Was für ein Roman!
Natürlich hatte ich vorher nachgelesen, was da auf mich zukommen würde, aber mit der puren Wucht hatte ich dann doch nicht gerechnet.
1200 Seiten, die an die Nieren gehen, die einen manchmal weinen lassen. Und hoffen lassen, hoffen, daß die Menschlichkeit doch stärker ist als die Unmenschlichkeit, auch wenn man das manchmal nicht mehr hoffen kann.
Das Buch spielt in der Zeit der Schlacht von Stalingrad bis etwa zur Zeit der Ärzteverschwörung. Meistens in Stalingrad, aber auch in Moskau, Kuibyschew, in der Steppe, in der Wolfsschanze. Die handelnden Figuren sind Dutzende, es ist für mich jedenfalls meistens unmöglich, deren Verhältnisse untereinander einzuordnen, viele sind weitläufig miteinander verwandt oder verschwägert. Eine Hauptfigur ist der jüdische Kernphysiker Strum.
Der Roman beginnt in Stalingrad, das von den Deutschen und ihren Verbündeten belagert wird. Da gibt es ein Haus “6/1”. Es scheint ziemlich groß zu sein, völlig zerschossen, darin Rotarmisten, die dieses völlig unwichtige Haus zäh gegen die Angreifer verteidigen, über Tage und Wochen und Monate. Da ist es dreckig, es ist Krieg, Und doch feiern die Verteidiger manchmal mit altem Brot und Wodka, es kommen mal Politoffiziere zur Erbauung — ja manchmal liest sich das wie ein normales Leben unter Kriegsbedingungen. Das fand ich streckenweise irritierend, wie der Krieg normal geworden ist.
Dann wechseln die Schauplätze, es gibt auch keine durchgängige Handlung.
Die Lager. Aber welche? Das ist verstörend: Es wird seitenweise Erniedrigung und Lagerleben beschrieben — nur weiß man nicht: KZ oder Gulag? Irgendwann dann wird es klar, klar wird aber auch: es ist eigentlich egal. In beiden werden Menschen gefoltert und umgebracht.
Dann kommen ein paar Kapitel (die Kapitel sind recht kurz in dem Buch), die für mich zum erschütterndsten gehören, was ich je gelesen habe: ein kleiner Junge, 6 oder vielleicht auch 10 Jahre alt, ohne Begleitung, kommt mit einem Judentransport an der Rampe an. Ob nun Auschwitz oder ein anderes Vernichtungslager ist egal. Eine jüdische Ärztin nimmt sich seiner an, hält seine Hand bis alle im Gas sterben. Dieser kurze Weg von der Rampe bis in den Tod wird nüchtern beschrieben, so, wie es vermutlich war. Und das lesende Auge sieht all die nackten Menschen, die in die Gaskammer gepfercht werden, manche glauben wirklich verzweifelt, daß es zum Duschen geht, anderen ist völlig klar, daß es ins Gas geht, das hatte sich unter den Juden schon lange rumgesprochen.
Wem da beim Lesen nicht das Herz krampft, der ist zu bedauern.
Strum hat eine bahnbrechende Theorie aufgestellt, alle Fachkollegen sind sich da einig, selbst die Neider. Aber er hat einen Fehler gemacht. Er hat deutlich gesagt, daß es keine kapitalistische oder trotzkistische oder sowjetische Physik gibt, sondern nur Physik. Das ist in der Sowjetunion unter Stalin ein Nogo, das darf man nicht einmal im engsten Freundeskreis sagen. Strum verliert seine Stellung, rechnet jederzeit damit, verhaftet zu werden. 1937 liegt ja nicht lange zurück.
Zurück nach Stalingrad: Die Situation hat sich geändert: die 6. Armee unter Paulus ist auf einmal eingekesselt, und es dauert nicht lange, bis sie sich ergibt. Auch hier schreibt Grossman verstörend, wie zerlumpte, halb verhungerte Soldaten durch die zerstörte Stadt laufen, ständig auf der Suche nach einem noch nicht ganz abgenagten Pferdeknochen, einem noch nicht ganz verschimmelten Kohlblatt. Nur weiß man nicht, ob es Rotarmisten oder Wehrmachtssoldaten sind, es gibt kaum einen Unterschied.
Dazwischen immer wieder längere moralphilosophische Passagen: Was ist ein guter Mensch? Ein schlechter?
Nachdem nun Strum völlig verzweifelt ist, dazu kommt noch eine unglückliche Liebe, kommt der deus ex machina: Stalin persönlich ruft bei Strum an und erklärt ihm, daß die Sowjetunion Physiker wie ihn braucht. Natürlich spricht sich dieses Telefonat in Windeseile rum, sofort hat Strum im Institut wieder alle Ressourcen, auch Kollegen, die er für seine Forschung braucht, alles scheint sich zum Guten gewendet zu haben.
Derweil ein alter Kommunist in der Lubjanka über Wochen systematisch gefoltert wird bis zum Zerbrechen.
Am Ende dann hat Strum seinen Galilei-Moment: Er soll einen Brief unterschreiben, der die jüdischen Ärzte verleumdet (die sind schon erschossen oder im Gulag, egal) Er will es nicht, er windet sich, wird vom Gewissen gebissen — und unterschreibt letztendlich.
Das Buch hat keinen Handlungsstrang, folglich gibt es auch kein richtiges Ende. Das Buch hört einfach auf, mit einem leichten, ganz leichten hoffnungsmachendem Atem. Daß die Menschlichkeit am Ende siegen wird. Aber bis dahin…
Das ist zweifellos ein Jahrhundertroman. Dem Verlag ist auch zu danken, daß im Anhang zwei Briefe Grossmans an seine von den Deutschen ermordete Mutter sind und ein Brief an Chrustschow mit der Bitte um Freilassung seines Romans. Das erklärt sich dann im Nachwort, in dem die Veröffentlichungsgeschichte beschrieben wird, allein das ist schon fast ein Bond-Film (Der Hauch des Todes)
Leseempfehlung? Schwierig. Das ist kein Buch, das man im Sommerurlaub am Pool liest. Auch keins für mal eben zwischendurch, schon allein wegen des Umfangs (ca. 1200 Seiten) Aber wenn man das 20. Jahrhundert bis heute besser verstehen will: Lesebefehl!
#ausgelesen