Die Tagesschau sagt etwas, ohne etwas zu sagen

und sehr vie­le ande­re Medi­en auch, aber blei­ben wir bei der Tages­schau als Leit­me­di­um: Es wird berich­tet, Selen­skyj habe ein Inter­view gege­ben, die­ses sei aber in Ruß­land zen­siert. Bei der Tages­schau aller­dings auch, jeden­falls gibt es kei­nen Link. Oder meint man etwa, als Tages­schau kei­ne Bele­ge mehr lie­fern zu müs­sen? Dann soll­te man sich nicht wun­dern, als Lügen­pres­se beschimpft zu werden.

Seri­ös ist das nicht jeden­falls. Deshalb:

Link auf Medu­za: https://meduza.io/feature/2022/03/27/eto-ne-prosto-voyna-vse-gorazdo-huzhe
Link auf You­tube: https://www.youtube.com/watch?v=mQRTKvoLAEM

Stefan Heym, 5 Tage im Juni

Heym schreibt über den 17. Juni 1953 in Ber­lin, er hat es erlebt. Er schreibt also als unbe­tei­lig­ter Augenzeuge.
Die Erzäh­lung beginnt am 13. und endet am 17. Juni, sie spielt im VEB Mer­kur, einem fik­ti­ven Betrieb in Ber­lin. Held ist der Gewerk­schafts­chef Mar­tin Wit­te, (natür­lich) ein SED-Genosse.
Die Arbeits­nor­men sind gera­de staat­li­cher­seits rabi­at erhöht wor­den, Wit­te ist Gewerk­schaf­ter genug, für die Arbei­ter ein­zu­tre­ten und die Erhö­hung abzu­leh­nen — bis hin zum Minis­ter geht er. Das bringt ihn natür­lich in Kon­flikt mit sei­ner Par­tei, auch die Sta­si ist involviert.
Tat­säch­lich (es ist nicht Wit­tes Ver­dienst) wird die Norm­er­hö­hung zurück­ge­nom­men, doch es ist zu spät. Die Bewe­gung ist eine dif­fus poli­ti­sche gewor­den, immer wie­der geht es um den Gegen­satz “wir hier unten” und “die da oben” Es ist 1953, also 20 Jah­re nach 1933, vie­le Arbei­ter erin­nern sich noch an die Arbeits­kämp­fe bis zurück zum Kai­ser. Doch jetzt ist es ja eine Arbei­ter­re­pu­blik, angeb­lich — wie kann man als Arbei­ter gegen deren Füh­rung strei­ken? Denn es geht nicht um Auf­stand, son­dern um Streik, bis hin zum Gene­ral­streik. Eine Füh­rung gibt es übri­gens nicht, hat es wohl auch in der Rea­li­tät nicht gegeben.
Der Roman hat eini­ge Sei­ten­li­ni­en: Eine Lie­bes­ge­schich­te, die Rol­le des RIAS, die sowje­ti­sche Ver­wal­tung, die wei­ter sieht als die SED-Kader, die Rol­le der West-SPD. Min­des­tens zwei Erschos­se­ne gibt es auch.

Was mir das Lesen schwer gemacht hat: Die Spra­che. Die Spra­che aller betei­lig­ten ist sta­li­nis­tisch: Auf wel­cher Sei­te stehst Du, wir oder sie, sowas eben. Das mag damals so gewe­sen, heu­te liest sich das wie aus dem Mit­tel­al­ter. Teil­wei­se meint man, ein Brecht­sches Lehr­stück zu lesen:

Dabei bedach­te sie

in bezug auf Gadebusch:

daß du mir bei der Hit­ze nicht ver­gißt abends zu spren­gen hat er gesagt ich will nicht daß mir der Rasen ver­brennt bloß weil ich mit muß auf den ver­damm­ten Ausflug

Ich fin­de das Buch schlecht geschrie­ben, und inhalt­lich fin­de ich die Form dem Gegen­stand nicht angemessen.
Gro­ße Wor­te eines klei­nen Blog­gers gegen­über Heym, das ist mir bewußt. Aber wer einen Zugang zu Heym sucht, dem wür­de ich ande­res emp­feh­len, den König David Bericht etwa.

Inter­es­sant aber ist der Roman auf jeden Fall wegen sei­ner Ver­öf­fent­li­chungs­ge­schich­te (er durf­te in der DDR erst 1989 erscheinen)

Lese­emp­feh­lung? Nein, es sei denn, man ist sehr spe­zi­ell interessiert

#aus­ge­le­sen

Jurek Becker, Jakob der Lügner

Was für ein Buch!

Die­ses gehört zum Beein­dru­ckends­ten, was ich in letz­ter Zeit gele­sen habe.

Die Geschich­te spielt in einem namen­lo­sen jüdi­schen Ghet­to irgend­wo in Ost­eu­ro­pa. Es gibt einen eben­so namen­lo­sen Erzäh­ler, der die Geschich­te von Jakob Heym erzählt, einem schein­bar etwas älte­rem Juden, frü­her hat ihm eine Wirt­schaft gehört: win­ters Kar­tof­fel­puf­fer, som­mers Eis.
Das Ghet­to ist sozu­sa­gen schon immer da gewe­sen, nur manch­mal erin­nern sich die Men­schen, wie es vor dem Ghet­to und vor dem Krieg war. Die jüdi­schen Män­ner arbei­ten am Bahn­hof, ver­la­den Güter. Manch­mal kommt ein Zug mit Vieh­wa­gen vor­bei, in ihnen Men­schen. Jeder weiß, wel­chem Schick­sal die­se Men­schen entgegenfahren.
Eines Tages schnappt Jakob in einer deut­schen Ver­wal­tungs­stel­le einen Fet­zen aus einem Radio auf: Kämp­fe bei (den Namen des Ortes habe ich ver­ges­sen). Der Ort ist nicht ganz dicht, aber doch so dicht, daß man ihn kennt, die Kämp­fe zwi­schen den Deut­schen und der Sowjet­ar­mee wer­den Jakob also bewußt.
Und so beginnt die Geschich­te: Jakob erzählt sei­nem bes­ten Freund von den Kämp­fen, aber nicht etwa, daß er das im Radio auf einer deut­schen Wachstu­be auf­ge­schnappt hat, da ist noch nie ein Jude lebend wie­der raus­ge­kom­men, des­we­gen wür­de nie­mand ihm das glau­ben. Aber er möch­te, daß die Kämp­fe bekannt wer­den, damit die Men­schen Mut fas­sen. Und so lügt er, er hät­te sel­ber ein Radio und es eben mit die­sem Radio gehört. Selbst­ver­ständ­lich wür­de es den sofor­ti­gen Tod bedeu­ten, wenn die Deut­schen ein Radio fän­den oder auch nur den Ver­dacht bekä­men, Jakob wür­de ein Radio besitzen.
Die Nach­richt von den Kämp­fen spricht sich schnell im Ghet­to her­um, die Leu­te begin­nen Mut zu schöp­fen — und ver­lan­gen nach mehr guten Nach­rich­ten, denn Jakob säße mit sei­nem Radio ja an der Nachrichtenquelle.
Aber Jakob hat eben kein Radio und so erfin­det er immer wie­der neue hoff­nun­ger­we­cken­de Nach­rich­ten. Der­weil geht das Leben im Ghet­to wei­ter. Men­schen wer­den erschos­sen, brin­gen sich um, ein auf­ge­weck­tes klei­nes Mäd­chen, des­sen Eltern abge­holt wur­den, wird versteckt.
Jakob fällt es immer schwe­rer, neue Nach­rich­ten zu erfin­den, und em Ende gibt es zwei Enden, aus denen wir Leser wäh­len können.
Bei­de sind nicht schön.

Eine sehr trau­ri­ge, poe­ti­sche und manch­mal auch lus­ti­ge Geschich­te, zau­ber­haft geschrie­ben. Unwei­ger­lich kom­men beim Lesen Gemäl­de von Chagall in den Kopf, die sind eben­so bunt, phan­tas­tisch, absurd.

Der Wiki­pe­dia-Arti­kel zum Buch hat noch eini­ge Hintergrundinformationen

Lese­be­fehl!

#aus­ge­le­sen

Infowars

12.45 Uhr: Das Online­an­ge­bot der Deut­schen Wel­le (DW) und wei­te­rer west­li­cher Medi­en ist in Russ­land nicht mehr abruf­bar. Wie der deut­sche Aus­lands­sen­der der Nach­rich­ten­agen­tur dpa am Frei­tag unter Beru­fung auf sei­ne Cyber­se­cu­ri­ty-Exper­ten mit­teil­te, war »dw.com« seit der Nacht in allen Sen­despra­chen in Russ­land gesperrt.

Und was ist das dann?

Der Betrei­ber von 82.146.55.139 sitzt in Irkutsk, was zei­fel­los in Ruß­land liegt.

Die digitale Transformation im Gesundheitswesen — hat sie jemand gesehen?

Im Jahr 2022 bekommt man als Pati­ent sei­ne Rönt­gen-Daten auf einer CD (für die jün­ge­ren: so sil­ber­ne Schei­ben, dar­auf hat man frü­her Daten gespei­chert) aus­ge­hän­digt. Im DICOM-For­mat (was durch­aus sinn­voll ist). Ein View­er wird mit­ge­lie­fert. Einer. Für ein Betriebs­sys­tem, das eben­so wie die Ver­wen­dung von sil­ber­nen Schei­ben völ­lig aus der Zeit gefal­len ist und bes­ten­falls noch Lega­cy für Boo­mer, die am Alt­her­ge­brach­ten hängen.

DAS HABEN WIR SCHON IMMER SO GEMACHT!!!

 

Platz wäre genug, um noch ande­re Betriebs­sys­te­me zu berücksichtigen:

Allein:
DAS HABEN WIR NOCH NIE SO GEMACHT!!!

Jörg Baberowski, Verbrannte Erde. Stalins Herrschaft der Gewalt

Har­ter, sehr har­ter Stoff.

Als Zonen­kind ist Sta­li­nis­mus mir nur in der völ­lig ver­harm­lo­sen­den Form “Per­so­nen­kult, wur­de nach Sta­lins Tod gefixt” bei­gebracht wor­den, der Hit­ler­fa­schis­mus aber in aller Breite.
Ich will das wenigs­tens ansatz­wei­se ver­ste­hen: war­um kann man Mil­lio­nen Men­schen umbrin­gen ohne grö­ße­ren Wider­stand? Für den deut­schen Faschis­mus hat Götz Aly eine ent­mu­ti­gen­de Ant­wort gelie­fert: der deut­sche Faschis­mus war eine Gefäl­lig­keits­dik­ta­tur, zu Gefal­len der deut­schen Bevöl­ke­rung und zum Ster­ben der Juden und der Men­schen in den erober­ten Gebieten.
Doch wie war das unter Sta­lin, des­sen Body­count ähn­lich groß wie der Hit­lers war, wenn nicht grö­ßer? Hat hier auch eine Bevöl­ke­rung pro­fi­tiert, wenigs­tens ein Teil? War­um hat der Sta­li­nis­mus sich viel län­ger als der Hit­le­ris­mus hal­ten können?
Bab­e­row­ski lie­fert hier eine ähn­lich ernüch­tern­de Ant­wort wie Aly für den Hil­ter­fa­schis­mus: Bru­tals­ter Ter­ror gegen alle und jeden. Sta­lin hat über Jahr­zehn­te die sowje­ti­sche Bevöl­ke­rung ter­ro­ri­siert. Ob Geno­zid durch Hun­ger (Holo­do­mor — wich­tig auch für das Ver­ständ­nis des aktu­el­len Ukrai­ne-Kon­flikts), ob der “Kampf gegen das Kula­ken­tun”, ob der Gro­ße Ter­ror von 1937/38, das Ver­hei­zen von Hun­dert­tau­sen­den oder Mil­lio­nen Front­sol­da­ten im Gro­ßen Vater­län­di­schen Krieg, ob der Ter­ror gegen Juden auch nach 1945, ob die Anne­xi­on der bal­ti­schen Staa­ten samt Rus­si­fi­zie­rung — es läßt sich weiterführen.

Anders als der Hit­ler­fa­schis­mus beruh­te der Sta­lins­mus auf blan­kem Terror.
Aber war­um? Eine Ant­wort dürf­te sein: Sta­lins Ver­fol­gungs­wahn. Über­all hat er Ver­rä­ter und Fein­de gese­hen, und die Geheim­diens­te muß­ten stän­dig neue Ver­rä­ter und Fein­de nicht nur fin­den, son­dern auch liqui­die­ren. Und deren Fami­li­en waren natür­lich auch zu liqui­die­ren, deren eth­ni­sches und sozia­les Umfeld ebenso,
Und auch die Täter konn­ten nicht sicher sein: Alle NKWD-Chefs wur­den erschos­sen, der letz­te dann unter Chrust­schow nach Sta­lins Tod. Fak­tisch die kom­plet­te Füh­rungs­rie­ge der Bol­sche­wi­ki wur­de ermor­det, die Gene­ra­li­tät kurz vor dem Über­fall Deutsch­land­as auf die Sowjet­uni­on ebenso.
Gan­ze Völ­ker wur­den inner­halb von Stun­den(!!) tau­sen­de Kilo­me­ter umge­sie­delt (Tata­ren, Deut­sche, Tsche­tsche­nen…) — wie­vie­le schon auf dem Trans­port ver­hun­ger­ten, ver­durs­te­ten, erfro­ren, zu Tode gedrückt oder ein­fach nur erschla­gen wur­den — wer weiß es schon?

Der Sta­li­nis­mus hat, jeden­falls scheint es mir so nach Lek­tü­re des Buches, aus­schließ­lich über Ter­ror funk­tio­niert. Ter­ror in all sei­nen blu­ti­gen For­men, Ter­ror gegen wort­wört­lich alle.

Bab­e­row­ski ist Wis­sen­schaft­ler. Der Fuß­no­ten­an­hang ist schon von der schie­ren Göße her beein­dru­ckend, dar­un­ter sind vie­le Archivmaterialien.
Und doch: Auch er schreibt die Geschich­te nicht nur auf, son­dern fragt auch: War­um ist es so gekom­men? Mir per­sön­lich — ich weiß bedeu­tend weni­ger als der Autor — wird die Ant­wort zu sehr in der Per­son Sta­lin gesucht. Ich fra­ge mich, wel­che Rol­le Tra­di­tio­nen hat­ten, die im Zaren­reich lagen und über Lenin bei Sta­lin ankamen.

X‑Ray fehlt defi­ni­tiv, das ist ein gro­ßes Man­ko für des E‑Book.

Lese­emp­feh­lung? Für alle, die sich im spe­zi­el­len für Sta­li­nis­mus und im wei­te­ren dafür inter­es­sie­ren, war­um Ruß­land heu­te so ist wie es ist, war­um die Bal­ten und die Ukrai­ner Angst vor groß­rus­si­schen Fan­ta­sien haben: für die: unbedingt!
Aber das wäre eben ein sehr spe­zi­el­les Lese­pu­bli­kum, ich weiß.

 

#aus­ge­le­sen

Was die EBV nicht kann

das hier:

Oben: ohne, unten mit Pol­fil­ter. Es war ein die­si­ger Nach­mit­tag, die Son­ne kam von links. Es war kom­plett bedeckt, grau­er Him­mel, ich weiß nicht, ob das eine Rol­le spielt.
Den­noch: die Unter­schie­de sind frap­pant. Ohne Fil­ter ist das Was­ser weit­ge­hend struk­tur­los, mit macht es doch sehr viel mehr her.

In die­sem Zusam­men­hang habe ich eine Fra­ge: Das Fil­ter­ge­win­de ist extrem flach, hat eine extrem gerin­ge Stei­gung. Das macht es schwer, den Fil­ter unver­kan­tet aufs Objek­tiv zu bekom­men. Ein Bekann­ter mein­te, er wür­de erst vor­sich­tig falsch rum dre­hen, bis ein klei­ner Klack kommt, und dann vor­sich­tig rich­tig rum.
Das mag bei ihm funk­tio­nie­ren, ich habe da den Dreh (haha!) schein­bar nicht rich­tig raus.
Es macht eben wenig Spaß, bei Tem­pe­ra­tu­ren kurz über dem Gefrier­punkt und kal­tem, feuch­ten Wind sich in Fein­me­cha­nik zu üben.
Viel­leicht hat jemand einen Tipp?

Ansons­ten: Pol­fil­ter kön­nen nicht durch Pho­to­shop, Ligh­t­room, Gimp, wha­te­ver ersetzt werden.

Stalinismus-Buch gesucht

Ich suche eine nüch­ter­ne, wis­sen­schaft­li­che und dabei les­bar geschrie­be­ne Unter­su­chung zum Stalinismus.
Etwa so wie Götz Aly es in Hit­lers Volks­staat gemacht hat. Solch mons­trö­se Dik­ta­tu­ren kön­nen kaum funk­tio­niert haben, die sowje­ti­sche noch viel län­ger als die deut­sche, wenn nicht wei­te Tei­le der Bevöl­ke­rung Vor­tei­le hat­ten — zuun­guns­ten der Geschun­de­nen natürlich.
Sta­lin-Bio­gra­phien gibt es eini­ge, die von Isaac Deut­scher steht vor Jahr­zehn­ten gele­sen hin­ter mir im Regal. Es gibt eine Auto­bio­gra­phie von Trotz­ki, es gibt Bücher zur zwei­ten Rei­he hin­ter Sta­lin, die bei wei­tem kei­ne Mit­läu­fer, son­dern Mit­tä­ter waren. Es gibt die Bücher von Sol­sche­ni­zyn. Aber all das suche ich eben nicht.
Ich suche eine Erklä­rung, war­um Sta­li­nis­mus von den 20-ern bis in die 60-er Jah­re funk­tio­nie­ren konn­te, mit all den Mil­lio­nen Opfern.

Vor­schlä­ge?

Knut Hamsun, Hunger

Ham­suns Debüt-Roman von 1890.
Eine Hand­lung gibt es nicht.

Der Roman spielt in Kris­tia­na, dem dama­li­gen Namen von Oslo. Der Ich-Erzäh­ler beschreibt den Ver­fall des “Hel­den”, eines obdach­lo­sen Jour­na­lis­ten und Schrift­stel­lers, der, wie der Titel schon sagt, hungert.
Das Buch spielt inner­halb weni­ger Wochen schein­bar in einem Herbst, jeden­falls ist das Wet­ter immer naß, kalt und grau.
Der Held hat kein Geld, so rich­tig gar keins, und auch kei­nen Besitz, bis auf das, was er am Leib trägt, und auch das ist zu wenig, abge­ris­sen, dreckig.
Ab und an kommt er zu ein paar Kro­nen, die aber nie län­ger vor­hal­ten, auch weil er sofort Gutes tut damit, näm­lich wenigs­tens einen Teil ande­ren, die er ähn­lich ver­zwei­felt sieht wie sich selbst, zukom­men läßt.

Aus­führ­lichst wird der inne­re Zustand beschrie­ben. Ver­zweif­lung, Hoff­nung, Selbst­be­trug, Ekel vor sich selbst und Hun­ger, Hun­ger, Hun­ger. Das ist groß­ar­ti­ge Lite­ra­tur, ganz plas­tisch und prä­zi­se geschrieben.
Und merk­wür­dig. Denn es ist ja der Ich-Erzäh­ler, der hier ganz plas­tisch und prä­zi­se sich selbst beschreibt, in einem Dau­er­zu­stand von Erre­gung und Apa­thie, Hun­ger und Deli­ri­um. Als säße der Erzäh­ler sou­ve­rän auf einer Wol­ke und betrach­te­te sein eige­nes küm­mer­li­ches Dasein drunten.

Es gibt übri­gens sogar eine Roman­ze, die — natür­lich — kein hap­py end hat.

Gleich­zei­tig auch sieht der Held die ande­ren Lei­dens­ge­fähr­ten, die in der Gos­se ihr Über­le­ben orga­ni­sie­ren. Da ver­sucht er zu hel­fen (indem er, wenn er mal ein klein wenig Geld bekom­men hat, einen Teil sofort wei­ter­gibt). Ein­mal gibt es eine Sze­ne: Einem Kind auf der Stra­ße (Gos­se) spuckt ein Mann auf den Kopf. Das Kind weint vor Demü­ti­gung. Tage spä­ter ergau­nert sich der Held Kuchen, den er sofort in sich rein­stopft, er hat­te wie­der ein­mal gehun­gert. Doch den letz­ten Teil des Kuchens hebt er sich auf für das Kind und bringt den Kuchen vor­bei. Er hat den Schmerz des Kin­des gespürt und will hel­fen, doch so trost­los wie der Roman ist: Das ist kei­ne Hil­fe. Aber viel­leicht doch ein klei­nes war­mes Licht.

Am meis­ten bedrü­ckend fand ich die Beschrei­bun­gen des Hun­gers: Daß er, wenn er nach lan­gem Hun­gern wie­der was ißt, das Geges­se­ne sofort wie­der erbricht. Wie­der ißt, wie­der bricht. Und dar­über weint, weil er das Essen nicht behal­ten kann. Das ist fürch­ter­lich luzid beschrieben.

Die Geschich­te löst sich etwas unver­mu­tet auf: Der Held heu­ert auf einem Schiff nach Leeds an und das Buch endet abrupt

Lese­emp­feh­lung? Schwie­rig. Wer ger­ne Kaf­ka gele­sen hat, soll­te Hun­ger lesen. Dos­to­jew­ski-Fans wohl auch. Freun­de von Arzt­ro­ma­nen eher nicht 🙂

 

#aus­ge­le­sen