Ausgelesen: Daniil Granin, Mein Leutnant

Was für ein The­ma. Der Autor hat von Anfang an an der Ver­tei­di­gung Lenin­grads gegen die Wehr­macht teilgenommen.
Nur zum Luft holen: 900 Tage Bela­ge­rung, über eine Mil­lio­nen Tote in Lenin­grad, nicht an Herz­in­farkt oder Kopf­schuß gestor­ben, son­dern an Hun­ger, Typhus, Skorbut…
Eine. Mil­li­on. Tote. In. Einer. Ein­zi­gen. Stadt.
Eine. Mil­li­on. Tote. In. Einer. Ein­zi­gen. Stadt.
Eine. Mil­li­on. Tote. In. Einer. Ein­zi­gen. Stadt.

Gra­nin war Anfang 20, als er sich als Lenin­gra­der selbst­ver­ständ­lich zur Volks­wehr (das scheint — Zonis wer­den es ken­nen — so eine Art Zivil­ver­tei­di­gung gewe­sen zu sein) mel­de­te, in Erwar­tung der Deutschen.

Der Roman ist 2011 erschie­nen, Gra­nin Jahr­gang 1919, er war also über 90 bei Erschei­nen. Allein des­we­gen muß man das Buch lesen.
Er kon­stru­iert raf­fi­niert: Da ist D. (was für Daniil steht): ein leicht nai­ver jun­ger Mann, frisch ver­hei­ra­tet, der Lenin­grad ver­tei­di­gen will. Und da ist “der Leut­nant”, Gra­nins alter Ego, ein Pan­zer­kom­man­deur, am Krieg gebro­chen, ver­bit­tert. Und der alte Autor sel­ber im Rück­blick auf sein Leben in und nach dem Krieg.

Und die­ser Rück­blick ist eine scho­nungs­lo­se, ehr­li­che Abre­chung mit dem Sta­li­nis­mus, hier in Form der mör­de­ri­schen sowje­ti­schen Armeeführung.

Die­se »Schüt­zen­gra­ben­wahr­heit« pass­te nicht zu der Wahr­heit der Memoi­ren von Gene­rä­len, zur Wahr­heit der Stä­be, den Berich­ten des Infor­ma­ti­ons­bü­ros, den Zei­tungs­ar­ti­keln. Die Sol­da­ten jedoch hat­ten ihre eige­ne bit­te­re Wahr­heit: flie­hen­de Trup­pen, die ihre Füh­rung ver­lo­ren hat­ten, ein­ge­kes­sel­te Divi­sio­nen und Arme­en, aus denen sie zu Zehn­tau­sen­den in Gefan­gen­schaft gerie­ten, ver­bre­che­ri­sche Befeh­le von Kom­man­die­ren­den, die ihre Vor­ge­setz­ten mehr fürch­te­ten als den Gegner.

Und wei­ter:

Ich weiß nicht, wer sich die Losung »Tod den deut­schen Okku­pan­ten!« aus­ge­dacht hat, aber sie wur­de zu unse­rem ideo­lo­gi­schen Ban­ner. Die Okku­pan­ten soll­ten nicht aus dem Land gejagt, sie soll­ten getö­tet wer­den. Als wir von Hit­lers Plan zur Ver­nich­tung der Sla­wen erfuh­ren, ging der Krieg in einen Mord­feld­zug über. Wir wer­den sie auch ver­nich­ten. »Tod den deut­schen Okku­pan­ten!« Auf die­se Wei­se ver­wan­del­te sich der Krieg Ende 1941 in eine Vernichtungsmaschinerie.

Wohl­ge­merkt: Der Krieg ging auch in einen Mord­feld­zug gegen­über den Deut­schen über. Als jun­ger Mann hat­te ich Ilja Ehren­burg gele­sen — der Mann war ein Mord­a­gita­tor. Den­ken wir kurz an Dem­min (nur lesen, wenn ihr stark seid)
Gra­nin beschreibt sei­ne Mona­te und Jah­re im Schüt­zen­gra­ben vor Lenin­grad, nicht ohne Absurditäten:

Im Nie­mands­land gab es eine Schlucht, in der – wie auch immer – ein Schwarz­markt ent­stan­den war. Die Händ­ler hin­ter­lie­ßen ein­an­der etwas, viel­leicht war­fen sie es auch rüber. Die Deut­schen tausch­ten ihr Weiß­brot gegen Machor­ka, denn sie moch­ten unse­ren star­ken Tabak. Für uns war Weiß­brot ein Lecker­bis­sen. Außer­dem übten Wod­ka, Filz­stie­fel und selbst­ge­bau­te Stein­schloss-Feu­er­zeu­ge eine gro­ße Anzie­hungs­kraft auf sie aus. Wir tausch­ten bei ihnen Toi­let­ten­sei­fe, Sal­be gegen Geschwü­re und Brief­pa­pier ein.

Das ist nur schein­bar lus­tig, in Wirk­lich­keit pas­sier­te eins in den Schüt­zen­grä­ben: Es wur­de ver­reckt. Und die eige­nen Leu­te wur­den ver­heizt in immer neu­en sinn­lo­sen Angriffs­wel­len, was zu immer mehr Toten im Nie­mands­land führ­te, die dann eben so rum­la­gen (man muß sich vor­stel­len, daß die sowje­ti­schen und deut­schen Schüt­zen­grä­ben teils nur 150 Meter aus­ein­an­der lagen.

Als die Deut­schen dann anfin­gen, die Lei­chen weg­zu­räu­men, wur­de uns befoh­len, auf sie zu schie­ßen, aber ehr­lich gesagt, wir haben nicht geschos­sen, und selbst wenn wir schos­sen, dann eher nach oben, um Krach zu machen, denn wir waren ihnen dank­bar, dass sie die­se ver­we­sen­de Mas­se wegschleppten.

Da ist kein Hel­den­tum, nirgends.

Der Krieg ver­läßt Ruß­land, Lenin­grad wur­de für einen irren Preis gehal­ten. Paris zum Bei­spiel wur­de zur offe­nen Stadt erklärt, die Wehr­macht ist ein­fach rein­mar­schiert. Hit­ler woll­te Lenin­grad nicht erobern, er woll­te es durch Hun­ger aus­lö­schen. Die Wehr­macht hät­te Lenin­grad erobern können.

Gra­nin geht nicht wei­ter mit sei­ner Pan­zer­bri­ga­de, son­dern er wird demo­bi­li­siert und kehrt zu sei­ner Frau zurück.

Und hier fängt der zwei­te Teil an: Er ist Mit­te 20 und gebro­chen. Er säuft, geht fremd, kommt tage­lang nicht nach Hau­se, wobei die­ses “Zuhau­se” irgend­ein Rat­ten­loch ist, das er, sei­ne Frau und das Kind tei­len müs­sen. Es ist nach dem Krieg und vor Sta­lins Tod. Es wer­den noch immer Men­schen unter absur­des­ten Vor­wür­fen gefan­gen genom­men, depor­tiert, ermor­det. All das beschreibt Gra­nin nüch­tern, als Zeitzeuge.

Im Epi­log dann redet er mit einem Deut­schen, lädt ihn sogar zu sich nach Hau­se in die Küche ein. Das ist ein ver­söhn­li­cher Ausklang.

Und: Das gan­ze Buch durch­zieht wie ein Geruch, den man nur ab und an wahr­nimmt, der dann aber ver­traut ist: eine unend­li­che Lie­bes­er­klä­rung an sei­ne Frau.

Aber nun hat­te sie sei­nen Kopf an sich gedrückt, er leg­te die Arme um sie, schmieg­te sich an, und all das war zu Ende. Was bedeu­te­te es schon, wenn es das hier gab, man konn­te es für immer ver­ges­sen, wenn sie nur zusam­men waren. Sie saßen beim Abend­brot, D. sah sie an, er konn­te zuschau­en, wie sie immer schö­ner wur­de, wie sich ihre Wan­gen röte­ten, die Haa­re zu glän­zen begannen.

Die­ses Buch gehört unbe­dingt zu denen, die ich auf eine Insel mit­neh­men würde.
Lese­emp­feh­lung? Natürlich!

 

#aus­ge­le­sen

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Home Assistant auf Docker umgestellt

Ich hat­te bis­lang Home Assi­stant in einem Python vir­tu­al envi­ron­ment zu lau­fen — war­um? Nun, es gibt wohl ein Image auf SD-Kar­te: Ein­schie­ben, boo­ten, HA läuft. Aller­dings ist ein Pi viel zu potent, als daß man ihn mit einer ein­zi­gen Auf­ga­be belei­di­gend unter­for­dern wollte.
Da kam die venv-Vari­an­te gera­de recht: Man kann rum­schwei­nen, Python-Packa­ges nach­in­stal­lie­ren nach Gus­to, ohne das sys­tem-Python anfas­sen zu müs­sen. Mit einer Ein­schrän­kung: Man ist an das System-Python(3) gebun­den, und das ist bei einem aktu­el­len Raspbi­an 3.7.3 — und HA mault das seit Mona­ten als depre­ca­ted an.
Ein neue­res Python gibt es aber nicht als Paket (jeden­falls habe ich nichts gefun­den). Also ich bin ja ein uber­he­ro, habe vie­le vie­le Jah­re send­mail aus den Quel­len über­setzt und mei­ne aller­ers­te sendmail.cf tat­säch­lich sel­ber geschrie­ben (und danach m4 ent­deckt), also so ein pop­li­ges Python sel­ber bau­en, ist ja wohl kei­ne Her­aus­fo­de­rung! Stellt sich raus: In der Tat, ist es nicht, geht ganz smooth. Also schnell noch Alia­se gesetzt und los: python-venv gestar­tet, HA gestartet.

Wel­co­me tot the depen­den­ci­es hell!¹

Ach was da alles nicht ver­füg­bar ist! xz,sqlite3 — danach habe ich aufgegeben.

Die Lösung?

systemctl stop home-assistant@homeassistant.service
systemctl disable home-assistant@homeassistant.service
docker run --init -d --name="home-assistant" -e "TZ=Europe/Berlin" -v /home/homeassistant/.homeassistant:/config/ --net=host --restart=always homeassistant/raspberrypi4-homeassistant:stable

Löppt. So ein­fach kann es sein!

root@r4:~# python3 --version
Python 3.7.3
root@r4:~# docker exec -ti home-assistant python3 --version
Python 3.8.7
root@r4:~#

Dann will man natür­lich gleich Watch­tower haben. Das meckert zwar beim Star­ten, läuft dann aber wohl doch:

root@r4:~# docker run -d --name watchtower --restart always -v /var/run/docker.sock:/var/run/docker.sock containrrr/watchtower
WARNING: The requested image's platform (linux/amd64) does not match the detected host platform (linux/arm/v7) and no specific platform was requested
33f87b78d1ba24793b0272db247f7f4fc9315e0e4aee335128e1049db6fe3aa3
root@r4:~# docker ps
CONTAINER ID   IMAGE                                             COMMAND         CREATED          STATUS          PORTS      NAMES
33f87b78d1ba   containrrr/watchtower                             "/watchtower"   13 seconds ago   Up 11 seconds   8080/tcp   watchtower
bfebd671b8fd   homeassistant/raspberrypi4-homeassistant:stable   "/init"         43 minutes ago   Up 43 minutes              home-assistant
root@r4:~#

Wun­der­bar! War­um habe ich das nicht seit lan­gem so???


¹ OK, wer schon mal Ruby Depen­den­ci­es hin­be­kom­men hat, der wird das­sel­be bei Python noch voll­trun­ken hinbekommen.

+1

Projekt Phoenix

Das ist eine “Rezen­si­on”, die ich 2016-11-16 12:58:39+0100 bei Goog­le+ geschrie­ben hat­te. und nun aus Grün­den re-pos­ten möchte.

—–8<—–

Pro­jekt Phoe­nix — Der Roman über IT und DevOps

Die Sto­ry:
Der Held (Bill Pal­mer) wird anfangs zum IT-Chef (genau­er: VP IT
Ope­ra­ti­ons) der Fir­ma Parts Unli­mi­ted beför­dert — eigent­lich läßt er
sich eher breit­schla­gen, die­sen Pos­ten zu über­neh­men. Parts Unlimited
ist eine Zulie­fer­fir­ma (Auto­bau?, das wird nicht genau­er erklärt) und
hat ca. 4000 Mit­ar­bei­ter. Der Fir­ma geht es nicht gut, die Konkurrenz
ist schnel­ler und beweg­li­cher. Des­halb wur­de das Pro­gramm Phoe­nix ins
Leben geru­fen, das nun alles ändern soll. An Phoe­nix hängt die Zukunft
der Fir­ma. Phoe­nix selbst ist en gro­ßer Klum­pen aus Prozessen,
Ver­ant­wort­lich­kei­ten — und eben auch (selbst­ge­schrie­be­ner) Software.
Sehr viel hängt dabei von der völ­lig über­for­der­ten IT ab.

Der ers­te Teil des Romans führt die han­deln­den Per­so­nen ein, und
illus­triert ansons­ten die depri­mie­ren­de Situa­ti­on in der Fir­ma. Auf jede
Kata­stro­phe folgt eine noch grö­ße­re Kata­stro­phe. Bill ver­sucht zu
ret­ten, was zu ret­ten ist, aber die ihm zur Ver­fü­gung ste­hen­de Zeit ist
ein­fach zu kurz. Natür­lich lei­det auch sei­ne Fami­lie. Am Ende wird das
Pro­jekt Phoe­nix mit Schma­ckes gegen die Wand gefah­ren (erin­nert sich
jemand an die zusam­men­stür­zen­de Seil­bahn bei Alexis Sor­bas — genau so!)
Ver­ant­wort­lich letzt­lich ist der völ­lig inkom­pe­ten­te CEO der Fir­ma, der
sämt­li­che War­nun­gen Bills in den Wind geschla­gen hat. Bill kündigt
daraufhin.

In Teil 2 wird genau der­sel­be CEO über Nacht geläu­tert und sieht seine
Feh­ler ein. Bill wird wie­der ein­ge­stellt und bekommt fak­tisch freie
Hand. Bereits im vori­gen Teil tauch­te ein Auf­sichts­rats-Kan­di­dat auf:
Erik, der fort­an als Bills Men­tor auf­tritt. In den Gesprä­chen zwischen
Erik und Bill geht es immer dar­um, ers­tens die IT als Pro­duk­ti­on zu
ver­ste­hen und zwei­tens Bill begreif­lich zu machen, daß er die
Gesamt­or­ga­ni­sa­ti­on im Blick haben muß, nicht nur die IT. Dabei ist Erik
eine merk­wür­di­ge Mischung aus einem wei­sen alten Kungfu-Leh­rer und
Sokra­tes (Mäeu­tik) In die­sem zwei­ten Teil schafft Bill es, die
wich­tigs­ten Eng­päs­se zu loka­li­sie­ren und beginnt mit ihrer Beseitigung.

In Teil 3 dann wird die Ern­te ein­ge­fah­ren, die in Teil 2 gesät wurde.
Alles wird fein, die Fir­ma läßt die Kon­kur­renz hin­ter sich, Bill steht
eine glän­zen­de Kar­rie­re an der Fir­men­spit­ze in Aussicht.

Mein Senf:
Ein grau­en­voll schlech­ter Roman. Die han­deln­den Per­so­nen sind allesamt
Kli­schees, die Hand­lung ist völ­lig vor­her­seh­bar, die Per­so­nen entwickeln
sich nicht. Die plötz­li­che Läu­te­rung des CEOs über Nacht wird weder
her­bei­ge­führt noch irgend­wie begrün­det. Es ist ein­fach pas­siert. Die
Dia­lo­ge sind schmerz­haft gestelzt und könn­ten einer Image-Kam­pa­gne für
irgend­was ent­nom­men sein. Kei­ne Les­emp­feh­lung von mir.

Es sei denn, man hat irgend­wie mit IT und Ent­wick­lung zu tun. Der Autor
ist ehe­ma­li­ger Mit­grün­der von Trip­wire und ver­steht also etwas vom
Gegen­stand des Buches: Wie baue ich ein funk­tio­nie­ren­des Softwareprodukt
in mög­lichst kur­zer Zeit? In Teil 1 wird die Ist-Situa­ti­on dargestellt:
ein ein­zi­ges Kud­del­mud­del. Jeder Ent­wick­ler darf über­all­hin einchecken,
es gibt kei­ne sta­ble bran­ches, CI/CD gibt es auch nicht, keine
defi­nier­ten Test­um­ge­bun­gen usw. usf. Ab der Bestands­auf­nah­me und auch
im gan­zen Teil 2 kommt Erik die Rol­le zu, Bill und damit dem Leser die
Prin­zi­pi­en von Dev­OPs nahe­zu­brin­gen. Dabei tritt er wie ein asiatischer
Guru auf. Teil 3 spielt gar kei­ne Rol­le mehr, der ist nur fürs Happy
End zustän­dig. Und da könn­te dann auch der Lese­ge­winn für den
inter­es­sier­ten IT-ler/­Ent­wick­ler lie­gen: die Her­lei­tung von modernen
Prin­zi­pi­en in der Soft­ware-Ent­wick­lung. Nur ist die Fra­ge, ob man dafür
nicht bes­ser ein tro­cke­nes Lehr­buch gele­sen hät­te. Apro­pos Lehrbücher:
Die (es sind eini­ge) wer­den auch kurz gewür­digt, da tau­chen dann
pene­trant sol­che Epi­the­ta wie “weg­wei­send, fantastisch,
beein­dru­ckend…” auf. Nicht mein Ding jedenfalls.
Offen­sicht­lich aber woll­te der Autor (genau­ge­nom­men die 3 Autoren) einen
Roman und kein Lehr­buch schrei­ben. Der Roman, der dabei herausgekommen
ist, ist lei­der eine Ent­täu­schung geworden.

Anhang:
Das bezieht sich alles auf das Ebook bei Ama­zon, und das ist leider
lieb­los gemacht. Kei­ne Sil­ben­tren­nung, aber Block­satz, dadurch teils
häß­lich gro­ße Wort­ab­stän­de. Völ­lig unmo­ti­vier­te kur­siv gesetzte
Pas­sa­gen, meist am Absatz­an­fang. Scha­de, von O’Reil­ly darf man
mehr Sorg­falt erwarten.

—–8<—–

#aus­ge­le­sen

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Füße vertreten

Nach dem obli­ga­to­ri­schen Mit­tags­schläf­chen bin ich mal 3 Stun­den nach drau­ßen entfleucht.
Schön wars!

Eli­sen­hain

Eli­sen­hain

Eli­sen­hain

Eli­sen­hain

Eli­sen­hain

Eli­sen­hain

Eli­sen­hain

Eli­sen­hain

Eli­sen­hain

Eli­sen­hain

Chaus­see­haus an der Wol­gas­ter Chaussee

Ein ein­sa­mer Seg­ler kommt rein. Brrrrrr!

Wieck

Wieck: Hafen­amt, Greif, Schlep­per, Segler.

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Heimrouter ein LE-Zertifikat verpaßt

Seit län­ge­rem schon wer­den die gro­ßen Brow­ser immer ping­li­ger bei Zer­ti­fiak­ten: Selbst­si­gnier­te mögen sie nicht, neu­er­dings sol­che mit Lauf­zei­ten von > 395 Tagen, wenn der CN bzw. SAN nicht stim­men; wer weiß, was nächs­ten Monat passiert.

Also habe ich es nun end­lich in Angriff genom­men: Dem Rou­ter­chen im Kel­ler ein sau­be­res Zer­ti­fi­kat geben. Da ich sowie­so schon über­all ein Wild­card für *.sokoll.com ver­wen­de, war­um nicht für den Rou­ter? Also zunächst im DNS den Rou­ter bekannt machen (eigent­lich fin­de ich pri­va­te Adres­sen im DNS uncool, aber nun ja)

~$ host homerouter.sokoll.com
homerouter.sokoll.com has address 192.168.1.254
~$

Das war schon mal einfach!
Nun noch schnell das Zer­ti­fi­kat rüber­schie­ben. Das macht dann der Raspi daneben:

root@r4:~/bin# cat le_for_router.sh
#!/bin/sh
rsync -aL big.sokoll.com:/etc/dehydrated/certs/wildcard_sokoll.com/{fullchain,privkey}.pem /tmp/
cat /tmp/privkey.pem /tmp/fullchain.pem > /tmp/server.pem
rsync -a /tmp/server.pem 192.168.1.254:/etc/lighttpd/ 2>/dev/null
ssh 192.168.1.254 'kill -SIGINT $(cat /var/run/lighttpd.pid) ; /usr/sbin/lighttpd -f /etc/lighttpd/lighttpd.conf' 2>/dev/null
rm /tmp/*.pem
root@r4:~/bin#

Dum­mer­wei­se inter­es­siert ein SIGHUP den ligh­ty über­haupt nicht, so daß man ihn töten und hin­ter­her neu star­ten muß. Das gan­ze wird dann ein­mal täg­lich via cron aufgerufen.
Ich soll­te noch etwas verschönern:Wenn sich das Zer­ti­fi­kat nicht geän­dert hat, kann man eigent­lich gleich nach dem ers­ten rsync aufhören.
Das wird dann Ver­si­on 0.0.1 😉

 

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Gunnar Decker, Zwischen den Zeiten

Bei aller Kri­tik, die noch kom­men wird: ein wich­ti­ges Buch. Der Autor ist unwe­sent­lich jün­ger als ich, hat jeden­falls bis zur Ende einen ähn­li­chen Wer­de­gang gehabt, ich kann nach­voll­zie­hen, was er schreibt.
Zwi­schen den Zei­ten hat im Wesent­li­chen die Kul­tur- und Kunst­ge­schich­te der DDR zwi­schen der Aus­bür­ge­rung Bier­manns 1976 und dem Weg­fall der DDR 1990 zum Gegen­stand. Vor der Folie des Sta­li­nis­mus in der Sowjet­uni­on und der DDR, wobei sei­ne The­se ist, daß es in der DDR zwar nicht die mons­trö­sen sta­lin­schen Ver­bre­chen gab, aber eben auch nie einen wirk­li­chen Bruch mit sta­li­nis­ti­schen Denk- und Hand­lungs­mus­tern. Und mit der Zäsur 1985: Gor­bat­schow und mit ihm Pere­stroi­ka und Glas­nost, wobei es Decker natür­lich zuerst um Glas­nost geht — sei­ne The­men sind schließ­lich Kunst und Literatur.

Im Pro­log macht Decker deut­lich, wor­um es ihm geht: Als ehe­ma­li­ger DDR-Bür­ger die Deu­tungs­ho­heit über die DDR-Geschich­te zurück­zu­ge­win­nen, bei ihm heißt das Die Aneig­nung der eige­nen Geschich­te durch die Akteu­re die­ser Geschichte.
Die Akteu­re sei­ner Geschich­ten sind vor allem die ers­te Liga der DDR-Lite­ra­tur: Chris­ta Wolf, Franz Füh­mann, Jurek Becker, Ste­phan Hermlin, Hei­ner Mül­ler, Ste­fan Heym — Dut­zen­de, dar­un­ter auch bil­den­de Künst­ler wie Mat­theu­er und Tüb­ke. Fil­me­ma­cher (Kon­rad Wolf), Schau­spie­ler, er greift in die vol­le Kis­te. Das Buch ist vol­ler Infor­ma­tio­nen, der Autor hat gründ­lich recher­chiert und steu­ert ein umfas­sen­des Lite­ra­tur­ver­zeich­nis bei.
Dazu die sowje­ti­schen Schrift­stel­ler und Fil­me­ma­cher: Bul­ga­kow, Ait­ma­tow, Gra­nin… Abu­lad­se (komi­scher­wei­se nicht Tar­kow­ski, viel­leicht weil der nicht den Sta­li­nis­mus zum direk­ten Gegen­stand hatte)

Er zeich­net ein Bild einer grau­en, ster­ben­den Gesell­schaft, mit Schrift­stel­lern, die eben­falls nicht atmen kön­nen — und, das ist ja schon lan­ge mei­ne The­se: das gebiert Kunst. Er zitiert Chris­top Hein:

Es ist eine Merk­wür­dig­keit, dass ein raue­res Kli­ma schö­ne­re Blu­men her­vor­bringt. Das spricht nicht für das raue­re Kli­ma, Kunst ist eine selt­sa­me Pflanze.

Das ist doch schön formuliert?
Man­che geben auf, machen rüber, Jurek Becker, Man­fred Krug, Sarah Kirsch, noch vie­le mehr. Ande­re blei­ben und lei­den im Stil­len, vor allem an der Zen­sur. Doch die wird nach 1985 (Gor­bat­schow) immer zahn­lo­ser, und so liest man, daß kurz vor dem Unter­gang die Zen­sur fak­tisch auf­ge­ge­ben hat­te, sehr zur Über­ra­schung der bis­lang Zensierten.
Aber da war es schon zu spät, die DDR konn­te nur noch ster­ben, die Ago­nie war nicht mehr zu über­se­hen. Jeden­falls sage ich mir das heu­te, 30 Jah­re spä­ter, viel­leicht zu Unrecht?

Über­haupt: Die Fra­ge­zei­chen. Die setzt Decker in Über­zahl ein, weil er vie­le Fra­gen stellt. Bezie­hungs­wei­se: sie sei­ne Gegen­stän­de indi­rekt stel­len läßt.
Und da kom­me ich zu mei­ner Kri­tik: Der Stil. Anfangs las sich das gut, aber so etwa ab der Hälf­te wur­de es mir immer gezier­ter, gedrech­sel­ter, ver­schwur­bel­ter. Und ich muß auch nicht zum drölf­ten Male dar­an erin­nert wer­den, wie blei­ern alles war. So wur­de das Lesen nach hin­ten her­aus immer schnel­ler, weil ich gan­ze Pas­sa­gen nur noch über­flog. Was eigent­lich Unrecht ist, denn ihm fal­len immer wie­der neue, über­ra­schen­de Bil­der ein — aller­dings zur immer der­sel­ben Aussage.
Dazu: Der Autor ist unheim­lich bele­sen. Er hat Phi­lo­so­phie stu­diert, und lei­der ver­lei­tet ihn das zu exzes­si­vem Name­drop­ping: “Oder, um es mit [Diderot|Voltaire|Kant] zu sagen…” das ist oft ärger­lich, weil es oft nur eine sehr losen oder auch gar kei­nen Bezug zum The­ma hat. Manch­mal scheint es, als wür­de Decker sich sel­ber ger­ne lesen.
Das Buch könn­te um ein Vier­tel gekürzt wer­den, ohne Verluste.

Das Buch ist kei­ne wis­sen­schaft­li­che Abhand­lung, auch kein Roman, nein, das ganz und gar nicht. Viel­leicht eine Samm­lung von Feuil­le­tons zu einem gemein­sa­men Thema.

Lese­emp­feh­lung? Ja, wenn

  • Du gene­rell an Kunst und Lite­ra­tur im Span­nungs­feld zur Poli­tik inter­es­siert bist
  • Du spe­zi­ell an DDR- und BRD-Geschich­te inter­es­siert bist
  • Du Dich für Spät­wir­kun­gen des Sta­li­nis­mus interessierst
  • sowie­so open min­ded bist

Ansons­ten eher nein.
Ich habe es inter­es­siert gele­sen, und wer­de wohl das eine oder ande­re DDR-Buch erneut lesen.

 

#aus­ge­le­sen

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Laura Spinney, 1918 — die Welt im Fieber

So, nach eini­gen Wochen habe ich die­ses Buch nun end­lich #aus­ge­le­sen. Ich kann gar nicht sagen, war­um es so lan­ge gedau­ert hat, am Stil liegt es sicher­lich nicht: Das Buch liest sich gut. Und doch habe ich abends im Bett sel­ten län­ger als fünf Minu­ten lesen kön­nen bis zur Müdigkeit.

Egal: Wie der Titel sagt, geht es um die “spa­ni­sche Grip­pe”, die etwa von 1918 bis 1920 über die gan­ze Welt kam — eine Pan­de­mie eben, wir wis­sen, was das ist.
Das Buch kam 2017 her­aus, also nach SARS 2002 und Schwei­ne­grip­pe 2009, aber vor COVID-19.
Es ist ein popu­lär­wis­sen­schaft­li­ches Buch im bes­ten Sin­ne, wie es schein­bar die Anglo­ame­ri­ka­ner bes­ser als die Deut­schen kön­nen, bei uns ist “popu­lär­wis­sen­schaft­lich” ja immer noch leicht anrü­chig. Die Autorin schreibt flüs­sig und fak­ten­reich — was mir beson­ders gefällt: es ist alles durch umfang­rei­che Lite­ra­tur­ver­wei­se belegt, wobei auf­fällt, daß das Gros die­ser Bele­ge nicht aus dem Inter­net kommt, son­dern aus Arti­keln in Fach­zeit­schrif­ten. Das gefällt mir, bedeu­tet es doch, daß die Autorin sich inten­siv mit der Mate­rie beschäf­tigt hat (was man übri­gens auch aus den Dank­sa­gun­gen her­aus­le­sen kann)
Kurz: Die Autorin rei­tet nicht die Coro­na-Wel­le (wie auch, Erschei­nungs­jahr 2107), und ist gera­de des­we­gen lesens­wert und aktuell.

Das Buch fällt in zwei Tei­le: Im ers­ten wird die Aus­brei­tung der Grip­pe unter­sucht, auch, woher sie viel­leicht stammt (das ist nicht ganz ein­deu­tig, jeden­falls aber nicht aus Spa­ni­en) Und der Zusam­men­hang zwi­schen der Grip­pe und dem ers­ten Welt­krieg. Frag­los hat­te die Grip­pe mas­si­ve Aus­wir­kun­gen auf den Krieg, ja, man kann sicher­lich sagen: ohne die Grip­pe wäre der Krieg anders ver­lau­fen. Nach der Lek­tü­re wird man den ers­ten Welt­krieg viel­leicht ein wenig bes­ser verstehen.
Schon in die­sem ers­ten Teil wird reich­lich kühn und unver­mit­telt zwi­schen den Jahr­hun­der­ten und den Kon­ti­nen­ten hin- und her­ge­sprun­gen. Das reicht von der vor­christ­li­chen Anti­ke bis heu­te, von Chi­na und Ame­ri­ka bis Afri­ka und dem Rest der Welt. Das ist teil­wei­se ermü­dend, und manch­mal schei­nen mir die Quer­ver­bin­dun­gen eher mit Macht gezo­gen wor­den zu sein

Das gilt dann mehr noch für den zwei­ten Teil, der sich eher mit den Fol­gen der spa­ni­schen Grip­pe für die Wis­sen­schaft und Gesell­schaft bis heu­te beschäf­tigt. Da geht es viel um Viro­lo­gie, Gesund­heits­po­li­tik. Im Nach­hin­ein sage ich für mich: Den Teil hät­te man deut­lich kür­zen kön­nen, als Leser kann man ger­ne schräg lesen.

Ins­ge­samt: Ein augen­öff­nen­des Buch. Denn es ist durch­aus nicht so, daß unse­re jet­zi­ge Situa­ti­on aus dem Nichts gekom­men wäre. Ein Bei­spiel: World invests too litt­le and is under­pre­pa­red for dise­a­se out­breaks — und der­glei­chen gibt es vie­le ande­re. Man wuß­te schon damals, daß die Grip­pe eine Virus­er­kran­kung ist, auch wenn das Virus selbst erst weit spä­ter gefun­den wur­de. Man wuß­te, daß Mas­ken hel­fen, Abstand hal­ten, Schu­len schlie­ßen… Und auch die Cov­idio­ten gab es schon damals. Das ist alles nicht neu, erschre­ckend ist, wie wenig wir gelernt haben.

Lese­emp­feh­lung? Ja!


Eine Lese­pro­be gibts hier, inter­es­san­ter­wei­se bei der Bun­des­zen­tra­le für poli­ti­sche Bildung.

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Adobe :-(

Vor einem oder so Monat habe ich in mei­nem iMac die inter­ne HDD gegen eine SSD tau­schen las­sen (nein, das kann man kaum sel­ber machen)
Jeden­falls: Nach anfäng­li­chen Schwie­rig­kei­ten (die neue SSD woll­te sich erst nicht mit der alten, inter­nen und klei­nen SSD zu einem Fusi­on Dri­ve¹ ver­bin­den las­sen, das ging dann aber) habe ich ein aktu­el­les MacOS drauf­be­kom­men und alle Daten aus dem Back­up zurückbekommen.
Aller­dings hat­te ich einen Feh­ler gemacht: Das Lauf­werk mit APFS und Groß/Kleinschreibung for­ma­tiert. Anstän­di­ge Datei­sys­te­me unter­schei­den schließlich.
Ja, alles hat funktioniert.
Bis zu dem Zeit­punkt, zu dem Ado­be Crea­ti­ve Cloud sich updaten woll­te. Tja, und das geht nur, wenn das Datei­sys­tem case insen­si­ti­ve ist.
Es geht nicht ein­mal auf einem exter­nen Lauf­werk, das case insen­si­tiv ist. Idioten 🙁
Also habe ich umfor­ma­tiert, was natür­lich nur unter Ver­lust der kom­plet­ten Par­ti­ti­on geht. Glück­li­cher­wei­se hat Apple ein anstän­di­ges Back­up­kon­zept, und so wird gera­de alles zurück­ge­spielt. Das Back­up liegt auf dem Raspi im Kel­ler, des­sen Ether­net gera­de glüht.

All soft­ware sucks.

 

#Unmut


¹ Apple Sprech für logi­cal volume

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Usertracking? Find’ ich gut!

Vor­hin war ich in der Arzt­pra­xis, der Pil­len­vor­rat muß­te auf­ge­füllt wer­den. Also ein neu­es Rezept mit drei unter­schied­li­chen Medi­ka­men­ten geholt.

Prak­ti­scher­wei­se ist direkt unter der Pra­xis eine Apo­the­ke, win-win für alle Betei­lig­ten. Ich rei­che also mein Rezept rüber:
“Medi­ka­ment 1, bit­te­s­ehr: Medi­ka­ment 2: bit­te­s­ehr Medi­ka­ment 3: Moment, Herr Sokoll, beim letz­ten Mal hat­ten Sie eine ande­re Dosie­rung, ist das so richtig?”
“Äh, ömm, also, ich habe kei­ne Ahnung, mir ist nichts dies­be­züg­lich bekannt.”
“Ich rufe mal in der Pra­xis an.”
“Alles klar, Herr Sokoll, Ihre Dosie­rung hat sich tat­säch­lich geändert.”

Mir war gar nicht bewußt, daß die Apo­the­ke mei­ne Medi­ka­ti­on nicht nur auf­zeich­net, son­dern sogar beim Ein­scan­nen des Rezep­tes auf­ruft und mit dem aktu­el­len Rezept vergleicht.

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Ist wirklich Trump das Problem?

Wir haben ja nun alle viel Vide­os gese­hen, Bil­der, Berich­te gele­sen vom Sturm auf die Bas­til­le, äh, das Kapi­tol. Ganz zwei­fel­los war das eine Mischung aus har­ten Rechts­ter­ro­ris­ten, Irren, Ver­schwö­rungs­phan­tas­ten — wie bei uns eben, nur um eini­ge Zacken ter­ro­ris­ti­scher, irrer.
Und Trump hat das natür­lich provoziert.

Nur: die sind doch nicht alle vor 4 Jah­ren bei Trumps Wahl von den Bäu­men gefal­len. Auf den Bil­dern reicht das Alters­spek­trum der Trumpis­ti von sehr jung bis reich­lich alt. Das Pro­blem, das die USA haben, ist kein Trump-Pro­blem, der mag als Kata­ly­sa­tor wir­ken, aber der dum­me Natio­na­lis­mus (habt ihr die Vide­os gehört? USA! USA! USA! — kom­plett meschug­ge) ist älter, liegt viel tie­fer. Mei­ne Theo­rie: Die Ver­lus­te im Viet­nam-Krieg, und daß man ihn ver­lo­ren hat, haben die USA im Kern zu einer im Stolz ver­let­zen Nati­on gemacht.

Oba­ma war für uns ein kul­ti­vier­ter, bere­chen­ba­rer Prä­si­dent. Für vie­le ein­fa­che Ame­ri­ka­ner dürf­te er zum Estab­lish­ment gehört haben, zu dem auch sei­ne Vor­gän­ger schon gehört hat­ten und Hil­la­ry sowie­so. Und natür­lich gehört Oba­ma zum Estab­lish­ment — wie auch Trump. Nur daß der es wohl geschafft hat, den Frust der vie­len “klei­ne Leu­te” für sein eige­nes Ding (ich kau­fe mir ein­fach Ame­ri­ka) einzusetzen.

Die Trumpis­ten waren schon vor Trump da, und sie wer­den nach Trumps Abgang bleiben.

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