Sommer 1989, Herbst 2021

Wie sich die dif­fu­sen Gefüh­le gleichen.
Wir haben jeden Tag neue Höchstin­zi­den­zen, mitt­ler­wei­le ster­ben so um die 400 Men­schen jeden Tag an oder mit. Das öffent­li­che Leben kol­la­biert (Zutritt nur für die­se aber nicht für jene, ein sofor­ti­ger und har­ter Lock­down für alle wäre tech­nisch gebo­ten, schö­ne Grü­ße aus China)
Die Inten­siv­sta­tio­nen lau­fen in den Kol­laps, jedes Excel zeigt das. Es fehlt nicht so sehr an Inten­siv­bet­ten als viel­mehr an Inten­siv­pfle­gern, ein gro­ßer Teil die­ser haben die letz­ten Mona­te hin­ge­schmis­sen, vor allem wegen Über­las­tung, weni­ger — aber auch — wegen der Entlohnung.
Der Abfluß von medi­zi­ni­schem Per­so­nal aus der DDR, ins­be­son­de­re gut aus­ge­bil­de­ten Ärz­ten, begann nicht erst mit dem Mau­er­fall, das war weit vor­her. Spä­tes­tens seit den nach­ge­wie­se­nen Fake-Wah­len vom Früh­jahr 1989 wur­de “nega­ti­ven Ele­men­ten” die Aus­rei­se recht leicht gemacht, man woll­te die kri­ti­schen Stim­men los wer­den. Dann die Öff­nung der Gren­ze Ungarn/Österreich. Spä­tes­tens ab Som­mer 1989 ver­fiel die DDR in Ago­nie. Ärz­te und Schwes­tern fehl­ten, aber auch Bus­fah­rer, Ver­käu­fe­rin­nen, Leh­rer… Wirk­lich jeder konn­te sehen und vor allem füh­len: So geht es nicht wei­ter, das führt gera­de­wegs über den Abgrund. Und nur ganz weni­ge hat­ten einen Plan, wie es wei­ter­ge­hen könn­te — und das war nicht die Nomenklatura.
Eine blei­er­ne Zeit, in der jeder jeden Tag neu­en Hor­ror erwar­te­te, gar­niert von einer Täter­rrää-Poli­tik, die nichts sehen wollte.

Und heu­te?
Ähn­lich, oder? Die Wie­lers wei­nen fast vor den Web­cams, weil Wahl­kampf wich­ti­ger war und ist als Dei­ne Paten­tan­te mit der Herz-OP, die muß halt war­ten. Wir haben eine vier­te Wel­le. Drei sind exakt vor­aus­ge­sagt wor­den, mit Vor­schlä­gen, wie man sie ver­hin­dern oder wenigs­tens flat­ten the cur­ve kann.

Die­se Gra­fik von Spie­gel Online sieht nicht nach einer Erfolgs­ge­schich­te aus. Wir sind mitt­ler­wei­le bei über 60.000 Neu­in­fek­tio­nen pro Tag, das ist ziem­lich exakt die Ein­woh­ner­zahl mei­nes Hei­mat­städt­chens. Jeden ein­zel­nen ver­fick­ten Tag, und jeden ein­zel­nen ver­fick­ten Tag steigt die­se Zahl. Wie­vie­le Men­schen dann ster­ben wer­den? Sie­he oben, Excel, das kann man aus­rech­nen. Und nichts kann dage­gen etwas tun, kein sofor­ti­ger Lock­down, kein von den Bäu­men gefal­le­nes hoch­mo­ti­vier­tes medi­zi­ni­sches Per­so­nal in Größenordungen.

Der Drops ist gelutscht. Die Leu­te leben noch, sind aber schon als tot ein­ge­preist. Weih­nachts­märk­te sind offen­zu­hal­ten, panem et cir­cen­ses, äh, Glüh­wein und Auto­scoo­ter. Man will ja wie­der­ge­wählt wer­den, und die Toten kön­nen glück­li­cher­wei­se nicht wählen.

Und ich ste­he am Sei­ten­aus und kom­me aus dem Stau­nen nicht her­aus. Nein, Geschich­te wie­der­holt sich nicht, natür­lich nicht. Und doch: Hät­te man 1989 Excel und nicht nur KP gehabt, man hät­te den Kol­laps berech­nen kön­nen (hät­te nichts am Lauf der Geschich­te geän­dert). Doch so? Noch­mal: Wir stan­den jeden Tag mit offe­nen Mäu­lern da und frag­ten uns: “Wie soll das wei­ter­ge­hen???” Und wir sahen, daß wir in eine Kata­stro­phe laufen.
Sil­ly dazu so:

Und heu­te? Ähn­lich. Wie­ner ver­zwei­felt, Spahn weint bei­na­he, und wir sehen zu, daß wir uns irgend­wie ret­ten. Mein Boos­ter ist auf 6. Janu­ar ter­mi­niert, ich ver­su­che, einen frü­he­ren Ter­min zu bekom­men. Die Kin­der sind alle wenigs­tens dop­pelt, ich glau­be, teils sogar 3‑fach geimpft. Die Enkel gar nichts, da wür­de ich ja beten, hül­fe es.

Ich will hier raus, echt. Das heu­te 2021 ist viel­leicht noch schlim­mer als das damals 1989.

Laßt euch imp­fen, verdammt!

 

Sahra Wagenknecht, Die Selbstgerechten

Vor­be­mer­kung, da die Autorin pola­ri­siert: Wenn Du das Buch nicht wenigs­tens in län­ge­ren Aus­zü­gen gele­sen hast, dann hal­te Dich bit­te mit posi­ti­ver wie nega­ti­ver Kri­tik zurück, auch dum­me Kampf­be­grif­fe wie Sahr­ra­zin und Flü­gel­knecht zeu­gen mehr von der Bor­niert­heit des Schrei­bers als von sonst irgendetwas.
Danke.

Wagen­knecht stellt fest, daß die lin­ke Bewe­gung nicht mehr die­je­ni­gen  reprä­sen­tiert, die frü­her ihre Kli­en­tel waren: Arbei­ter, klei­ne und mitt­le­re Ange­stell­te, Klein­selb­stän­di­ge, Nicht-Aka­de­mi­ker. Sie belegt und das ist ja kein Geheim­nis): Genau die­se Kli­en­tel, die frü­her eher links gewählt hat, wählt heu­te rechts — die AfD ist eine Arbeiterpartei.
Sie fragt, war­um? Die Anfän­ge lie­gen ihr nach in den Auf­stie­gen der bru­tal­ka­pi­ta­lis­ti­schen Model­le, für die zuerst Rea­gan und That­cher, spä­ter auch Blair und Schrö­der stan­den: Pri­va­ti­sie­rung gemein­schaft­li­cher Auf­ga­ben, Öff­nung der Finanz­märk­te, Kampf gegen die Gewerk­schaf­ten, För­de­rung des Nied­rig­lohn­sek­tors, Globalisierung.
Glo­ba­li­sie­rung bedeu­tet: Unter­neh­men gehen dort­hin, wo die Lohn­kos­ten gerin­ger sind — oder holen sich Bil­lig­ar­bei­ter ins eige­ne Land. Tön­nies wäre nicht in kur­zer Zeit Mil­li­ar­där gewor­den, wenn rot/grün es nicht ermög­licht hät­te, daß rumä­ni­sche Hilfs­ar­bei­ter ohne jede Rech­te, näm­lich mit Werk­ver­trä­gen, ihm zu Löh­nen weit unter­halb des gesetz­li­chen Min­dest­loh­nes die Schwei­ne schlach­ten und zerschnippeln.
Laut Wagen­knecht haben die “ein­fa­chen Leu­te”, also obi­ge Arbei­ter etc., seit den 80-ern mas­siv an sozia­ler Sicher­heit und Auf­stiegs­chan­cen ver­lo­ren. Im Gegen­zug gibt es natür­lich auch Gewin­ner: eine rei­che Ober­schicht sowie­so, aber auch die geho­be­ne, urba­ne aka­de­mi­sche Mit­tel­schicht. Die Schicht, in der es zur Nor­ma­li­tät gehört, wenigs­tens ein Aus­lands­se­mes­ter absol­viert zu haben, um Got­tes Wil­len auf gar kei­nen Fall in der Plat­te zu woh­nen, ger­ne eine pol­ni­sche Putz­hil­fe zu beschäf­ti­gen und die Aldi-Schnit­zel natür­lich nicht ißt.
Apro­pos: Inter­es­sant fand ich, daß der Anteil am Ver­kaufs­preis, den der Bau­er bekommt, in den let­zen Jahr­zehn­ten um ‑zig Pro­zent gesun­ken ist. Fragt sich, ob das Schnit­zel wirk­lich zu bil­lig ist — oder ob nicht viel­mehr die Pro­fi­te der Zwi­schen­händ­ler und Wei­ter­ver­ar­bei­ter unver­schämt gestie­gen sind?
Die­se aka­de­mi­sche Mit­tel­schicht ist es, die heu­te das defi­niert, was als “links” wahr­ge­nom­men wird in der Öffent­lich­keit. Wagen­knecht nennt die­se Lin­ke eine “Life­style-Lin­ke” Ich fin­de den Begriff irgend­wie unele­gant, aber er paßt. Es geht die­ser Lin­ken nicht mehr um eine Änderung/Verbesserung der sozia­len Ver­hält­nis­se, es geht oft­mals nur dar­um, den eige­nen rich­ti­gen Stand­punkt (“rich­tig” für die ande­ren in der Fil­ter­bla­se) zu doku­men­tie­ren. Die im Schat­ten wer­den schon lan­ge nicht mehr gese­hen. Nur: Dis­kus­sio­nen um race und gen­der hel­fen der allein­er­zie­hen­den Mut­ter an der Aldi-Kas­se nicht. E‑Autos begin­nend bei 40k hel­fen dem Mau­rer mit täg­lich 100 Kilo­me­ter Arbeits­weg nichts, der muß sei­nen Gebraucht­die­sel fah­ren, bis der aus­ein­an­der fällt. Und so gibt es noch vie­le wei­te­re Bei­spie­le. War­um soll­ten die Allein­er­zie­hen­de und der Mau­rer links wäh­len? Nein, wenn sie über­haupt wäh­len, dann logi­scher­wei­se AfD.

Die ers­te grö­ße­re Hälf­te wid­met sich einer Bestands­auf­nah­me: Was ist in den letz­ten Jahr­zehn­ten pas­siert, war­um hat sich die lin­ke Bewe­gung (in West­eu­ro­pa wenigs­tens) so weit von ihren Grund­la­gen ent­fernt, wel­che Gemein­sam­kei­ten gibt es zwi­schen Wirt­schafts­li­be­ra­lis­mus ala FDP und Links­li­be­ra­lis­mus? (Ihre Ant­wort: vie­le, sehr vie­le). Sie beschäf­tig sich aus­führ­lich mit allen drän­gen­den Pro­ble­men, inklu­si­ve Zuwanderung.
Dar­auf möch­te ich ein­ge­hen, weil mir doch scheint, daß ihr Stand­punkt ein­fach nie­der­ge­brüllt wird (ich habe wenig Hoff­nung, daß sich das ändert).
Sie unter­schei­det zwi­schen Flucht und Migra­ti­on. Flücht­lin­ge muß man auf­neh­men und unter­stüt­zen, bedin­gungs­los. Bei Migra­ti­on hat sie einen ande­ren Stand­punkt: Sie meint, daß es in unse­rer Gesell­schaft noch immer einen tie­fen Gerech­tig­keits­sinn gibt: Wer Leis­tun­gen von der Gesell­schaft bean­sprucht, muß auch geleis­tet haben für die Gesell­schaft. Wer also nur ent­nimmt, der wird von denen, die gege­ben haben, aber auch nicht mehr bekom­men als der Migrant, scheel ange­se­hen wer­den. Stich­wort Hartz. Wei­ter: Die Migran­ten neh­men oft­mals einen lan­gen, beschwer­li­chen Weg auf sich, zuletzt dann mit einer hohen Zah­lung an Schleu­ser ver­bun­den. Das Geld haben nur die­je­ni­gen, die schon in ihrer Hei­mat rela­tiv gut aus­ge­bil­det und von daher rela­tiv ver­mö­gend sind. Rela­tiv natür­lich nicht zu uns, son­dern zu den ande­ren hei­mat­li­chen Bür­gern. Migra­ti­on ist auch ein brain drain, zieht den Ursprungs­län­dern das ab, was sie doch so drin­gend benö­ti­gen: Fach­per­so­nal. Das­sel­be gilt natür­lich auch für den offe­nen Arbeits­markt EU: Ein­fach mal in der Kli­nik die augen und Ohren auf­hal­ten: Wie­viel ost­eu­ro­päi­sche Ärz­te fin­det ihr? Und nein, deren Aus­bil­dung hat in den aller­meis­ten Fäl­len nicht Deutsch­land bezahlt.
Und so geht es wei­ter und wei­ter, sie läßt kaum ein Gebiet unbeackert.

Der zwei­te Teil dann ist ihr Gegen­ent­wurf: Wie kann man es bes­ser machen? Da gehe ich mal ganz kurz durch: Stär­kung der Natio­nal­staa­ten, weil sich gezeigt hat: Supra­na­tio­na­le Ver­bün­de wie die EU lösen die Pro­ble­me nicht. Kon­trol­lier­te Ein­wan­de­rung, auch um Lohn­dum­ping (sie­he oben: Tön­nies) zu ver­hin­dern. Eine Steu­er­po­li­tik, die Steu­er­flucht unter­bin­det. Eine Fis­kal­po­li­tik, die die natio­na­le Wirt­schaft unter­stützt (wir waren mal bei Solar füh­rend, bis Chi­na uns mit Bil­lig­pa­nelen zuge­schmis­sen hat, das hät­te man mit Zöl­len ver­hin­dern kön­nen) Rück­füh­rung von Zeit­ver­trä­gen und Out­sour­cing in regu­lä­re, durch Tarif­ver­trä­ge unter­stüt­ze Arbeits­ver­trä­ge. Usw. usf. Nach hin­ten wirds sehr VWL-las­tig, da habe ich nichts mehr verstanden.

Und noch etwas, was wich­tig ist: Sie hat zu wirk­lich allem eine Mei­nung, und die muß man nicht in jedem Fal­le tei­len. Aber: Sie belegt ihren Stand­punkt, jedes­mal. Das Buch ist vol­ler Bele­ge, und die sind Fach­li­te­ra­tur, kei­ne Zei­tungs­bei­trä­ge, Talk­shows oder gar Tweets. Das ist alles soli­de recher­chiert, und wer sie kri­ti­siert, müß­te auch ihre Quel­len lesen.
Das ist ein Buch, das kein, wirk­lich kein deut­scher Poli­ti­ker hät­te schrei­ben kön­nen. Das ist ein poli­ti­sches Mani­fest, geschrie­ben aus Wis­sen­schaft, schon des­we­gen: Chapeau!

Was mir den­noch die Jubel­be­kun­dun­gen ver­bie­tet: das gan­ze Buch durch­zieht ein Hauch Kon­ser­va­tis­mus, zusam­men­ge­faßt: Frü­her war alles bes­ser. Da lie­fert sie auch nur eini­ge weni­ge Bele­ge, viel­leicht gibt es ja noch ande­re, die das Gegen­teil nahe­le­gen. Da sie nur die west­li­chen Gesell­schaf­ten betrach­tet, kann ich dazu mit mei­ner Bio­gra­phie nichts Selbst­er­leb­tes sagen (und sie mit ihrer eigent­lich auch nichts)
Coro­na und Digi­tal­kon­zer­ne: Da ver­tritt sie Stand­punk­te, die sie zwar belegt, die für mich aber deut­lich übers Ziel hin­aus­schie­ßen und irgend­wo in der Nähe von Ver­schwö­rungs­theo­rien para­si­tär leben.
Wei­ter­hin: Sie doziert über wei­te Stre­cken. Das mag dem wis­sen­schaft­li­chen Anspruch geschul­det sein, ist mir den­noch unan­ge­nehm. Das bewirkt auch, daß sich das Buch nicht son­der­lich flüs­sig liest.

Und noch etwas: Die Frau ist klug, sehr klug, klü­ger wohl als die aller­meis­ten ihrer Poli­ti­ker-Kol­le­gen, wel­cher Far­be auch immer.

Lese­emp­feh­lung? Ja, ich den­ke schon — jeden­falls für alle aus wel­chem Lager auch immer, die noch den Anspruch haben, über den Tel­ler­rand zu lesen und zu denken.

 

#aus­ge­le­sen

Ach IKEA

War­um muß­tet ihr eure Fern­be­die­nung verschlimmbessern?

Links die alte, rechts die neue. Die alte war offen­sicht­lich dem Click­wheel von App­les Ipod nach­emp­fun­den. Ein­fach, logisch, hap­ti­sches Feed­back und vor allem: blind ein- und aus­zu­schal­ten. Ein­fach auf die Mit­te drücken.
Jetzt gibts den Touch-Trend. Alles muß Touch sein, auch wenn es wie hier gar kei­ner ist. Es sind immer noch Schal­ter, aber man kann sie nicht mehr ertas­ten. Ins­be­son­de­re kann man nicht mehr blind eine- und aus­schal­ten, zum Ein­schal­ten muß man die Ver­tie­fung ertas­ten und auf die­se drü­cken, noch schlim­mer beim Aus­schal­ten: Man muß die Ver­tie­fung ertas­ten und sich dann nach gegen­über bewe­gen (wo es nicht etwa wenigs­tens eine Erhö­hung gibt) und dann drücken.

Wel­che Hor­noch­sen den­ken sich denn sowas aus? Zuviel Sur­ström­ming gegessen?

Burg Klempenow

Heu­te soll­te es mal zur Burg Klem­penow gehen. Das ist nicht weit, etwas über 30 Kilo­me­ter, und ich über­leg­te kurz, ob ich nicht hin rad­le. Aber dann wäre ich allein gewe­sen, und das Wet­ter war nie­se­lig und 20 der 30 Kilo­me­ter wären Land­stra­ße gewe­sen. Nee, brau­che ich nicht, also mit der Gat­tin im Auto.

Unterm Strich: Na ja, zwei­mal muß man nicht dorthin.

Gleich am Ein­gang der Dom 🙂

Kamin­zim­mer im Bergfried

Kamin­zim­mer im Berg­fried, links der Eingang.

Plumps­klo im Kaminzimmer

Blick vom Berg­fried auf die Tollense

Burg­in­nen­hof

Berg­fried, das hän­gen­de Teil ist das Plumpsklo

Läd­chen am Eingang

Solschenizyn, Der Archipel Gulag

Es gibt Bücher, die kennt jeder, die hat kaum jemand gele­sen. Der Archi­pel Gulag gehört zu die­sen, Gulag geht flott vom Mund. Des­halb woll­te ich das Buch ein­mal lesen. Es geht nichts über Pri­mär­quel­len, und ein Tweet mit dem dem Screen­shot eines Zei­tungs­ar­ti­kels ist kei­ne Pri­mär­quel­le. Sol­sche­ni­zyn übri­gens auch nur bedingt, dazu später.
Nur zur Ein­sor­tie­rung, falls das nicht klar sein soll­te: Sol­sche­ni­zyn sel­ber hat acht Jah­re im Gulag ver­bracht, danach vier wei­te­re Jah­re in der Ver­ban­nung. Wenn jemand berech­tigt ist, über sta­li­nis­ti­sches Gulag und Ver­ban­nung zu schrei­ben, dann er, der im Gegen­satz zu Mil­lio­nen ande­ren das Sys­tem überlebte.
Kei­ne leich­te Kost ist zu erwar­ten und wird es auch nicht werden.

Das Buch ist kein Sach­buch, kei­ne Auto­bio­gra­phie — es ist von bei­dem etwas. Er beschreibt sei­ne Erleb­nis­se, aber er hat wohl nach Ein Tag im Leben des Iwan Denis­so­witsch vie­le Brie­fe von Lei­dens­ge­nos­sen bekom­men mit deren eige­nen Schil­de­run­gen — doch schon da geht es los: wie vie­le Brie­fe? Dut­zen­de? Hun­der­te? Tau­sen­de? Das Gulag hat Aber­mil­lio­nen das Leben gekos­tet. Sind die Brie­fe weni­ger wert, weil der über­gro­ße Teil der Geschun­de­nen kei­ne Brie­fe geschrie­ben hat? Dar­über mag man nicht urteilen…

Es gibt ein paar Erkennt­nis­se für mich, die ande­ren nicht neu sein mögen, ich aber doch benen­nen möchte:

Der Autor ver­gleicht immer wie­der das Lager- und Ver­ban­nungs­we­sen mit dem im Zaris­mus und kommt zu dem schlecht wider­leg­ba­ren Ergeb­nis: Unter den Zaren war alles bedeu­tend bes­ser. Lenin durf­te in der Biblio­thek alle Lite­ra­tur lesen, um selbst dann poli­ti­sche Kampf­schrif­ten zu schrei­ben, unter Sta­lin wur­den die Häft­lin­ge ein­fach durch Arbeit ermor­det.
Es ist für den Leser wirk­lich schwer: Irgend­wann meint der Autor dann, daß man das Lager und die anschlie­ßen­de Ver­ban­nung lie­ben müs­se, weil sie einen zum Men­schen macht. Das hal­te ich ja nun für min­des­tens frag­wür­dig — aber wer bin ich denn in mei­nem war­men Ein­fa­mi­li­en­haus, daß ich einem Men­schen, der all dies durch­ge­macht hat, bes­ser­wis­se­risch ans Leder dürfte?

Und doch… Das Buch ist zu gro­ßen Tei­len in einem sar­kas­ti­schen, eher zyni­schen Ton geschrie­ben, das irritiert.

Schlu­ßend­lich noch: Dass Ebook ist so lala. X‑Ray, das ist gut. Die Sil­ben­tren­nung teil­wei­se aben­teu­er­lich, Schus­ter­jun­gen und Huren­söh­ne blei­ben nicht aus.

Lese­emp­feh­lung? Schwie­rig. Wer den Kampf­be­griff Gulag nicht nur ver­wen­den, son­dern auch ver­ste­hen möch­te: Unbe­dingt. Wer eine lite­ra­ri­sche Auf­ar­bei­tung des Gulag sucht, der soll­te viel­leicht woan­ders lesen, Ach­ma­to­wa etwa?

 

#aus­ge­le­sen

Kurze Verdauungstour

Nach dem Mittag.
Bei­na­he wäre ich bei Fam. Nowack eingefallen 😉

 

Ein Bild vom Ryck­gra­ben hin­ter Groß Petershagen: