ler, noch Schü­ler, bekommt irgend­wann über einen Archäo­lo­gen auch eine Ein­la­dung und ist fort­an Pau­li­nis Protegé.
So könn­te es in alle Ewig­keit wei­ter­ge­hen: Pau­li­ni wird zwar nicht reich (was ihn auch wirk­lich über­haupt nicht inter­es­siert), hat aber sei­ne Bücher, die er alle zu lesen ver­sucht und die er manch­mal auch ver­kauft; auch Anti­qua­re müs­sen essen.
Nach der Wen­de, Stück für Stück, funk­tio­niert das nicht mehr. Zuerst blei­ben die Kun­den weg, dann wird die Vil­la, in der sich das Anti­qua­ri­at befin­det, von Alt­ei­gen­tü­mern zurück­ge­for­dert, sei­ne Frau beich­tet, für die Sta­si gespit­zelt zu haben, zuletzt kommt noch das Elbe­hoch­was­ser von 2002, das ihm grö­ße­re Tei­le sei­nes Bestan­des zer­stört. Mit dem Rest (der immer noch rie­sig ist) wan­dert Pau­li­ni ins Dresd­ner Umland.
Dann endet der ers­te Teil abrupt, mit­ten in einem Satz.

Im zwei­ten Teil erzählt der fik­ti­ve Schrift­stel­ler Schult­ze(!), der eine Pau­li­ni-Bio­gra­phie schrei­ben möch­te (und mit dem Erzäh­ler aus dem ers­ten Teil iden­tisch ist), über die Arbeit an die­ser Bio­gra­phie. Die Sache ist schon dadurch ver­trackt, daß er eben Pau­li­nis Pro­te­gé ist, hin­zu kommt noch, daß er und der Anti­quar mit der­sel­ben Frau ein Ver­hält­nis haben. Die­ser zwei­te Teil ist eher Selbst­be­schau des Schrift­stel­lers und hat wenig Hand­lung. aber es ist fes­selnd zu lesen, wie die bei­den qua­si umein­an­der tanzen.

Der drit­te Teil dann schlägt noch­mals eine Vol­te: Hier erzählt Schult­zes Lek­to­rin, wie sie ver­sucht, das Ver­hält­nis zwi­schen ihm und Pau­li­ni zu ver­ste­hen, mit all den Eifer­süch­te­lei­en, Nei­den, manch­mal könn­te man fast einen Vater-Sohn-Kon­flikt ver­mu­ten. Und zwi­schen­durch, so sel­ten wie unver­mit­telt, kom­men auf ein­mal Sprü­che von Pau­li­ni, die man eher Pegi­da-Demons­tran­ten als einem Bücher­ge­lehr­ten zutraut. Da pas­siert, wie gesagt, sehr sel­ten, steht dann aber völ­lig erra­tisch im Roman­text. Es wird auch nicht erklärt, wie Pau­li­ni dazu gekom­men ist.
Erst in die­sem drit­ten Teil erfah­ren wir, daß Pau­li­ni und sei­ne Gelieb­te tot sind, abge­stürzt von einem Fel­sen in der säch­si­schen Schweiz. Ob Unfall, gemein­sa­mer Selbst­mord, Mord — das bleibt offen und ist auch nicht Gegen­stand des Romans (der Leser darf natür­lich wei­ter­den­ken, Schul­ze hat genü­gend Fut­ter ausgelegt)

Zum Titel ver­mag ich nichts zu sagen. Er deu­tet auf Mord hin, aber wie schon geschrie­ben: dar­um gehts gar nicht.

Die Kon­struk­ti­on des Romans mit den drei ver­schränk­ten Tei­len ist raf­fi­niert. Der ers­te, der auch der größ­te ist, liest sich fluffig weg, der zwei­te ist eher kon­tem­pla­tiv, der drit­te nimmt dann wie­der Erzähl­ge­schwin­dig­keit auf.

Was mir auf­ge­fal­len ist: Schul­zes Prä­zi­si­on bis in kleins­te unbe­deu­ten­de Details. Sowas:

Hil­de­gard Kos­sa­kow­ski hat­te ihm einst auf­er­legt, den »Abriß grie­chi­scher und römi­scher Kunst« zu lesen. Schef­fel unter­rich­te­te ihn mit weit aus­grei­fen­den Exkur­sen, die stets die erteil­ten Such­auf­trä­ge beglei­te­ten. Wirk­lich gele­sen aber hat­te er nur eini­ge Stan­dard­wer­ke. Doch das reich­te schon, um zu erken­nen, wel­chen Schatz es zu heben galt. Wäre nur nicht der Zigarrengestank.

Nun, es geht um die­ses Büch­lein, das Stan­dard­werk für Stu­den­ten der Klas­si­schen Archäo­lo­gie in der DDR. Und sein Autor hat­te ein zigar­ren­rauch­ge­tränk­tes Arbeits­zim­mer im Insti­tut (und bot übri­gens in Semi­na­ren allen Stu­den­ten Zigar­ren an) Die­ses Zitat ver­ste­hen viel­leicht 2 Dut­zend Men­schen auf der Welt, wenn sie denn über­haupt das Buch lesen. Und ähn­lich gela­ger­te Pas­sa­gen dürf­te es noch viel mehr geben. Das ist kein Spie­len bei Schul­ze des Effek­tes wegen, das gehört ein­fach zu sei­nem Leben. Hat mir sehr gefallen.

Stil und Spra­che: Schul­ze beob­ach­tet sehr prä­zi­se und hat ein phä­no­me­na­les Gedächt­nis. Die Beschrei­bung Dres­dens dürf­te vie­le gebür­ti­ge Dresd­ner ent­zü­cken. Und so schreibt er auch: prä­zi­se und klar, ohne Gedöns. Wie Gould Bach spielt. Nichts Aus­schwei­fen­des, immer auf den Punkt. Und liest sich dabei doch gut weg. (Und an man­chen Stel­len lugt ein Schalk um die Ecke…)

Ein Buch auch über Ost und West, über Frau­en und Män­ner, Ber­lin und vor allem Dres­den — und: Bil­dung. Bil­dung scheint mir das Haupt­the­ma zu sein, nur daß Schul­ze das nir­gend­wo rauskehrt.
Ein gutes Buch.

Im ebook hät­te ich mir X‑Ray gewünscht, auch wenn der Per­so­nen­kreis ver­gleichs­wei­se über­sicht­lich ist.

Kauf­emp­feh­lung? Absolut!

 

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Ausgelesen: Dan Brown, Illuminati

Der 13-jäh­ri­ge fand nichts mehr, was ihn zum Lesen ver­lei­ten kön­ne, und da dach­te ich mir: Ver­schwö­rungs­theo­rie, Geschich­te, Action, das müs­se einem Kna­ben sei­nes Alters doch zusa­gen, und so kam ich auf Dan Brown. Mei­ne Hood mein­te, das kön­ne schon was sein, es sei aber wohl bes­ser, wenn ich mit­lä­se, da das Buch doch stel­len­wei­se erklärt wer­den müsse.
Nach­dem ich nun das Buch durch­ge­le­sen habe: Ja, das ist so.

Ein irrer Plot: Die Illu­mi­na­ten, ein Orden der Wis­sen­schaft, wol­len die katho­li­sche Kir­che ver­nich­ten. Dazu brin­gen sie den Papst um, besor­gen sich aus dem CERN Anti­ma­te­rie, um den gesam­ten Vati­kan zu pul­ve­ri­sie­ren, vor­her wer­den noch die aus­sichts­reichs­ten vier Papst­kan­di­da­ten hin­ge­rich­tet. Dafür bedie­nen sie sich eines Meu­chel­mör­ders, der bei jedem Auf­tau­chen für auch den unauf­merk­sams­ten Leser deut­lich als Ara­ber gekenn­zeich­net wird.
Der Ret­ter ist (Über­ra­schung!) ein Ame­ri­ka­ner, eine Art India­na Jones. Eine ange­deu­te­te Lie­bes­ge­schich­te mit ange­deu­te­tem Sex ist auch dabei.
Der Roman ist ins­ge­samt bil­li­ger Schund.
Die Geschich­te stimmt hin­ten und vor­ne nicht, was so schlimm nicht wäre, schließ­lich ist es ein Roman. Aller­dings hält nichts, wirk­lich nichts einer Über­prü­fung stand, das ist schon arg. Wiki­pe­dia lis­tet das gut auf.
Es geht um den behaup­te­ten Gegen­satz von Wis­sen­schaft und Reli­gi­on. Bei Brown wird dar­aus eine Kon­kur­renz von zwei Reli­gi­ons­zen­tren: Vati­kan und CERN. Ja, rich­tig gele­sen. Im Roman ist das CERN die Zen­tral­kir­che aller Wis­sen­schaft und ihr Direk­tor Koh­ler ist der Papst.
Der Held ist Pro­fes­sor für Sym­bo­lo­gie (ich hab’ Semi­na­re zu christ­li­cher Iko­no­gra­phie besucht — sowas wie Sym­bo­lo­gie gibt es nicht) natür­lich in Havard, wo denn sonst. Sei­ne Mit­hel­din ist Wis­sen­schaft­le­rin am CERN, Mee­res­bio­lo­gin. Was auch immer Mee­res­bio­lo­gen am CERN suchen. Ach ja, sie ist auch noch Teil­chen­phy­si­ke­rin, viel­leicht des­halb. Die bei­den sind also die ganz Guten, es gibt noch sub­al­ter­ne Gute. Und dann gibt es den Schläch­ter. Den Assas­si­nen, den Meu­chel­mör­der. Und da wird es ganz übel, weil ein­deu­tig ras­sis­tisch. Brown wird nicht müde zu beto­nen, daß das ein Ara­ber ist (und als Pro­to­typ namen­los bleibt), der gene mor­det, Frau­en miß­han­delt, ernied­rigt und ver­ge­wal­tigt. Natür­lich wird er von dem ame­ri­ka­ni­schen Hel­den besiegt, natür­lich in aller­letz­ter Sekunde.
Am Ende steht übri­gens eine kom­plet­te Vol­te: Es waren gar nicht die Illu­mi­na­ti. Das ret­tet den Plot aber auch nicht mehr.
Hand­werk­lich ist der Roman gut gemacht, mit einer Schwä­che: Die Span­nungs­bö­gen wer­den gro­tesk über­dehnt. Ansons­ten aber: Flott geschrie­ben, abwechs­lungs­reich, die ein­zel­nen Kapi­tel ahebn eine Lese­zeit von maxi­mal 5 Minu­ten. Abrup­te Orts­wech­sel, har­te Schnit­te, fast wie ein Film.

Lese­emp­feh­lung? Nein. Wenn ihr was in der Rich­tung Ver­schwö­rungs­theo­rie, Action sucht, kuckt euch mal bei Stieg Lars­son um. Der hat wesent­lich mehr Substanz.

 

#aus­ge­le­sen

 

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Ausgelesen: Klemperer, LTI

Die­ses Buch hat­te ich schon ein­mal vor Jahr­zehn­ten gele­sen, es war mir aber mitt­ler­wei­le wenig erin­ner­lich. Klar, das The­ma (Lin­gua ter­tii impe­rii — die Spra­che des drit­ten Riches) Und auch, daß ich beein­druckt war.

Nun, mit der AfD und beson­ders der Höcke-Rhe­to­rik, gibt es wie­der Grund, das zu lesen. Aus­lö­ser war dann das abge­bro­che­ne Höcke-Inter­view mit den Höcke-Zita­ten, die genau­so­gut auch aus Hit­lers Mein Kampf hät­ten stam­men können.

Höckes Spra­che ist ganz frag­los zu wesent­li­che Tei­len LTI, und Spra­che ist immer Den­ken. Von daher: Höcke ist unzwei­fel­haft der nazis­ti­schen Ideo­lo­gie ver­haf­tet, Klem­pe­rer kann es belegen.

Und damit zum Buch: Der Autor ist ein unfaß­bar bele­se­ner Roma­nis­tik-Pro­fes­sor. Und Jude in Dres­den, den gan­zen Faschis­mus hin­durch — jeden­falls bis zum ver­hee­ren­den Bom­bar­de­ment am 13. Febru­ar 45. Er lan­det nur in kei­nem Ver­nich­tungs­la­ger, weil er mit einer Deut­schen ver­hei­ra­tet ist. Es gibt eine wun­der­ba­re Lie­bes­er­klä­rung an sei­ne Frau, ohne ihren Namen zu nen­nen. Fin­den müßt ihr das selber 🙂
Er hat all die Jah­re Auf­zeich­nun­gen gemacht, Auf­zeich­nun­gen zu Wör­tern und deren Bedeu­tungs­ver­schie­bun­gen. Es geht nicht um Gram­ma­tik oder Satz­bau, son­dern allen um Wör­ter — von daher hät­te das Buch wohl bes­ser Ver­ba ter­tii impe­rii gehei­ßen. Durch die­se lin­gu­is­ti­sche Arbeit und durch die Unter­stüt­zung sei­ner Frau und einer sehr über­sicht­li­chen Anzahl guter Men­schen hat er überlebt.

Ehr­lich gesagt: Nach einem Drit­tel wur­de mir der phi­lo­lo­gi­sche Teil lang­wei­lig. Noch ein Bei­spiel für sprach­li­che Ver­ro­hung, und noch eins, und noch eins. Das ist wich­tig für Wis­sen­schaft­ler, weni­ger aber mir. Doch ist das Buch eben auch eins dar­über, wie er im Nazis­mus über­lebt. Und das bleibt span­nend. Mög­li­cher­wei­se sind die Tage­bü­cher da noch aussagekräftiger.

Zum Ebook: Das ist lei­der lieb­los gera­ten. Es sind Fuß­no­ten im Lauf­text gesetzt, die aber kei­ne Links zu Fuß­no­ten sind, son­dern ein­fach nur Zah­len in ecki­gen Klam­mer. Ein Tap bewirkt gar nichts. Ande­rer­seits gibt es Links, die zu End­no­ten füh­ren. Von dort geht es dann aber nur umständ­lich wie­der in den Text zurück.
Das hät­te man bes­ser machen müs­sen. Die End­no­ten sel­ber sind wirk­lich beach­tens­wert, das Papier­buch ist offen­sicht­lich gut lektoriert.

Lese­emp­feh­lung?
Ja, wenn man der AfD ins Gehirn stei­gen mag und/oder an Spra­che im Nazis­mus inter­es­siert ist. Aslle ande­ren soll­ten aber wenigs­tens ein oder zwei Kapi­tel gele­sen habe, ich fin­de, für Deut­sche gehört das zur Allgemeinbildung.

 

#aus­ge­le­sen

 

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Unterleuten

Ich habe mal wie­der ein Buch #aus­ge­le­sen, dies­mal mit über 600 Sei­ten ein recht umfang­rei­ches. Juli Zeh, Unterleuten.

Der Roman spielt im im Wesent­li­chen im Som­mer 2010 in einem bran­den­bur­gi­schen Dorf. Han­deln­de sind die Dorf­ein­woh­ner, von denen jeder eine Geschich­te hat, jeder mit jedem in irgend­ei­nem Abhän­gig­keits­ver­hält­nis steht. Ein Gesell­schafts­ro­man zwei­fel­los, aber auch ein Dra­ma. Schon die Ein­tei­lung in Akte und Sze­nen legt das nahe, aber auch der gesamt Auf­bau des Romans: zuerst wer­den die per­so­nae dra­ma­tis vor­ge­stellt, dann kommt die Hand­lung, dann das Finale.

Es geht um einen Wind­park, der Flä­che braucht. Es gibt meh­re­re mög­li­che Flä­chen, mit unter­schied­li­chen Besit­zern. Wer der Win­kraft-Fir­ma Land ver­pach­ten kann, wird reich wer­den. Aber auch das Dorf wür­de durch Steu­er­ein­nah­men finan­zi­ell saniert wer­den. Hin­zu kom­men dann Natur­schüt­zer (aus der Stadt hin­zu­ge­zo­gen) und wei­te­re Einzelinteressen.
Alte Feind­schaf­ten bre­chen bre­chen auf, neue ent­ste­hen. Das Wind­kraft­vor­ha­ben wirkt wie ein Kata­ly­sa­tor, es schafft kei­ne Kon­flik­te, aber befeu­ert sie.
Und Gegen­sät­ze wer­den zuhauf behan­delt: Alte gegen Jun­ge, Ein­hei­mi­sche gegen Zuge­reis­te, Umwelt­schutz gegen Ener­gie­wen­de, Rei­che gegen Arme, Wes­sis gegen Ossis, Macher gegen Getrie­be­ne, Gewin­ner gegen Ver­lie­rer… — zuviel für mei­nen Geschmack.

Der Roman mit all sei­nen Per­so­nen, bei denen es schwer fal­len kann, den Über­blick zu behal­ten¹ ist am Reiß­brett ent­wor­fen, die Hand­lung und die Per­so­nen wir­ken sehr durch­dacht, was durch­aus nicht nega­tiv gemeint ist.
Aller­dings blei­ben die Per­so­nen Typen, die so blei­ben wie sie ange­legt sind. Da ent­wi­ckelt sich nie­mand, jeder ist in sei­nen Inter­es­sen gefan­gen und bleibt auch da.
Kei­ner ist lie­bens­wür­dig, und das fällt auf: Es gibt kei­ne Lie­be in dem Buch. Natür­lich gibt es Paa­re, Kin­der, auch Sex, aber nir­gends gibt es Lie­be. Wohl weil jeder sei­nen eige­nen Plan hat.

Das ist in der ers­ten Buch­hälf­te alles ganz ange­nehm zu lesen, Frau Zeh erfin­det immer wie­der neue, poe­ti­sche Bil­der, um ihre Prot­ago­nis­ten zu beschrei­ben. Dann wur­de es mir aus genau die­sem Grun­de lang­wei­lig: Die Per­so­nen waren mir nun zur Genü­ge bekannt, ich brau­che nicht die drölf­zigs­te Beschrei­bung, nicht mehr nach 300, 400 Seiten.

Wenigs­tens zieht die Hand­lung dann nach zwei Drit­teln an, bis es zum Schluß zur Kata­stro­phe kommt.

Ganz am Ende gibt es dann noch einen län­ge­ren Epi­log, von der fik­ti­ven Roman­au­torin ver­faßt. Das ist schon raffiniert.

Ich habe die Kind­le-Aus­ga­be gele­sen, da ist X‑Ray ein Segen gewesen.

Lese­emp­feh­lung? Ja! Das ist ganz sicher einer der bes­ten neue­ren deut­schen Romane.


¹ hät­te ich doch beim Lesen https://unterleuten.de/unterleuten.html gekannt!

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Herr Sonneborn geht nach Brüssel

Son­ne­born geht 2014 für die PARTEI ins EU-Par­la­ment und berich­tet von dort über sei­ne Arbeit als frak­ti­ons­lo­ser Abgeordneter.
Her­aus­ge­kom­men ist eine Art Tagebuch.
Sei­ten­wei­se fiel mir beim Lesen nur ein Kom­men­tar ein: WTF??? — denn berich­tet wird (der Autor ist Son­ne­born!) vor allem natür­lich von den end­lo­sen Absur­di­tä­ten in der EU-Poli­tik, der EU-Büro­kra­tie, und dazu von den Eitel­kei­ten vie­ler Abge­ord­ne­ter (sei­ne Lieb­lings-Ziel­schei­ben sind Elmar Brok, Jo Lei­nen und Udo Voigt)
Was er schreibt, ist soli­de recher­chiert (er hat eine tüch­ti­ge Assis­ten­tin) und mit Quel­len belegt — wahr­schein­lich schon, um sich Ver­leum­dungs­kla­gen vom Hals zu halten 🙂
Es ist natür­lich das Buch eines Sati­ri­kers, noch dazu eines, der gewiß nicht an Selbst­zwei­feln lei­det. An man­chen Stel­len aber, nament­lich bei der EU-Hal­tung zur Mit­tel­meer­tra­gö­die, wird er ganz unsa­ti­risch und wütend und betrof­fen. Die PARTEI war viel­leicht mal als Spaß­pro­jekt gestar­tet, mitt­ler­wei­le ist sie erwach­sen gewor­den — und natür­lich noch immer eine Sati­re­par­tei, Gottseidank!

Lei­der ist das Buch deut­lich zu lang gera­ten. Schein­bar woll­te Son­ne­born die gesam­te Legis­la­tur­pe­ri­ode abde­cken (was er auch getan hat). Doch etwa ab der Hälf­te oder dem zwei­ten Drit­tel wird es ermü­dend, die Per­so­nen sind mitt­ler­wei­le alle bekannt, der Betrieb beschrie­ben — da kom­men dann nur noch wei­te­re Anek­do­ten. Zum Ende hin woll­te ich nur noch fer­tig wer­den. Schade.

Lese­emp­feh­lung? Ja.

#aus­ge­le­sen

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