Solschenizyn, Der Archipel Gulag

Es gibt Bücher, die kennt jeder, die hat kaum jemand gele­sen. Der Archi­pel Gulag gehört zu die­sen, Gulag geht flott vom Mund. Des­halb woll­te ich das Buch ein­mal lesen. Es geht nichts über Pri­mär­quel­len, und ein Tweet mit dem dem Screen­shot eines Zei­tungs­ar­ti­kels ist kei­ne Pri­mär­quel­le. Sol­sche­ni­zyn übri­gens auch nur bedingt, dazu später.
Nur zur Ein­sor­tie­rung, falls das nicht klar sein soll­te: Sol­sche­ni­zyn sel­ber hat acht Jah­re im Gulag ver­bracht, danach vier wei­te­re Jah­re in der Ver­ban­nung. Wenn jemand berech­tigt ist, über sta­li­nis­ti­sches Gulag und Ver­ban­nung zu schrei­ben, dann er, der im Gegen­satz zu Mil­lio­nen ande­ren das Sys­tem überlebte.
Kei­ne leich­te Kost ist zu erwar­ten und wird es auch nicht werden.

Das Buch ist kein Sach­buch, kei­ne Auto­bio­gra­phie — es ist von bei­dem etwas. Er beschreibt sei­ne Erleb­nis­se, aber er hat wohl nach Ein Tag im Leben des Iwan Denis­so­witsch vie­le Brie­fe von Lei­dens­ge­nos­sen bekom­men mit deren eige­nen Schil­de­run­gen — doch schon da geht es los: wie vie­le Brie­fe? Dut­zen­de? Hun­der­te? Tau­sen­de? Das Gulag hat Aber­mil­lio­nen das Leben gekos­tet. Sind die Brie­fe weni­ger wert, weil der über­gro­ße Teil der Geschun­de­nen kei­ne Brie­fe geschrie­ben hat? Dar­über mag man nicht urteilen…

Es gibt ein paar Erkennt­nis­se für mich, die ande­ren nicht neu sein mögen, ich aber doch benen­nen möchte:

Der Autor ver­gleicht immer wie­der das Lager- und Ver­ban­nungs­we­sen mit dem im Zaris­mus und kommt zu dem schlecht wider­leg­ba­ren Ergeb­nis: Unter den Zaren war alles bedeu­tend bes­ser. Lenin durf­te in der Biblio­thek alle Lite­ra­tur lesen, um selbst dann poli­ti­sche Kampf­schrif­ten zu schrei­ben, unter Sta­lin wur­den die Häft­lin­ge ein­fach durch Arbeit ermor­det.
Es ist für den Leser wirk­lich schwer: Irgend­wann meint der Autor dann, daß man das Lager und die anschlie­ßen­de Ver­ban­nung lie­ben müs­se, weil sie einen zum Men­schen macht. Das hal­te ich ja nun für min­des­tens frag­wür­dig — aber wer bin ich denn in mei­nem war­men Ein­fa­mi­li­en­haus, daß ich einem Men­schen, der all dies durch­ge­macht hat, bes­ser­wis­se­risch ans Leder dürfte?

Und doch… Das Buch ist zu gro­ßen Tei­len in einem sar­kas­ti­schen, eher zyni­schen Ton geschrie­ben, das irritiert.

Schlu­ßend­lich noch: Dass Ebook ist so lala. X‑Ray, das ist gut. Die Sil­ben­tren­nung teil­wei­se aben­teu­er­lich, Schus­ter­jun­gen und Huren­söh­ne blei­ben nicht aus.

Lese­emp­feh­lung? Schwie­rig. Wer den Kampf­be­griff Gulag nicht nur ver­wen­den, son­dern auch ver­ste­hen möch­te: Unbe­dingt. Wer eine lite­ra­ri­sche Auf­ar­bei­tung des Gulag sucht, der soll­te viel­leicht woan­ders lesen, Ach­ma­to­wa etwa?

 

#aus­ge­le­sen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.