Schwarzbraune Schmuddel-Kampgane

Auf https://gruener-mist.de/ gibt es eine Umfra­ge, ob man sich die Grü­nen in Regie­rungs­ver­ant­wor­tung wünscht.
Das Ergeb­nis ist eindeutig:

Das war so sicher­lich nicht geplant 🙂


Neben­bei: Ich wer­de die Grü­nen sicher­lich nicht wäh­len — weil ich gar kei­ne Par­tei wäh­le, die meint, mich mit einem Kan­di­da­ten­pho­to beein­flus­sen zu können.Nein, das ist Wäh­ler­be­lei­di­gung, geht gar nicht.

Stefan Heym: Der König David Bericht

Was für eine irre Geschich­te! Mord, Inzest, Homo­se­xua­li­tät, Sex sowie­so, Abschlach­ten von tau­sen­den Fein­den, Macht­po­li­tik, alles was eine BILD-Sto­ry braucht.
Und alles im AT belegt.

Der Plot: König Salo­mo braucht, wie jeder anstän­di­ge Des­pot, eine Legi­ti­mie­rung sei­ner Herr­schaft. Anno dun­nemals legi­ti­mier­te man als Herr­scher sich über den Vater: König David. Und so wird eine arme Sau, Geschichts­schrei­ber, der Ich-Erzäh­ler und Held der Geschich­te, aus­er­ko­ren, eine Geschich­te des König Davis zu schrei­ben, aber natür­lich nur: Um die Herr­schaft von König Salo­mo zu legitimieren.

Der Schrei­ber (Namen ver­ges­sen, kann man sicher­lich goog­len), ist eine arme Sau. er wird zwar in die Geschichts­kom­mis­si­on auf­ge­nom­men, hat aber nur eine Auf­ga­be: Geschich­te schrei­ben. Doch was ist das: Geschichts­schrei­bung? Geschich­te auf­schrei­ben, so wie sie war? Wie war sie denn? Unser Schrei­ber fragt Zeit­zeu­gen, alle schon, so sie denn noch leben, alt. Wor­an erin­nern sie sich? Wor­an nicht?
Doch das ist alles nicht das Pro­blem: Die­ses ist: Er muß Salo­mo als legi­ti­men Nach­fol­ger von David his­to­ri­sie­ren, doch es stellt sich raus: David war in vie­ler­lei Hin­sicht ein Arsch­loch, ein Dreck­sack, ein Mist­kerl. Zeu­gen und Bewei­se gibt es genug. Und nun?

And now for some­thing com­ple­te­ly dif­fe­rent: Sta­lin und Lenin. Denn das ist ein The­ma des Romans: Sta­lin kann nur als legi­ti­mer Nach­fol­ger von Lenin Lan­des­va­ter sein. (Ich lese gera­de Archi­pel Gulag: Nicht Sta­lin hat den Ter­ror ein­ge­führt: Lenin war es)
Da kommt eine Figur in dem Roman vor; Bena­ja Ben Jeho­ha­ja, Chef der Klop­per­trup­pe. Ich lese das also und stol­pe­re; Jeho­ha­ja hört sich sehr nach Jago­da an — aber da haben mein Syn­ap­sen wohl hyper­ven­ti­liert. Hät­te aber wun­der­bar gepaßt.

In mei­nen Augen hat der Roman drei Themen:

  • Der ganz nor­ma­le Sta­li­nis­mus, der etwas ver­langt. Und wer der Erwar­tung nicht ent­spricht, wird erschos­sen, erschla­gen, ausradiert.
  • Die zurück­ge­nom­me­ne Auf­ar­bei­tung des Sta­li­nis­mus unter Breshnew.
  • Die Rol­le des Historikers/Schriftstellers.

Anfangs bin ich mit der (geküns­telt) alter­tüm­li­chen Spra­che nicht warm gewor­den; man gewöhnt sich daran.

Es gibt in dem Roman unüber­sicht­lich vie­le Per­so­nen und Orte (war mag, kann ja die ent­spre­chen­den Stel­len im AT nach­le­sen, dort wird es nicht anders sein) — da hät­te man X‑Ray in das E‑Book ein­bau­en nicht nur sol­len, son­dern müssen.

 

Lese­emp­feh­lung? Ja, ganz klar.

 

#aus­ge­le­sen

Tempolimit auf der Autobahn und sonstwo

Es ste­hen ja Wah­len an, und wenn dem deut­schen Wäh­ler eins hei­lig ist, dann ist das ein Tem­po­li­mit auf der Autobahn.
Nun war das vor ein paar Jah­ren noch ein­fach: Freie Fahrt für freie Bür­ger! Mit­hin: Ein gene­rel­les Tem­po­li­mit wird es mit Par­tei [A-Z]{3} nicht geben, nie­mals nicht!

Tem­po­ra mutan­tur et nos mutamur in illis.

Die dum­me Frei­heits-Frak­ti­on ist deut­lich klei­ner gewor­den, und so scheint ein gene­rel­les Tem­po­li­mit in Reich­wei­te. Es ist ja auch bekloppt, wir befin­den uns auf einem Niveau mit Afgha­ni­stan, Bhu­tan, Burun­di, Hai­ti, Mau­re­ta­ni­en, Myan­mar, Nepal, Nord­ko­rea, Soma­lia und Vanua­tu. Wenn das der Scheu­er Andy wüßte!
Jeden­falls ist ein gene­rel­les Tem­po­li­mit Wahl­kampf­the­ma — und ich fin­de es bescheu­ert. Denn mir wird nur die Wahl gelas­sen zwischen

  • 120 (Lin­ke)
  • 130 (Grüne/SPD)
  • ∞ (CDU/CSU/FDP/AfD)

Eins fin­de ich so bescheu­ert wie das ande­re (nein, ∞ ist bescheu­er­ter als alles ande­re). Nur: Wenn ich aus Thü­rin­gen kom­me und nach Hau­se fah­re, dann über die A20. Da kann man locker 120 Kilo­me­ter am Stück mit Tem­po­mat 160 fah­ren, das ist ziem­lich ent­spannt. War­um also nicht?

160 als Ober­li­mit fän­de ich gut, weni­ger in viel­leicht 20-er Schrit­ten über­all dort, wo es ange­mes­sen ist. Aber bit­te nicht starr, son­dern dyna­misch, also abhän­gig von Ver­kehrs­dich­te, Fahr­bahn­zu­stand, Wetter.

Auf die Fra­ge “Sind Sie für ein Tem­po­li­mit von 130 auf der Auto­bahn?” hät­te ich kei­ne Antwort.

Stefan Heym, doppelt

Ers­te Lek­tü­re: Der Win­ter uns­res Miß­ver­gnü­gens — wo die Ver­bin­dung zu Stein­becks The win­ter of our dis­con­tent liegt, weiß ich nicht. Es muß einen Zusam­men­hang geben, der Zufall wäre allzugroß.
Wo begin­nen? Wer Heym nicht kennt: Hier ent­lang. Das Büch­lein ist kein Roman, es sind Tage­buch­no­ti­zen, bear­bei­tet, um Rück­blen­den erwei­tert, kurz: dann doch Lite­ra­tur. Der ers­te Ein­trag datiert vom 16. Novem­ber 1976, dem Tag, an dem Bier­mann offi­zi­ell aus­ge­bür­gert wur­de. Zur Erinnerung:

Die zustän­di­gen Behör­den der DDR haben Wolf Bier­mann, der 1953 aus Ham­burg in die DDR über­sie­del­te, das Recht auf wei­te­ren Auf­ent­halt in der Deut­schen Demo­kra­ti­schen Repu­blik entzogen.
Die­se Ent­schei­dung wur­de auf Grund des »Geset­zes über die Staats­bür­ger­schaft der Deut­schen Demo­kra­ti­schen Repu­blik – Staats­bür­ger­schafts­ge­setz – vom 20. Febru­ar 1967«, Para­graph 13, nach dem Bür­gern wegen gro­ber Ver­let­zung der staats­bür­ger­li­chen Pflich­ten die Staats­bür­ger­schaft der DDR aberkannt wer­den kann, gefaßt.
Bier­mann befin­det sich gegen­wär­tig in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land. Mit sei­nem feind­se­li­gen Auf­tre­ten gegen­über der Deut­schen Demo­kra­ti­schen Repu­blik hat er sich selbst den Boden für die wei­te­re Gewäh­rung der Staats­bür­ger­schaft der DDR ent­zo­gen. Sein per­sön­li­ches Eigen­tum wird ihm – soweit es sich in der DDR befin­det – zugestellt.

So war das damals. Heym glaubt, daß das eine völ­lig destruk­ti­ve Ent­schei­dung ist, weil jeder ehr­li­che Schrift­stel­ler sich auf­leh­nen wird, er notiert ätzend: “[…] das Aus­bür­gern wür­de sich ein­bür­gern, wenn jetzt nicht gespro­chen wird.”
Wor­aus dann der Pro­test wird.

(Bild von https://www.1000dokumente.de/index.html?c=dokument_de&dokument=0213_bie&object=context&l=de)
Nina Hagen dabei — wohl wegen ihrer Mut­ter und weil Man­fred Krug ihr Zieh­va­ter war — und der nahm kein Blatt vor den Mund, der war ein Haudrauf.

Zurück zu Heym: Natür­lich ent­steht eine sol­che Reso­lu­ti­on, die direkt Hon­ecker angreift (Hermlin war Hon­eckers Duz­freund, der wuß­te, daß man Bier­mann nicht ohne des­sen Pla­cet aus­bür­gern kann). Und dar­über geht dann das Tage­buch: Die Aus­bür­ge­rung, der offe­ne Brief, die Fol­gen von beidem.

Inter­es­sant ist die Lebens­welt von Heym: Der hat über­all den Mund auf­ge­macht und gesagt, was er sagen woll­te. Der hat­te kei­ne Angst vor nie­man­dem, muß­te er wohl auch nicht haben, Heym war sakro­sankt wie kein ande­rer (mit Aus­nah­me von Hermlin viel­leicht) Die Schrift­stel­ler (und ein paar Schau­spie­ler plus Fritz Cremer) waren schnell zu mobi­li­sie­ren: Sie hat­ten alle ein Tele­fon (was durch die gesam­te DDR-Zeit ein Pri­vi­leg war), alle wohn­ten in/bei Ber­lin, und immer war die Woh­nung oder eher das Haus groß genug, um vie­le Men­schen zu ver­sam­meln. Man lese mal, wie Man­fred Krug leb­te — das hat­te mit der Lebens­wirk­lich­keit des ordi­nä­ren Bür­gers nichts mehr zu tun. Heym plant sei­nen Frank­reich-Urlaub. Die DDR ließ sich ihre Vor­zei­ge­künst­ler was kos­ten, frag­los. Gleich­zei­tig wuß­ten alle, daß sie unter stän­di­ger Beob­ach­tung durch die Sta­si stan­den. Tele­fo­ne wur­den abge­hört, stän­dig Bewa­cher im Schlepp­tau, Heym wur­de durch sei­ne Haus­häl­te­rin aus­spio­niert (die Berich­te befin­den sich im Anhang) Heym sel­ber hat das weni­ger ange­foch­ten, er wuß­te, daß er am Tele­fon bes­ser unver­bind­lich bleibt und ansons­ten Nar­ren­frei­heit genießt. Vie­le ande­re waren weni­ger robust und gaben nach Mona­ten auf und gin­gen in den Wes­ten. Denn was soll­te man machen, wenn man nicht ver­öf­fent­li­chen darf, nicht auf­tre­ten darf, kei­ne Fil­me dre­hen darf?

Der letz­te Ein­trag ist vom 24. Dezem­ber 1976, Heym liest zu Hau­se der Fami­lie die Weih­nachts­ge­schich­te vor: Fürch­tet euch nicht!
Das Tage­buch behan­delt also nur etwa fünf Wochen, durch Rück­blen­den dann aber doch einen deut­lich grö­ße­ren Zeitraum.

Und doch: Im Nach­gang kann man sagen: Die Bier­mann-Aus­bür­ge­rung hat das Ende der DDR eingeleitet.

Lese­emp­feh­lung? Ja, es ist nicht viel Text, aber viel Sprung­brett für eige­ne Recher­chen. Man ist nach Lek­tü­re defi­ni­tiv klü­ger als vorher.


Zwei­te Lek­tü­re: Die Archi­tek­ten. Ganz ande­res The­ma, ganz ande­re Zeit (geschrie­ben in den 60-ern). Der Roman geht schon mal rich­tig übel los: Juli­an Goltz, einst vor den Nazis in die Sowjet­uni­on geflo­hen, wird von die­ser an Hit­ler­deutsch­land aus­ge­lie­fert. Er befin­det sich in Brest in einem Vieh­wag­gon, die Über­ga­be steht unmit­tel­bar bevor, er läßt sein Leben Revue pas­sie­ren, erin­nert sich an sei­ne Frau, die im sowje­ti­schen Lager ver­reckt ist, an ihre Toch­ter, die er in guten Hän­den bei einem deut­schen Freund in Mos­kau weiß. Nach Deutsch­land über­stellt zu wer­den ist ihm eigent­lich egal. Er wur­de vom NKWD gefol­tert, nun wird er von der Gesta­po wei­ter­ge­fol­tert werden.
Es gibt einen Aus­weg: Sich erschie­ßen las­sen, und so läuft er los, im Nie­mands­land zwi­schen Deutsch­land und der Sowjetunion.

Von wel­cher Sei­te, dach­te er, wür­de die ers­te Kugel geflo­gen kom­men; dann spür­te er sie, ein ein­zi­ger gro­ßer Schmerz.

Uff. Pau­se, sacken las­sen. Das erin­nert mich an Chris­top Hein, da stirbt der Mann genau­so tro­cken (er wird erschlagen)
Das ist aber nur der Pro­log, die eigent­li­che Hand­lung beginnt spä­ter, in Ost­ber­lin in den 50-ern beim Bau der Sta­lin­al­lee. Die Toch­ter Julia ist mitt­ler­wei­le eine jun­ge Frau, ver­hei­ra­tet mit dem Mann, zu dem ihre Eltern sie in Mos­kau gege­ben haben: Arnold Sund­strom. Der ist mitt­ler­wei­le Chef­ar­chi­tekt der Sta­lin­al­lee, ange­kom­men auf dem Kar­rie­re­gip­fel, den Natio­nal­preis hat er fest in Aus­sicht. Sie haben bei­de ein Kind, ein Haus, ein Auto, eine Haus­häl­te­rin, sie lie­ben sich — alles in Butter.
Ab hier dekon­stru­iert Heym den Sund­strom. Es stellt sich zag­haft anfangs, dann immer deut­li­cher, her­aus, daß Sund­strom Juli­as Eltern damals in Mos­kau denun­ziert hat. Dann hat er es in der DDR und ihrer halb­ga­ren Abrech­nung mit dem Sta­li­nis­mus durch Tak­tie­ren, Krie­chen usw. eben bis zum Chef­ar­chi­tek­ten gebracht.

Der Roman spielt nach dem XX. Par­tei­tag der KPdSU, Julia bekommt irgend­wie Chrust­schows Geheim­re­de. Nehmt euch 30 Minu­ten Zeit und lest das. Das ist Jahr­hun­dert­ge­schich­te. Und nach der Lek­tü­re ist nichts mehr wie es vor­her war in ihrem Leben.

Ich fin­de den Roman nicht son­der­lich gelun­gen. Die Dia­lo­ge könn­ten auf Ver­samm­lun­gen gespro­chen wer­den, aber in der Fami­lie, unter Freun­den und Kol­le­gen? Kaum. Oder war das in den 50-ern viel­leicht doch so?
Es bleibt eine bit­te­re Abrech­nung nicht nur mit dem sowje­ti­schen Sta­li­nis­mus, son­dern auch mit dem unter­schwel­li­gen Sta­li­nis­mus, der in der DDR wei­ter­ge­lebt hat. Dar­in ist der Roman gut.

Lese­emp­feh­lung? Jein

 

#aus­ge­le­sen