Simon Sebag Montefiore, Stalin. Am Hof des roten Zaren

Mal wie­der ein Schin­ken, für den ich meh­re­re Wochen benö­tigt habe. 800 Sei­ten Text, plus 200 Sei­ten Apparat.

Der Titel mutet rei­ße­risch an, das Buch ist es nicht. Es sind dier Innen­an­sich­ten in den inners­ten Füh­rungs­kreis um Sta­lin her­um, mit Beleuch­tung vor allem der Per­so­nen, ihrer Hand­lun­gen und Eigenschaften.
Es waren durch die Bank böse Men­schen, die böses getan haben. Die Opfer­zah­len, wir wis­sen es alle, gin­gen in den zwei­stel­li­gen Mil­lio­nen­be­reich, nur die Todes­op­fer. Ver­hun­gert, erschla­gen, erschos­sen, erfro­ren, ein unfaß­ba­res Leid über ca. 20 Jah­re. Was waren das für Men­schen, die das zu ver­ant­wor­ten haben?
Wer ein Psy­cho­gramm von Sta­lin und sei­ner Kama­ril­la erwar­tet, der wird ent­täuscht wer­den. Es wird beschrie­ben, was die­se Leu­te gemacht haben (auch im ganz per­sön­li­chen Bereich) und ver­sucht zu ergrün­den, wie sie so gewor­den sind.

Ich sehe drei gro­ße Abschnit­te: ers­tens die Zeit bis zu den Mos­kau­er Pro­zes­sen, zwei­tens die Pro­zes­se und die Zeit bis zum Kriegs­en­de, drit­tens die Nach­kriegs­zeit bis zur Ärz­te­ver­schwö­rung und vier­tens Sta­lins Alt­wer­den, sein Rea­li­täts­ver­lust, ers­te Absetz­be­we­gun­gen sei­ner Kum­pa­ne, und schließ­lich sein lang­sa­mer Tod. Ein Epi­log gibt noch eine Über­sicht über die Lebens­we­ge der über­le­ben­den Füh­rungs­fi­gu­ren und ihrer Nachkommen.

Das ist alles belegt, wie gesagt, der Appa­rat ist 200 Sei­ten fett. Und es kom­men unfaß­bar vie­le Per­so­nen vor, völ­lig unmög­lich, da den Über­blick behal­ten zu wol­len. Ich habe mich auf die engs­ten Mit­ar­bei­ter beschränkt, aber auch die wech­sel­ten ja, man den­ke an die Ket­te Jago­daJeshowBeri­jaAbu­ka­mow. Sind übri­gens alle als Ver­rä­ter erschs­sen wor­den. Immer­hin gibt es ein Per­so­nen­ver­zeich­nis (150 Seiten!)

Was mir eigent­lich bewußt war, ich aber wie­der leicht ver­ges­sen hat­te: Sta­lins Ter­ror mach­te auch vor den eige­nen Leu­ten und ihren Fami­li­en nicht halt, buch­stäb­lich nie­mand konn­te sich sicher fühlen.

Das Buch ist unge­heu­er fak­ten­reich und dabei doch les­bar geschrie­ben. Da wer­den sich manch­mal der His­to­ri­ker und der Journalist/Schriftsteller ver­mengt habe. Wer eine streng his­to­ri­sche Unter­su­chung lesen möch­te, hält sich bes­ser an Bab­e­row­ski (der übri­gens ein wohl­wol­len­des Vor­wort zu die­sem Buch geschrie­ben hat)

xmpp user anlegen in prosody

Variante 1 (shell)

❯ prosodyctl register bob sokoll.com
Enter new password:
Retype new password:
usermanager         info        User account created: bob@sokoll.com
❯

Nut­zer ist hier:

❯ ls -l /var/lib/prosody/sokoll%2ecom/accounts/bob.dat
-rw-r----- 1 prosody prosody 272 30. Jun 22:59 /var/lib/prosody/sokoll%2ecom/accounts/bob.dat
❯

Variante 2 (invite)

Invi­te ist bes­ser, weil da kein Paß­wort initi­al ver­ge­ben wer­den muß:

prosodyctl shell

Dann in der Shell:

prosody> > prosody.hosts["sokoll.com"].modules.invites.create_account("bob")
| Result: {
        allow_registration = true;
        uri = "xmpp:bob@sokoll.com?register;preauth=XyaNSWiOP4hOBR23EFuA8N-2";
        expires = 1783460039;
        token = "XyaNSWiOP4hOBR23EFuA8N-2";
        type = "register";
        created_at = 1782855239;
        landing_page = "http://invite.sokoll.com:5282/invites_page?XyaNSWiOP4hOBR23EFuA8N-2";
        jid = "bob@sokoll.com";
}
prosody>

Der invi­te-Link ist dann https://invite.sokoll.com/invites_page?XyaNSWiOP4hOBR23EFuA8N‑2

Pen­ding invi­tes sehen:

❯ prosodyctl shell invite list sokoll.com
Token                    | Expires              | Description
tsjrQszKbJaRBOinRQeVSJ7u | 2026-07-07T23:40:31  | Register on sokoll.com with username bob
XyaNSWiOP4hOBR23EFuA8N-2 | 2026-07-07T23:33:59  | Register on sokoll.com with username bob
OK: 2 pending invites
❯  

Löschen:

❯ prosodyctl shell invite delete sokoll.com tsjrQszKbJaRBOinRQeVSJ7u
OK: Invitation deleted
❯ prosodyctl shell invite delete sokoll.com XyaNSWiOP4hOBR23EFuA8N-2
OK: Invitation deleted
❯ prosodyctl shell invite list sokoll.com
Token                    | Expires              | Description
OK: 0 pending invites
❯  

Peter Høeg, Das stille Mädchen

Ich will nicht gleich sagen, daß das ein jeden­falls für mich ent­täu­schen­des Buch ist, doch: es ist eins. Kin­der wer­den gefol­tert und getö­tet, es gibt eine gro­ße Ver­schwö­rung, klas­si­sche Musik spielt eine aber­wit­zig bedeu­ten­de Rol­le, Clowns­kunst ebenso.

Eine Hand­lung gibt es nicht, wenn auch zum Ende hin das Bild sich auf­klart. Immo­bi­li­en­ge­schäf­te in Kopen­ha­gen und Kin­der, die Erd­be­ben vor­aus­sa­gen kön­nen und des­halb ent­führt und ein­ge­sperrt wer­den. Aber so wirk­lich klar ist auch am Ende nichts.

Der Held erlei­det Bauch­durch­schüs­se und bewegt sich doch sou­ve­rän durch die Röh­ren der Ent­wäs­se­rungs­ka­nä­le, zusam­men mit rus­sisch-ortho­do­xen Non­nen und einer Schwarzafrikanerin.

Musik geht dann so:

Auch die Melo­die war sel­ten, BWV Anhang 127, einer von Bachs zwei oder drei Mär­schen, in Es-Dur, so gut wie nie gespielt, beson­ders in die­ser Ver­si­on, einer Zir­ku­s­or­ches­trie­rung von John Cage.

Die­ses wirk­lich mani­rier­te kommt wie­der und wie­der und wie­der, sehr nervend,

Ins­ge­samt: Da hat Høeg schein­bar James Bond und Dan Brown auf­merk­sam kon­su­miert, bei­de kom­bi­niert und etwas noch schlech­te­res als Dan Brown geschrie­ben, wozu eini­ges gehört.

Und: das Buch ist auch noch schlecht geschrie­ben. Zu gro­ßen Tei­len liest man ein län­ge­res Stak­ka­to von Haupt­sät­zen, das ist schwer zu lesen.

Lese­emp­feh­lung? Nein, lei­der unter gar kei­nen Umständen.

Christoph Hein, das Narrenschiff

Enttäuschend.
Das Buch ist ja hoch­ge­lobt und Hein wahr­haft ein Chro­nist der letz­ten 50 oder auch 100 Jah­re. Wenn jemand etwas zum The­ma Sta­li­nis­mus und DDR zu erzäh­len hat, dann ja wohl Hein.

Es geht um die Geschich­te der DDR, begin­nend mit der Lan­dung der Grup­pe Ulb­richt bis zum Beginn des eini­gen Deutsch­lands so etwa 1991.
Haupt­fi­gu­ren sind drei Män­ner: Johan­nes Goretz­ka, Kars­ten Emser und Bena­ja Kuckuck. Goretz­ka ist ein durch­gän­gig unsym­pa­thi­scher, hart­hol­zi­ger Sta­li­nist, frü­her ein über­zeug­ter Nazi, Zeit sei­nes Lebens ein immer über­zeug­ter Mit­läu­fer im jewei­li­gen Wind. Kars­ten Emser ein fein­geis­ti­ger Öko­nom und Kom­mu­nist, Mit­glied im Zen­tral­kom­mi­tee. Er trägt ein­deu­tig Züge von Jür­gen Kuc­zyn­ski und viel­leicht auch Georg Luká­cz — aber er ist es natür­lich nicht, so platt geht es bei Hein nicht zu. Und dann ist da noch der schwu­le Bena­ja Kuckuck, ein inter­na­tio­nal hoch­ge­schätz­ter Shakespeare-Fachmann.
Alle drei gehö­ren sie auf unter­schied­li­chen Stu­fen zur Nomen­kla­tu­ra. Emser hat 1937 im Lux gewohnt und hat seit­dem zwar Idea­le, aber kaum noch Illu­sio­nen. Er wohnt mit sei­ner gelieb­ten Frau in einem gro­ßen Haus, hat eine Haus­häl­te­rin. Goretz­ka ist Metall­ur­ge und macht sich Hoff­nun­gen auf eine Kar­rie­re im Minis­te­ri­um, viel­leicht sogar bis zum Minis­ter­pos­ten, dem ord­net er alles und alle unter, auch sei­ne Frau und sei­ne Kin­der, die er durch­weg lieb­los behan­delt. Kuckuck ist eine ganz ande­re Geschich­te: Er ist als jüdi­scher Intel­lek­tu­el­ler nach Eng­land aus­ge­wan­dert und dort der KPD bei­getre­ten, woll­te sogar in den spa­ni­schen Bür­ger­krieg zie­hen (was gute Freun­de ihm aus­ge­re­det haben) Als aus­ge­wie­se­ner Fach­mann erhofft er sich nach dem Krieg eine ordent­li­che Pro­fes­sur, bekommt aber im jedem Wes­ten kei­ne als KPD-Mit­glied. Und so zieht er in die DDR — um dort auch kei­ne Pro­fes­sur zu bekom­men, da er jah­re­lang in Eng­land gelebt hat, wird er als unsi­che­rer Kan­di­dat ange­se­hen. Noch dazu lebt er mit einem Mann zusam­men, was vie­len Hart­kno­chen suspekt ist. Immer­hin ist er der sym­pa­thischs­te von den dreien.
Hein beglei­tet die drei und ihre Part­ner, Kin­der, Enkel durch die Jahr­zehn­te bis zum Ende der DDR, was auch das Ende der drei ist. Sie ster­ben am Alter, wor­an man dann eben stirbt: Schhlag­an­fall, Krebs, Demenz. Wie die DDR.
Emser wird immer zyni­scher, Goretz­ka ver­bit­ter­ter, Kuckuck hat sei­ne Nische gefun­den. Die drei sind irgend­wie Typen, ich weiß nicht, wie ich das bes­ser sagen könnte.
Ein Zitat:

Man darf sich irren”, fuhr Emser fort, “aber nie gegen die Par­tei. Und wenn die Par­tei sich irrt, machst Du einen Feh­ler, wenn Du die­sen Irr­tum nicht teilst. Man darf nie gegen die par­tei recht haben, denn sie allein hat immer recht.”

Das sagt Emser zu Goretz­ki, als die­ser abge­straft wird, weil er gegen die Par­tei auf dem Gebiet der Metall­ur­gie recht behal­ten wollte.
Das Buch zeigt vie­le Zäsu­ren der DDR-Geschich­te, die Grün­dung, der 17. Juni 1953, die Geheim­re­de auf dem 20. Par­tei­tag, das 11. Ple­num, Der Hon­ecker-Putsch gegen Ulb­richt, schließ­lich die Mon­tags­de­mos und die Alex-Demo.

Lei­der kann Hein sich nicht ent­schei­den, ob er eine Chro­nik oder einen Roman schrei­ben soll, und so ist ihm lei­der weder das eine noch das ande­re gelungen.
Und es ist auch nicht gut geschrie­ben, die Dia­lo­ge lesen sich teil­wei­se wie aus Leit­ar­ti­keln abgeschrieben.

Scha­de, ich hat­te mir mehr erhofft.

Lese­emp­feh­lung? Nein

Christoph Hein, Frau Paula Trousseau

Ein trau­ri­ger Roman. Oder anders: eine Geschich­te, die mich beim Lesen trau­rig gemacht hat.

Wor­um geht es?
Die Hel­din Pau­la, am Beginn des Romans 19 Jah­re alt, lebt mit Bru­der und Schwes­ter beim tyran­ni­schen Vater und der trin­ken­den Mut­ter. Irgend­wann schein­bar in den spä­ten 70-er Jah­ren, in Leip­zig (oder einem klei­nen Ort bei Leip­zig?). Sie macht eine Aus­bil­dung zur Kran­ken­schwes­ter, ihre Lie­be gehört aber der Male­rei, und sie bewirbt sich ohne Hoff­nung in Ber­lin an der Kunst­hoch­schu­le. Sie steht kurz vor der Hoch­zeit mit einem unsym­pa­thi­schen Kar­rie­ris­ten, der ihr aber ein mate­ri­ell sorg­lo­ses Leben bie­ten kann. Der ers­te gro­ße Kon­flikt kommt: Die Auf­nah­me­prü­fung ist am Hoch­zeits­tag, und Pau­la läßt lie­ber ihre Hoch­zeit sau­sen als daß sie die Auf­nah­me­prü­fung ver­paßt. Ihrem Bräu­ti­gam ist das völ­lig unver­ständ­lich, er sucht eine Frau, die ihm Bier und Pan­tof­feln bringt, und Pau­las Vater hält sei­ne Toch­ter ohne­hin für kom­plett unterbelichtet.
Pau­la setzt sich durch, fährt nach Ber­lin und wird gegen jede Wahr­schein­lich­keit auf­ge­nom­men. Die nächs­te Kata­stro­phe: Pau­la ist schon bei der Auf­nah­me­prü­fung schwanger.
Sie bekommt das Baby und meis­tert das Stu­di­um trotz der Dop­pel­be­las­tung. Der Kin­des­va­ter kann sich aber nicht mit ihrem Lebens­ent­wurf abfin­den: Male­rin, in Ber­lin mit dem Kind, er in Leip­zig. So wird vor Gericht um das Kind gestrit­ten (es ist da viel­leicht 3 Jah­re alt) — und das Kind wird dem Vater zuge­schla­gen, der ihr dann die Toch­ter vor­ent­hält. Pau­la wird die nächs­ten 18 Jah­re ihre Toch­ter nicht mehr sehen. Das fährt dann schon in den Magen des Lesers.
Pau­la hat dann schon wäh­rend des Stu­di­ums eine Lia­si­on mit einem ihrer Pro­fes­so­ren, viel älter, der sie natür­lich pro­te­giert. Die­ser gan­ze Mit­tel­teil ihres Lebens ist geprägt von der Kunst­sze­ne: “Maler­fürs­ten”, die an den Stu­den­tin­nen inter­es­siert sind, die Jagd nach Per­so­nal­aus­stel­lun­gen, der Zwang zum Geld­ver­die­nen (Bücher­il­lus­tra­tio­nen in Pau­las Fall), Bekannt­schaf­ten mit ande­ren Künst­lern. Alle Män­ner-Bezie­hun­gen gehen in dem gesam­ten Roman kaputt, es gibt zwei Frau­en, die Pau­la wirk­lich liebt, auch im Bett¹.
Pau­la bekommt dann noch einen Sohn, der bleibt bei ihr.
Sie hat sich dann lang­sam einen Namen erar­bei­tet, bekommt Auf­trä­ge, von denen sie jeden­falls leben kann.
Dann kommt die Wen­de, und die Auf­trä­ge bre­chen von einem Tag auf den ande­ren weg, irgend­wie kann sie das aber auf­fan­gen, auch wenn sie dau­er­plei­te ist. Ihr Sohn wird groß, beginnt ein Stu­di­um, zieht aus, heiratet.
Sie macht noch einen Ver­such mit Cor­du­la, ihrer Toch­ter: Ein Tref­fen in einem Leip­zi­ger Café, in dem sie Cor­du­la ein­fach nur die müt­ter­li­che Sicht auf die Geschich­te von Mutte/Vater/Tochter nhe­brin­gen möch­te. Es klappt nicht, Cor­du­la ist nicht inter­es­siert. Auch die­se Sze­ne fährt direkt in mei­ne Magengrube.
Am Ende, nach­dem sie alle ihre Män­ner ver­las­sen hat, ihre eine Freun­din gestor­ben ist und der Sohn ein eige­nes Leben ohne Mut­ter hat, fährt sie nach Frank­reich und bringt sich mit Mit­te 40 um.

Es ist deut­lich ein Ent­wick­lungs­ro­man: Anfangs ist Pau­la klar vom Vater domi­niert, im Lau­fe der Zeit eman­zi­piert sie sich immer mehr, bis hin zum Sui­zid. Der Preis für die­se Eman­zi­pa­ti­on: Här­te. Här­te gegen­über ihrer Umwelt, Här­te gegen­über sich selbst. Eigent­lich ist sie gegen­über allen ihren Män­nern ein Ekel. Aber sie muß es sein, anders könn­te sie nicht über­le­ben. Und so wird dem Leser, jeden­falls mir, Pau­la immer lie­bens­wer­ter über die Kapitel.
Und am Ende bringt sie sich ohne wei­te­re Erklä­rung um.

Die Schrei­be ist Hein-typisch prä­zi­se, unauf­ge­regt, lako­nisch. Das zu lesen ist schön.

Lese­emp­feh­lung? Ja!

 


¹ War­um Hein die­sem The­ma rela­tiv brei­ten Raum wid­met, ver­ste­he ich nicht.

Wassili Grossman, Leben und Schicksal

Was für ein Roman!
Natür­lich hat­te ich vor­her nach­ge­le­sen, was da auf mich zukom­men wür­de, aber mit der puren Wucht hat­te ich dann doch nicht gerechnet.
1200 Sei­ten, die an die Nie­ren gehen, die einen manch­mal wei­nen las­sen. Und hof­fen las­sen, hof­fen, daß die Mensch­lich­keit doch stär­ker ist als die Unmensch­lich­keit, auch wenn man das manch­mal nicht mehr hof­fen kann.

Das Buch spielt in der Zeit der Schlacht von Sta­lin­grad bis etwa zur Zeit der Ärz­te­ver­schwö­rung. Meis­tens in Sta­lin­grad, aber auch in Mos­kau, Kui­by­schew, in der Step­pe, in der Wolfs­schan­ze. Die han­deln­den Figu­ren sind Dut­zen­de, es ist für mich jeden­falls meis­tens unmög­lich, deren Ver­hält­nis­se unter­ein­an­der ein­zu­ord­nen, vie­le sind weit­läu­fig mit­ein­an­der ver­wandt oder ver­schwä­gert. Eine Haupt­fi­gur ist der jüdi­sche Kern­phy­si­ker Strum.
Der Roman beginnt in Sta­lin­grad, das von den Deut­schen und ihren Ver­bün­de­ten bela­gert wird. Da gibt es ein Haus “6/1”. Es scheint ziem­lich groß zu sein, völ­lig zer­schos­sen, dar­in Rot­ar­mis­ten, die die­ses völ­lig unwich­ti­ge Haus zäh gegen die Angrei­fer ver­tei­di­gen, über Tage und Wochen und Mona­te. Da ist es dre­ckig, es ist Krieg, Und doch fei­ern die Ver­tei­di­ger manch­mal mit altem Brot und Wod­ka, es kom­men mal Polit­of­fi­zie­re zur Erbau­ung — ja manch­mal liest sich das wie ein nor­ma­les Leben unter Kriegs­be­din­gun­gen. Das fand ich stre­cken­wei­se irri­tie­rend, wie der Krieg nor­mal gewor­den ist.
Dann wech­seln die Schau­plät­ze, es gibt auch kei­ne durch­gän­gi­ge Handlung.

Die Lager. Aber wel­che? Das ist ver­stö­rend: Es wird sei­ten­wei­se Ernied­ri­gung und Lager­le­ben beschrie­ben — nur weiß man nicht: KZ oder Gulag? Irgend­wann dann wird es klar, klar wird aber auch: es ist eigent­lich egal. In bei­den wer­den Men­schen gefol­tert und umgebracht.

Dann kom­men ein paar Kapi­tel (die Kapi­tel sind recht kurz in dem Buch), die für mich zum erschüt­ternds­ten gehö­ren, was ich je gele­sen habe: ein klei­ner Jun­ge, 6 oder viel­leicht auch 10 Jah­re alt, ohne Beglei­tung, kommt mit einem Juden­trans­port an der Ram­pe an. Ob nun Ausch­witz oder ein ande­res Ver­nich­tungs­la­ger ist egal. Eine jüdi­sche Ärz­tin nimmt sich sei­ner an, hält sei­ne Hand bis alle im Gas ster­ben. Die­ser kur­ze Weg von der Ram­pe bis in den Tod wird nüch­tern beschrie­ben, so, wie es ver­mut­lich war. Und das lesen­de Auge sieht all die nack­ten Men­schen, die in die Gas­kam­mer gepfercht wer­den, man­che glau­ben wirk­lich ver­zwei­felt, daß es zum Duschen geht, ande­ren ist völ­lig klar, daß es ins Gas geht, das hat­te sich unter den Juden schon lan­ge rumgesprochen.
Wem da beim Lesen nicht das Herz krampft, der ist zu bedauern.

Strum hat eine bahn­bre­chen­de Theo­rie auf­ge­stellt, alle Fach­kol­le­gen sind sich da einig, selbst die Nei­der. Aber er hat einen Feh­ler gemacht. Er hat deut­lich gesagt, daß es kei­ne kapi­ta­lis­ti­sche oder trotz­kis­ti­sche oder sowje­ti­sche Phy­sik gibt, son­dern nur Phy­sik. Das ist in der Sowjet­uni­on unter Sta­lin ein Nogo, das darf man nicht ein­mal im engs­ten Freun­des­kreis sagen. Strum ver­liert sei­ne Stel­lung, rech­net jeder­zeit damit, ver­haf­tet zu wer­den. 1937 liegt ja nicht lan­ge zurück.

Zurück nach Sta­lin­grad: Die Situa­ti­on hat sich geän­dert: die 6. Armee unter Pau­lus ist auf ein­mal ein­ge­kes­selt, und es dau­ert nicht lan­ge, bis sie sich ergibt. Auch hier schreibt Gross­man ver­stö­rend, wie zer­lump­te, halb ver­hun­ger­te Sol­da­ten durch die zer­stör­te Stadt lau­fen, stän­dig auf der Suche nach einem noch nicht ganz abge­nag­ten Pfer­de­kno­chen, einem noch nicht ganz ver­schim­mel­ten Kohl­blatt. Nur weiß man nicht, ob es Rot­ar­mis­ten oder Wehr­machts­sol­da­ten sind, es gibt kaum einen Unterschied.

Dazwi­schen immer wie­der län­ge­re moral­phi­lo­so­phi­sche Pas­sa­gen: Was ist ein guter Mensch? Ein schlechter?

Nach­dem nun Strum völ­lig ver­zwei­felt ist, dazu kommt noch eine unglück­li­che Lie­be, kommt der deus ex machi­na: Sta­lin per­sön­lich ruft bei Strum an und erklärt ihm, daß die Sowjet­uni­on Phy­si­ker wie ihn braucht. Natür­lich spricht sich die­ses Tele­fo­nat in Win­des­ei­le rum, sofort hat Strum im Insti­tut wie­der alle Res­sour­cen, auch Kol­le­gen, die er für sei­ne For­schung braucht, alles scheint sich zum Guten gewen­det zu haben.

Der­weil ein alter Kom­mu­nist in der Lub­jan­ka über Wochen sys­te­ma­tisch gefol­tert wird bis zum Zerbrechen.

Am Ende dann hat Strum sei­nen Gali­lei-Moment: Er soll einen Brief unter­schrei­ben, der die jüdi­schen Ärz­te ver­leum­det (die sind schon erschos­sen oder im Gulag, egal) Er will es nicht, er win­det sich, wird vom Gewis­sen gebis­sen — und unter­schreibt letztendlich.

Das Buch hat kei­nen Hand­lungs­strang, folg­lich gibt es auch kein rich­ti­ges Ende. Das Buch hört ein­fach auf, mit einem leich­ten, ganz leich­ten hoff­nungs­ma­chen­dem Atem. Daß die Mensch­lich­keit am Ende sie­gen wird. Aber bis dahin…

Das ist zwei­fel­los ein Jahr­hun­der­t­ro­man. Dem Ver­lag ist auch zu dan­ken, daß im Anhang zwei Brie­fe Gross­mans an sei­ne von den Deut­schen ermor­de­te Mut­ter sind und ein Brief an Chrust­schow mit der Bit­te um Frei­las­sung sei­nes Romans. Das erklärt sich dann im Nach­wort, in dem die Ver­öf­fent­li­chungs­ge­schich­te beschrie­ben wird, allein das ist schon fast ein Bond-Film (Der Hauch des Todes)

Lese­emp­feh­lung? Schwie­rig. Das ist kein Buch, das man im Som­mer­ur­laub am Pool liest. Auch keins für mal eben zwi­schen­durch, schon allein wegen des Umfangs (ca. 1200 Sei­ten) Aber wenn man das 20. Jahr­hun­dert bis heu­te bes­ser ver­ste­hen will: Lesebefehl!

 

 

Längere Strecken mit kleinem E‑Auto

Am Wochen­en­de waren wir ein­ge­la­den zu einem Fami­li­en­fest in Ham­burg. Das sind in etwa 270 Kilo­me­ter Auto-Stre­cke, davon ca. 240 Kilo­me­ter  Auto­bahn. Die Gat­tin fährt sol­che Stre­cken lie­ber mit dem Fami­li­en­bom­ber (6 Ein­zel­sit­ze, groß, bequem, bei 130 Km/h Tem­po­mat etwa 1100 Kilo­me­ter Reich­wei­te) — der fährt sich entspannt¹.
Ich fah­re lie­ber mit dem Elek­tro-Floh — angeb­lich 260 Kilo­me­ter Reich­wei­te, aber das ist ein Labor­wert. In der Rea­li­tät lädt man etwa alle 150 Kilo­me­ter. Wenn ich noch 10 % in der Bat­te­rie habe, ent­spricht das irgend­wo zwi­schen 15 und 25 Kilo­me­tern, die Lade­sta­tio­nen auf der Auto­bahn sind deut­lich wei­ter aus­ein­an­der (die Zapf­säu­len zwar auch, aber Ver­bren­ner fah­ren eben mit 10 % Rest­sprit auch deut­lich wei­ter) Und natür­lich fährt nie­mand sei­ne Bat­te­rie auf 0 % run­ter, nur um dann lie­gen zu bleiben².
Da die Kin­der sich auf ein Wochen­en­de ohne uns freu­ten, fuh­ren wir zu zweit, und ich setz­te mich ein sel­te­nes mal gegen die Gat­tin durch: Wir nah­men den Floh. Wir fuh­ren mit 100% Akku­stand los und luden 2 mal unter­wegs auf der Hin­stre­cke, 3 mal auf der Rückstrecke.
Nun muß man wis­sen: Man lädt nicht bis Anschlag, weil die letz­ten 15 bis 20 % nur noch mit 11 kW gela­den wer­den, das ist wohl bei allen E‑Autos so. Also 2 mal jeweils etwa 20 Minu­ten laden³, rech­nen wir mal jeweils 10 Minu­ten dazu: Ab- und Auf­fahrt von der AB, Lade­säu­le fin­den, Kabel anstöp­seln, authe­ni­fi­zie­ren, dann haben wir etwa eine Stun­de län­ger benö­tigt als mit dem Ver­bren­ner — für die Hin­stre­cke, zurück etwa genau­so­viel. Viel­leicht etwas mehr, weil der E‑Floh mit dem Tem­po­ma­ten auf 120 Km/h begrenzt wur­de, mit dem Fami­li­en­bom­ber wären wir 130 gefahren.

Für uns bedeu­tet das: Wir fah­ren anders. Mit dem Ver­bren­ner tan­ken wir vor Fahrt­an­tritt voll und fah­ren ein­fach los. Wird dann der Sprit knapp, hat man alle Zeit und Stre­cke, an eine Tank­stel­le zu fah­ren. Mit dem E‑Floh müs­sen wir pla­nen (und mehr Zeit ein­pla­nen). Ich fin­de das einen ver­tret­ba­ren Mehr­auf­wand, und wer mehr Akku hat, für den wird das immer unwichtiger.

Abge­se­hen davon: Es macht ein­fach Spaß, mit dem E‑Floh zu fahren 🙂

PS: Ham­burg hat ein recht dich­tes Netz an AC-Lade­sta­tio­nen, schön.


¹ Bis wir dann in die Tief­ga­ra­ge des Hotels fuh­ren. Selbst mit dem klei­nen Auto war das eine Her­aus­for­de­rung. Sten­kel­feld!
² Sind Akkus nicht ohneh­nin unwi­der­bring­lich kaputt, wenn sie kom­plett ent­leert werden?
³ Des­halb fin­de ich die­se Rech­nun­gen “von 10 bis 80 % laden dau­ert 20 Minu­ten” wenig aus­sa­ge­kräf­tig. Bes­ser wäre: “in 15 Minu­ten wer­den x Kilo­me­ter Reich­wei­te nachgeladen”

Gut gemachter Spam

Ein Kol­le­ge wird seit eini­ger Zeit mit Spam genervt, der durch den Spam­fil­ter (SpamAss­as­sin) durchgeht.

Dar­in sind Links, die immer zu *.amazonaws.com zei­gen — und amazonaws.com kann ich natür­lich nicht als Kri­te­ri­um für SpamAss­as­sin nehmen.

Dann kommt eine Men­ge Blind­text, ein bei­spiel­haf­ter Auszug:

Firmen behalten diese Mechanismen im Auge, um ihre Strategien anzupassen.

Ein weiteres Schlüsselthema der Volkswirtschaft ist die Rolle der Innovation.
Technologische Entwicklungen verändern unser Leben .

Neue Technologien eröffnen Chancen und Märkte,
fordern Anpassungen .
Wer nicht innovativ bleibt, riskiert, rückständig zu werden .

Die Arbeitswelt spielt ebenfalls eine zentrale Rolle.
Der Bedarf an spezifischen Fachkräften
verändert sich ständig.

Unternehmen suchen zunehmend nach gut ausgebildeten Arbeitskräften,
die den Wandel der Wirtschaft verstehen .

Bildung und Weiterbildung werden immer wichtiger ,
um die wirtschaftliche Stärke zu sichern .

Das ist natür­lich nur, um Spam­fil­ter zu über­lis­ten. Auf­fäl­li­ges Mus­ter: Vie­le Zei­len enden auf . (Leer­zei­chen Punkt) Die SA-Regel, nach meh­re­ren fast-leta­len Hirnkrämpfen:

body __SPAMMERS_MUST_DIE /.*\s\.$/
tflags __SPAMMERS_MUST_DIE multiple
meta SPAMMERS_MUST_DIE __SPAMMERS_MUST_DIE >= 3
score SPAMMERS_MUST_DIE 5.0
describe SPAMMERS_MUST_DIE Mindestens 3 Zeilen enden auf " ."

Das matcht nur dann, wenn es min­des­tens 3 Zei­len gibt, die auf “Leer­zei­chen Punkt” enden.

Es gibt aber min­des­tens zwei Unschönheiten:

  • Leg­asthe­ni­ker
  • Du ple­nkst!

Falls jemand dafür eine Lösung hat…

Andrea Wulf, Fabelhafte Rebellen

Nova­lis, Caro­li­ne Schlegel/Schelling, August Wil­helm Schle­gel, Fried­rich Schel­ling sind es auf dem Tiel­bild, vor der Kulis­se des Jena­er Markt­plat­zes, wie er wohl in den 1790-er Jah­ren aus­ge­se­hen hat.

Es geht also um die Jena­er Frühromantik(er) am Ende des 18., zu Beginn des 19. Jahrhunderts.
Den Beginn die­ser kur­zen Zeit kann man fast auf den Tag fest­le­gen: der 8. Juli 1796 war es, der Tag, an dem das frisch getrau­te Ehe­paar Caro­li­ne und August Wil­helm Schle­gel in Jena eintraf.
Nun war das nicht ein­fach ein Ehe­paar: Caro­li­ne hat­te mit ihren 32 Jah­ren mehr durch­ge­macht als irgend­je­mand durch­ma­chen soll­te: mit 25 ver­wit­wet, mit 26 zwei Kin­der gestor­ben. In einem One-Night-Stand von einem fran­zö­si­schen Sol­da­ten gew­schwän­gert, wur­de sie als Jako­bi­ne­rin von den Preu­ßen zusam­men mit ihrer Toch­ter in Fes­tungs­haft genom­men, immer­hin auf Inter­ven­ti­on ihrer Freun­de ein paar Mona­te spä­ter vom preu­ßi­schen König begnadigt.
Da war sie 29, das reicht für ein Leben und dar­über hinaus.
Dann arbei­te­te sie mit August Wil­helm Schle­gel zusam­men — ihrer bei­de Shake­speare-Über­set­zun­gen sind wohl noch heu­te das Maß der Dinge.

Jeden­falls: In Jena war das Den­ken frei. Fich­te war der Super­star für die Stu­den­ten, Schil­ler war da, Goe­the als Über­va­ter, Alex­an­der von Hum­boldt gehör­te schon dazu, Nova­lis stu­dier­te in Jena.

Die Schle­gel-Brü­der, Caro­li­ne, Doro­thea Veit grün­de­ten dann eine WG, die völ­lig skan­da­lös war: freie Lie­be, aber auch: Poet­ry-Slam, lite­ra­ri­sche Jam-Ses­si­ons. Irre. Spä­ter dann kommt Schel­ling nach Jena und wird der neue Star uner den Stu­den­ten, Fich­te ist auf Schel­ling sau­er, Schil­ler ist auf Fich­te und die Schle­gels sau­er, Goe­the ver­sucht immer wie­der zu ver­mit­teln, kurz: Kaba­le und Lie­be. Nova­lis stirbt.
Das end­gül­ti­ge Aus kommt dann 1806 mit der Schlacht von Jena und Auer­stedt und der Beset­zung Jenas durch die Fran­zo­sen. Da blu­te­te die Uni aus, wer konn­te, ging weg, auch Hegel.

Das wird alles sehr char­mant von der Autorin beschrie­ben, die vie­le Jah­re mit Recher­chen ver­bracht haben muß; der Anmer­kungs­ap­pa­rat ist rie­sig. Die Autorin schafft es, uns Leser in die­ses klei­ne Nest Jena für eine kur­ze Zeit zu ent­füh­ren und mit­zu­er­le­ben, wie es zum Zen­trum euro­päi­schen Den­kens schnell er- und dann wie­der ver­blüh­te. Mit all den Eifer­süch­te­lei­en, Lie­be­lei­en, Ent­täu­schun­gen, Erfol­gen, die auch klu­ge Leu­te haben, nicht nur wir.

Ich las ein paar äußerst nega­ti­ve Rezen­sio­nen, die der Autorin vor­wer­fen, sie hät­te die Roman­tik nicht erklärt und sich gar zu sehr auf Klatsch und Tratsch kon­zen­triert. Das ist typisch deutsch: Popu­lär­wis­sen­schaft ist pfui. Die Autorin ist Deut­sche und lebt seit lan­gem in Groß­bri­tan­ni­en, wo es nicht pfui ist, kei­ne Dis­ser­ta­ti­on über die deut­sche Roman­tik geschrie­ben zu haben. Das will die Autorin näm­lich gar nicht.

Ich habe das Ebook gele­sen, wenn ich das rich­tig gese­hen habe, ist die Print-Aus­ga­be reich bebil­dert, es mag sich also loh­nen, die­se zu kaufen.

Kla­re Leseempfehlung!

 

WTF ChatGPT?

Ich woll­te nur das genaue Datum wis­sen, zu dem das Ehe­paar Schle­gel in Jena ankam.

Screen­shot ChatGPT

 

    1. sie kamen 1796 an
    2. Caro­li­ne war zu dem Zeit­punkt mit August Wil­helm Schle­gel verheiratet
    3. Caro­li­ne war zu kei­nem Zeit­punkt mit Fich­te ver­hei­ra­tet, die­ser war mit Johann[a|e] ver­hei­ra­tet, von 1793 bis 1813

Kann man alles im Inter­net nach­le­sen. Dum­mes #Chatgpt, viel­leicht soll­test Du mal einen VHS-Kurs besu­chen und den Inter­net-Füh­rer­schein machen?

Das ist ja unfaß­bar. Es soll tat­säch­lich Men­schen geben, die die­sen Chat­bots vertrauen.