Jörg Baberowski, Verbrannte Erde. Stalins Herrschaft der Gewalt

Har­ter, sehr har­ter Stoff.

Als Zonen­kind ist Sta­li­nis­mus mir nur in der völ­lig ver­harm­lo­sen­den Form “Per­so­nen­kult, wur­de nach Sta­lins Tod gefixt” bei­gebracht wor­den, der Hit­ler­fa­schis­mus aber in aller Breite.
Ich will das wenigs­tens ansatz­wei­se ver­ste­hen: war­um kann man Mil­lio­nen Men­schen umbrin­gen ohne grö­ße­ren Wider­stand? Für den deut­schen Faschis­mus hat Götz Aly eine ent­mu­ti­gen­de Ant­wort gelie­fert: der deut­sche Faschis­mus war eine Gefäl­lig­keits­dik­ta­tur, zu Gefal­len der deut­schen Bevöl­ke­rung und zum Ster­ben der Juden und der Men­schen in den erober­ten Gebieten.
Doch wie war das unter Sta­lin, des­sen Body­count ähn­lich groß wie der Hit­lers war, wenn nicht grö­ßer? Hat hier auch eine Bevöl­ke­rung pro­fi­tiert, wenigs­tens ein Teil? War­um hat der Sta­li­nis­mus sich viel län­ger als der Hit­le­ris­mus hal­ten können?
Babe­row­ski lie­fert hier eine ähn­lich ernüch­tern­de Ant­wort wie Aly für den Hilt­erfa­schis­mus: Bru­tals­ter Ter­ror gegen alle und jeden. Sta­lin hat über Jahr­zehn­te die sowje­ti­sche Bevöl­ke­rung ter­ro­ri­siert. Ob Geno­zid durch Hun­ger (Holo­do­mor — wich­tig auch für das Ver­ständ­nis des aktu­el­len Ukrai­ne-Kon­flikts), ob der “Kampf gegen das Kula­ken­tun”, ob der Gro­ße Ter­ror von 1937/38, das Ver­hei­zen von Hun­dert­tau­sen­den oder Mil­lio­nen Front­sol­da­ten im Gro­ßen Vater­län­di­schen Krieg, ob der Ter­ror gegen Juden auch nach 1945, ob die Anne­xi­on der bal­ti­schen Staa­ten samt Rus­si­fi­zie­rung — es läßt sich weiterführen.

Anders als der Hit­ler­fa­schis­mus beruh­te der Sta­lins­mus auf blan­kem Terror.
Aber war­um? Eine Ant­wort dürf­te sein: Sta­lins Ver­fol­gungs­wahn. Über­all hat er Ver­rä­ter und Fein­de gese­hen, und die Geheim­diens­te muß­ten stän­dig neue Ver­rä­ter und Fein­de nicht nur fin­den, son­dern auch liqui­die­ren. Und deren Fami­li­en waren natür­lich auch zu liqui­die­ren, deren eth­ni­sches und sozia­les Umfeld ebenso,
Und auch die Täter konn­ten nicht sicher sein: Alle NKWD-Chefs wur­den erschos­sen, der letz­te dann unter Chrust­schow nach Sta­lins Tod. Fak­tisch die kom­plet­te Füh­rungs­rie­ge der Bol­sche­wi­ki wur­de ermor­det, die Gene­ra­li­tät kurz vor dem Über­fall Deutsch­land­as auf die Sowjet­uni­on ebenso.
Gan­ze Völ­ker wur­den inner­halb von Stun­den(!!) tau­sen­de Kilo­me­ter umge­sie­delt (Tata­ren, Deut­sche, Tsche­tsche­nen…) — wie­vie­le schon auf dem Trans­port ver­hun­ger­ten, ver­durs­te­ten, erfro­ren, zu Tode gedrückt oder ein­fach nur erschla­gen wur­den — wer weiß es schon?

Der Sta­li­nis­mus hat, jeden­falls scheint es mir so nach Lek­tü­re des Buches, aus­schließ­lich über Ter­ror funk­tio­niert. Ter­ror in all sei­nen blu­ti­gen For­men, Ter­ror gegen wort­wört­lich alle.

Babe­row­ski ist Wis­sen­schaft­ler. Der Fuß­no­ten­an­hang ist schon von der schie­ren Göße her beein­dru­ckend, dar­un­ter sind vie­le Archivmaterialien.
Und doch: Auch er schreibt die Geschich­te nicht nur auf, son­dern fragt auch: War­um ist es so gekom­men? Mir per­sön­lich — ich weiß bedeu­tend weni­ger als der Autor — wird die Ant­wort zu sehr in der Per­son Sta­lin gesucht. Ich fra­ge mich, wel­che Rol­le Tra­di­tio­nen hat­ten, die im Zaren­reich lagen und über Lenin bei Sta­lin ankamen.

X‑Ray fehlt defi­ni­tiv, das ist ein gro­ßes Man­ko für des E‑Book.

Lese­emp­feh­lung? Für alle, die sich im spe­zi­el­len für Sta­li­nis­mus und im wei­te­ren dafür inter­es­sie­ren, war­um Ruß­land heu­te so ist wie es ist, war­um die Bal­ten und die Ukrai­ner Angst vor groß­rus­si­schen Fan­ta­sien haben: für die: unbedingt!
Aber das wäre eben ein sehr spe­zi­el­les Lese­pu­bli­kum, ich weiß.

 

#aus­ge­le­sen

Was die EBV nicht kann

das hier:

Oben: ohne, unten mit Pol­fil­ter. Es war ein die­si­ger Nach­mit­tag, die Son­ne kam von links. Es war kom­plett bedeckt, grau­er Him­mel, ich weiß nicht, ob das eine Rol­le spielt.
Den­noch: die Unter­schie­de sind frap­pant. Ohne Fil­ter ist das Was­ser weit­ge­hend struk­tur­los, mit macht es doch sehr viel mehr her.

In die­sem Zusam­men­hang habe ich eine Fra­ge: Das Fil­ter­ge­win­de ist extrem flach, hat eine extrem gerin­ge Stei­gung. Das macht es schwer, den Fil­ter unver­kan­tet aufs Objek­tiv zu bekom­men. Ein Bekann­ter mein­te, er wür­de erst vor­sich­tig falsch rum dre­hen, bis ein klei­ner Klack kommt, und dann vor­sich­tig rich­tig rum.
Das mag bei ihm funk­tio­nie­ren, ich habe da den Dreh (haha!) schein­bar nicht rich­tig raus.
Es macht eben wenig Spaß, bei Tem­pe­ra­tu­ren kurz über dem Gefrier­punkt und kal­tem, feuch­ten Wind sich in Fein­me­cha­nik zu üben.
Viel­leicht hat jemand einen Tipp?

Ansons­ten: Pol­fil­ter kön­nen nicht durch Pho­to­shop, Ligh­troom, Gimp, wha­te­ver ersetzt werden.

Stalinismus-Buch gesucht

Ich suche eine nüch­ter­ne, wis­sen­schaft­li­che und dabei les­bar geschrie­be­ne Unter­su­chung zum Stalinismus.
Etwa so wie Götz Aly es in Hit­lers Volks­staat gemacht hat. Solch mons­trö­se Dik­ta­tu­ren kön­nen kaum funk­tio­niert haben, die sowje­ti­sche noch viel län­ger als die deut­sche, wenn nicht wei­te Tei­le der Bevöl­ke­rung Vor­tei­le hat­ten — zuun­guns­ten der Geschun­de­nen natürlich.
Sta­lin-Bio­gra­phien gibt es eini­ge, die von Isaac Deut­scher steht vor Jahr­zehn­ten gele­sen hin­ter mir im Regal. Es gibt eine Auto­bio­gra­phie von Trotz­ki, es gibt Bücher zur zwei­ten Rei­he hin­ter Sta­lin, die bei wei­tem kei­ne Mit­läu­fer, son­dern Mit­tä­ter waren. Es gibt die Bücher von Sol­sche­ni­zyn. Aber all das suche ich eben nicht.
Ich suche eine Erklä­rung, war­um Sta­li­nis­mus von den 20-ern bis in die 60-er Jah­re funk­tio­nie­ren konn­te, mit all den Mil­lio­nen Opfern.

Vor­schlä­ge?

Knut Hamsun, Hunger

Ham­suns Debüt-Roman von 1890.
Eine Hand­lung gibt es nicht.

Der Roman spielt in Kris­tia­na, dem dama­li­gen Namen von Oslo. Der Ich-Erzäh­ler beschreibt den Ver­fall des “Hel­den”, eines obdach­lo­sen Jour­na­lis­ten und Schrift­stel­lers, der, wie der Titel schon sagt, hungert.
Das Buch spielt inner­halb weni­ger Wochen schein­bar in einem Herbst, jeden­falls ist das Wet­ter immer naß, kalt und grau.
Der Held hat kein Geld, so rich­tig gar keins, und auch kei­nen Besitz, bis auf das, was er am Leib trägt, und auch das ist zu wenig, abge­ris­sen, dreckig.
Ab und an kommt er zu ein paar Kro­nen, die aber nie län­ger vor­hal­ten, auch weil er sofort Gutes tut damit, näm­lich wenigs­tens einen Teil ande­ren, die er ähn­lich ver­zwei­felt sieht wie sich selbst, zukom­men läßt.

Aus­führ­lichst wird der inne­re Zustand beschrie­ben. Ver­zweif­lung, Hoff­nung, Selbst­be­trug, Ekel vor sich selbst und Hun­ger, Hun­ger, Hun­ger. Das ist groß­ar­ti­ge Lite­ra­tur, ganz plas­tisch und prä­zi­se geschrieben.
Und merk­wür­dig. Denn es ist ja der Ich-Erzäh­ler, der hier ganz plas­tisch und prä­zi­se sich selbst beschreibt, in einem Dau­er­zu­stand von Erre­gung und Apa­thie, Hun­ger und Deli­ri­um. Als säße der Erzäh­ler sou­ve­rän auf einer Wol­ke und betrach­te­te sein eige­nes küm­mer­li­ches Dasein drunten.

Es gibt übri­gens sogar eine Roman­ze, die — natür­lich — kein hap­py end hat.

Gleich­zei­tig auch sieht der Held die ande­ren Lei­dens­ge­fähr­ten, die in der Gos­se ihr Über­le­ben orga­ni­sie­ren. Da ver­sucht er zu hel­fen (indem er, wenn er mal ein klein wenig Geld bekom­men hat, einen Teil sofort wei­ter­gibt). Ein­mal gibt es eine Sze­ne: Einem Kind auf der Stra­ße (Gos­se) spuckt ein Mann auf den Kopf. Das Kind weint vor Demü­ti­gung. Tage spä­ter ergau­nert sich der Held Kuchen, den er sofort in sich rein­stopft, er hat­te wie­der ein­mal gehun­gert. Doch den letz­ten Teil des Kuchens hebt er sich auf für das Kind und bringt den Kuchen vor­bei. Er hat den Schmerz des Kin­des gespürt und will hel­fen, doch so trost­los wie der Roman ist: Das ist kei­ne Hil­fe. Aber viel­leicht doch ein klei­nes war­mes Licht.

Am meis­ten bedrü­ckend fand ich die Beschrei­bun­gen des Hun­gers: Daß er, wenn er nach lan­gem Hun­gern wie­der was ißt, das Geges­se­ne sofort wie­der erbricht. Wie­der ißt, wie­der bricht. Und dar­über weint, weil er das Essen nicht behal­ten kann. Das ist fürch­ter­lich luzid beschrieben.

Die Geschich­te löst sich etwas unver­mu­tet auf: Der Held heu­ert auf einem Schiff nach Leeds an und das Buch endet abrupt

Lese­emp­feh­lung? Schwie­rig. Wer ger­ne Kaf­ka gele­sen hat, soll­te Hun­ger lesen. Dos­to­jew­ski-Fans wohl auch. Freun­de von Arzt­ro­ma­nen eher nicht 🙂

 

#aus­ge­le­sen

Radtour im Internet

Vor­mit­tags­tour im Inter­net gemacht. Knapp 25km, bei ‑8°C los­ge­fah­ren, bei ‑6°C angekommen.
Kla­mot­ten: Funk­ti­ons­un­ter­wä­sche, lan­ge Unter­ho­se, 3 lan­gärm­li­ge, dün­ne Pull­over, der unters­te sehr dün­nes Kasch­mir. Dar­über eine dün­ne, wind­un­durch­läs­si­ge Rad­ler­ja­cke, die auch am Hals dicht schließt. Ski­müt­ze. 2 Paar Socken, dar­über eine dop­pel­te Lage Alu­fo­lie, nor­ma­le Trekkingschuhe.
Latex­hand­schu­he, dar­über Fingerhandschuhe.
Gesicht eingecremt.
Die Fin­ger- und Dau­men­spit­zen fin­gen sofort an zu frie­ren, nach 20 Minu­ten, als es wirk­lich schmerz­haft war, beschloß ich, nach Hau­se zurück­zu­keh­ren. Nach 30 bis 40 Minu­ten hat­ten sich die Pro­ble­me auf ein­mal in Wär­me auf­ge­löst, und so bin ich eben nicht nach Hau­se zurück, son­dern noch eine ande­re Run­de gefahren.

Bei uns gehts per Rad ins Internet.

Lei­der nur noch Restschnee.

Der Fluß friert zu.

Die Möwen kön­nen schon lau­fen auf dem Eis.

Alles in allem: War schön! Aller­dings nicht so für Hän­de und Füße (den Zehen wur­de es nach­her zum Ende zu auch unge­müt­lich kalt)

Fullfeed RSS

Wer in sei­nem Feed­rea­der mehr als nur zwei News-Sei­ten hat, wird das Pro­blem ken­nen: Es gibt kei­nen full feed, son­dern nur einen Anreiß­text, um den voll­stän­di­gen Arti­kel lesen zu kön­nen, muß man auf die Web­site gehen. Das ist zwar mit einem Maus­klick erle­digt, aber doch ärger­lich und umständlich.
Tech­nisch könn­te die News-Sei­te natür­lich den Arti­kel auch kom­plett via RSS/Atom aus­lie­fern, so daß man die Web­site gar nicht besu­chen muß zum Lesen — und genau das möch­te der Betrei­ber natür­lich ver­hin­dern, ent­ge­hen ihm doch  Klicks (neu­deutsch: Impres­si­ons) Man­che Anbie­ter bie­ten einen full feed gegen Bezah­lung — im Prin­zip ein fai­rer Deal, aber das wird irgend­wann zu teuer.

Doch gibt es Abhil­fe: https://morss.it/ Da wirft man die Url zum Feed ein (Ach­tung, es geht nur RSS, kein Atom!) und bekommt eine neue Url zurück mit dem vol­len Feed. Offen­sicht­lich par­sen die den Ori­gi­nal-Feed, holen sich den kom­plet­ten Arti­kel, berei­ten den etwas auf und stel­len ihn dann in den eige­nen Feed. Ob das so wirk­lich legal ist?
Nun ja, jeden­falls funk­tio­nierts. Das Ergeb­nis sieht zwar nicht ganz clean aus, aber mir gefällt das so bes­ser als der Umweg über die ori­gi­na­le Website.
Man­che Feeds funk­tio­nie­ren nicht, der von golem.de etwa. Müßt ihr probieren.

#feed #rss #atom

Sommer 1989, Herbst 2021

Wie sich die dif­fu­sen Gefüh­le gleichen.
Wir haben jeden Tag neue Höchstin­zi­den­zen, mitt­ler­wei­le ster­ben so um die 400 Men­schen jeden Tag an oder mit. Das öffent­li­che Leben kol­la­biert (Zutritt nur für die­se aber nicht für jene, ein sofor­ti­ger und har­ter Lock­down für alle wäre tech­nisch gebo­ten, schö­ne Grü­ße aus China)
Die Inten­siv­sta­tio­nen lau­fen in den Kol­laps, jedes Excel zeigt das. Es fehlt nicht so sehr an Inten­siv­bet­ten als viel­mehr an Inten­siv­pfle­gern, ein gro­ßer Teil die­ser haben die letz­ten Mona­te hin­ge­schmis­sen, vor allem wegen Über­las­tung, weni­ger — aber auch — wegen der Entlohnung.
Der Abfluß von medi­zi­ni­schem Per­so­nal aus der DDR, ins­be­son­de­re gut aus­ge­bil­de­ten Ärz­ten, begann nicht erst mit dem Mau­er­fall, das war weit vor­her. Spä­tes­tens seit den nach­ge­wie­se­nen Fake-Wah­len vom Früh­jahr 1989 wur­de “nega­ti­ven Ele­men­ten” die Aus­rei­se recht leicht gemacht, man woll­te die kri­ti­schen Stim­men los wer­den. Dann die Öff­nung der Gren­ze Ungarn/Österreich. Spä­tes­tens ab Som­mer 1989 ver­fiel die DDR in Ago­nie. Ärz­te und Schwes­tern fehl­ten, aber auch Bus­fah­rer, Ver­käu­fe­rin­nen, Leh­rer… Wirk­lich jeder konn­te sehen und vor allem füh­len: So geht es nicht wei­ter, das führt gera­de­wegs über den Abgrund. Und nur ganz weni­ge hat­ten einen Plan, wie es wei­ter­ge­hen könn­te — und das war nicht die Nomenklatura.
Eine blei­er­ne Zeit, in der jeder jeden Tag neu­en Hor­ror erwar­te­te, gar­niert von einer Täter­rrää-Poli­tik, die nichts sehen wollte.

Und heu­te?
Ähn­lich, oder? Die Wie­lers wei­nen fast vor den Web­cams, weil Wahl­kampf wich­ti­ger war und ist als Dei­ne Paten­tan­te mit der Herz-OP, die muß halt war­ten. Wir haben eine vier­te Wel­le. Drei sind exakt vor­aus­ge­sagt wor­den, mit Vor­schlä­gen, wie man sie ver­hin­dern oder wenigs­tens flat­ten the cur­ve kann.

Die­se Gra­fik von Spie­gel Online sieht nicht nach einer Erfolgs­ge­schich­te aus. Wir sind mitt­ler­wei­le bei über 60.000 Neu­in­fek­tio­nen pro Tag, das ist ziem­lich exakt die Ein­woh­ner­zahl mei­nes Hei­mat­städt­chens. Jeden ein­zel­nen ver­fick­ten Tag, und jeden ein­zel­nen ver­fick­ten Tag steigt die­se Zahl. Wie­vie­le Men­schen dann ster­ben wer­den? Sie­he oben, Excel, das kann man aus­rech­nen. Und nichts kann dage­gen etwas tun, kein sofor­ti­ger Lock­down, kein von den Bäu­men gefal­le­nes hoch­mo­ti­vier­tes medi­zi­ni­sches Per­so­nal in Größenordungen.

Der Drops ist gelutscht. Die Leu­te leben noch, sind aber schon als tot ein­ge­preist. Weih­nachts­märk­te sind offen­zu­hal­ten, panem et cir­cen­ses, äh, Glüh­wein und Auto­scoo­ter. Man will ja wie­der­ge­wählt wer­den, und die Toten kön­nen glück­li­cher­wei­se nicht wählen.

Und ich ste­he am Sei­ten­aus und kom­me aus dem Stau­nen nicht her­aus. Nein, Geschich­te wie­der­holt sich nicht, natür­lich nicht. Und doch: Hät­te man 1989 Excel und nicht nur KP gehabt, man hät­te den Kol­laps berech­nen kön­nen (hät­te nichts am Lauf der Geschich­te geän­dert). Doch so? Noch­mal: Wir stan­den jeden Tag mit offe­nen Mäu­lern da und frag­ten uns: “Wie soll das wei­ter­ge­hen???” Und wir sahen, daß wir in eine Kata­stro­phe laufen.
Sil­ly dazu so:

Und heu­te? Ähn­lich. Wie­ner ver­zwei­felt, Spahn weint bei­na­he, und wir sehen zu, daß wir uns irgend­wie ret­ten. Mein Boos­ter ist auf 6. Janu­ar ter­mi­niert, ich ver­su­che, einen frü­he­ren Ter­min zu bekom­men. Die Kin­der sind alle wenigs­tens dop­pelt, ich glau­be, teils sogar 3‑fach geimpft. Die Enkel gar nichts, da wür­de ich ja beten, hül­fe es.

Ich will hier raus, echt. Das heu­te 2021 ist viel­leicht noch schlim­mer als das damals 1989.

Laßt euch imp­fen, verdammt!

 

Sahra Wagenknecht, Die Selbstgerechten

Vor­be­mer­kung, da die Autorin pola­ri­siert: Wenn Du das Buch nicht wenigs­tens in län­ge­ren Aus­zü­gen gele­sen hast, dann hal­te Dich bit­te mit posi­ti­ver wie nega­ti­ver Kri­tik zurück, auch dum­me Kampf­be­grif­fe wie Sahr­ra­zin und Flü­gel­knecht zeu­gen mehr von der Bor­niert­heit des Schrei­bers als von sonst irgendetwas.
Danke.

Wagen­knecht stellt fest, daß die lin­ke Bewe­gung nicht mehr die­je­ni­gen  reprä­sen­tiert, die frü­her ihre Kli­en­tel waren: Arbei­ter, klei­ne und mitt­le­re Ange­stell­te, Klein­selb­stän­di­ge, Nicht-Aka­de­mi­ker. Sie belegt und das ist ja kein Geheim­nis): Genau die­se Kli­en­tel, die frü­her eher links gewählt hat, wählt heu­te rechts — die AfD ist eine Arbeiterpartei.
Sie fragt, war­um? Die Anfän­ge lie­gen ihr nach in den Auf­stie­gen der bru­tal­ka­pi­ta­lis­ti­schen Model­le, für die zuerst Rea­gan und That­cher, spä­ter auch Blair und Schrö­der stan­den: Pri­va­ti­sie­rung gemein­schaft­li­cher Auf­ga­ben, Öff­nung der Finanz­märk­te, Kampf gegen die Gewerk­schaf­ten, För­de­rung des Nied­rig­lohn­sek­tors, Globalisierung.
Glo­ba­li­sie­rung bedeu­tet: Unter­neh­men gehen dort­hin, wo die Lohn­kos­ten gerin­ger sind — oder holen sich Bil­lig­ar­bei­ter ins eige­ne Land. Tön­nies wäre nicht in kur­zer Zeit Mil­li­ar­där gewor­den, wenn rot/grün es nicht ermög­licht hät­te, daß rumä­ni­sche Hilfs­ar­bei­ter ohne jede Rech­te, näm­lich mit Werk­ver­trä­gen, ihm zu Löh­nen weit unter­halb des gesetz­li­chen Min­dest­loh­nes die Schwei­ne schlach­ten und zerschnippeln.
Laut Wagen­knecht haben die “ein­fa­chen Leu­te”, also obi­ge Arbei­ter etc., seit den 80-ern mas­siv an sozia­ler Sicher­heit und Auf­stiegs­chan­cen ver­lo­ren. Im Gegen­zug gibt es natür­lich auch Gewin­ner: eine rei­che Ober­schicht sowie­so, aber auch die geho­be­ne, urba­ne aka­de­mi­sche Mit­tel­schicht. Die Schicht, in der es zur Nor­ma­li­tät gehört, wenigs­tens ein Aus­lands­se­mes­ter absol­viert zu haben, um Got­tes Wil­len auf gar kei­nen Fall in der Plat­te zu woh­nen, ger­ne eine pol­ni­sche Putz­hil­fe zu beschäf­ti­gen und die Aldi-Schnit­zel natür­lich nicht ißt.
Apro­pos: Inter­es­sant fand ich, daß der Anteil am Ver­kaufs­preis, den der Bau­er bekommt, in den let­zen Jahr­zehn­ten um ‑zig Pro­zent gesun­ken ist. Fragt sich, ob das Schnit­zel wirk­lich zu bil­lig ist — oder ob nicht viel­mehr die Pro­fi­te der Zwi­schen­händ­ler und Wei­ter­ver­ar­bei­ter unver­schämt gestie­gen sind?
Die­se aka­de­mi­sche Mit­tel­schicht ist es, die heu­te das defi­niert, was als “links” wahr­ge­nom­men wird in der Öffent­lich­keit. Wagen­knecht nennt die­se Lin­ke eine “Life­style-Lin­ke” Ich fin­de den Begriff irgend­wie unele­gant, aber er paßt. Es geht die­ser Lin­ken nicht mehr um eine Änderung/Verbesserung der sozia­len Ver­hält­nis­se, es geht oft­mals nur dar­um, den eige­nen rich­ti­gen Stand­punkt (“rich­tig” für die ande­ren in der Fil­ter­bla­se) zu doku­men­tie­ren. Die im Schat­ten wer­den schon lan­ge nicht mehr gese­hen. Nur: Dis­kus­sio­nen um race und gen­der hel­fen der allein­er­zie­hen­den Mut­ter an der Aldi-Kas­se nicht. E‑Autos begin­nend bei 40k hel­fen dem Mau­rer mit täg­lich 100 Kilo­me­ter Arbeits­weg nichts, der muß sei­nen Gebraucht­die­sel fah­ren, bis der aus­ein­an­der fällt. Und so gibt es noch vie­le wei­te­re Bei­spie­le. War­um soll­ten die Allein­er­zie­hen­de und der Mau­rer links wäh­len? Nein, wenn sie über­haupt wäh­len, dann logi­scher­wei­se AfD.

Die ers­te grö­ße­re Hälf­te wid­met sich einer Bestands­auf­nah­me: Was ist in den letz­ten Jahr­zehn­ten pas­siert, war­um hat sich die lin­ke Bewe­gung (in West­eu­ro­pa wenigs­tens) so weit von ihren Grund­la­gen ent­fernt, wel­che Gemein­sam­kei­ten gibt es zwi­schen Wirt­schafts­li­be­ra­lis­mus ala FDP und Links­li­be­ra­lis­mus? (Ihre Ant­wort: vie­le, sehr vie­le). Sie beschäf­tig sich aus­führ­lich mit allen drän­gen­den Pro­ble­men, inklu­si­ve Zuwanderung.
Dar­auf möch­te ich ein­ge­hen, weil mir doch scheint, daß ihr Stand­punkt ein­fach nie­der­ge­brüllt wird (ich habe wenig Hoff­nung, daß sich das ändert).
Sie unter­schei­det zwi­schen Flucht und Migra­ti­on. Flücht­lin­ge muß man auf­neh­men und unter­stüt­zen, bedin­gungs­los. Bei Migra­ti­on hat sie einen ande­ren Stand­punkt: Sie meint, daß es in unse­rer Gesell­schaft noch immer einen tie­fen Gerech­tig­keits­sinn gibt: Wer Leis­tun­gen von der Gesell­schaft bean­sprucht, muß auch geleis­tet haben für die Gesell­schaft. Wer also nur ent­nimmt, der wird von denen, die gege­ben haben, aber auch nicht mehr bekom­men als der Migrant, scheel ange­se­hen wer­den. Stich­wort Hartz. Wei­ter: Die Migran­ten neh­men oft­mals einen lan­gen, beschwer­li­chen Weg auf sich, zuletzt dann mit einer hohen Zah­lung an Schleu­ser ver­bun­den. Das Geld haben nur die­je­ni­gen, die schon in ihrer Hei­mat rela­tiv gut aus­ge­bil­det und von daher rela­tiv ver­mö­gend sind. Rela­tiv natür­lich nicht zu uns, son­dern zu den ande­ren hei­mat­li­chen Bür­gern. Migra­ti­on ist auch ein brain drain, zieht den Ursprungs­län­dern das ab, was sie doch so drin­gend benö­ti­gen: Fach­per­so­nal. Das­sel­be gilt natür­lich auch für den offe­nen Arbeits­markt EU: Ein­fach mal in der Kli­nik die augen und Ohren auf­hal­ten: Wie­viel ost­eu­ro­päi­sche Ärz­te fin­det ihr? Und nein, deren Aus­bil­dung hat in den aller­meis­ten Fäl­len nicht Deutsch­land bezahlt.
Und so geht es wei­ter und wei­ter, sie läßt kaum ein Gebiet unbeackert.

Der zwei­te Teil dann ist ihr Gegen­ent­wurf: Wie kann man es bes­ser machen? Da gehe ich mal ganz kurz durch: Stär­kung der Natio­nal­staa­ten, weil sich gezeigt hat: Supra­na­tio­na­le Ver­bün­de wie die EU lösen die Pro­ble­me nicht. Kon­trol­lier­te Ein­wan­de­rung, auch um Lohn­dum­ping (sie­he oben: Tön­nies) zu ver­hin­dern. Eine Steu­er­po­li­tik, die Steu­er­flucht unter­bin­det. Eine Fis­kal­po­li­tik, die die natio­na­le Wirt­schaft unter­stützt (wir waren mal bei Solar füh­rend, bis Chi­na uns mit Bil­lig­pa­nelen zuge­schmis­sen hat, das hät­te man mit Zöl­len ver­hin­dern kön­nen) Rück­füh­rung von Zeit­ver­trä­gen und Out­sour­cing in regu­lä­re, durch Tarif­ver­trä­ge unter­stüt­ze Arbeits­ver­trä­ge. Usw. usf. Nach hin­ten wirds sehr VWL-las­tig, da habe ich nichts mehr verstanden.

Und noch etwas, was wich­tig ist: Sie hat zu wirk­lich allem eine Mei­nung, und die muß man nicht in jedem Fal­le tei­len. Aber: Sie belegt ihren Stand­punkt, jedes­mal. Das Buch ist vol­ler Bele­ge, und die sind Fach­li­te­ra­tur, kei­ne Zei­tungs­bei­trä­ge, Talk­shows oder gar Tweets. Das ist alles soli­de recher­chiert, und wer sie kri­ti­siert, müß­te auch ihre Quel­len lesen.
Das ist ein Buch, das kein, wirk­lich kein deut­scher Poli­ti­ker hät­te schrei­ben kön­nen. Das ist ein poli­ti­sches Mani­fest, geschrie­ben aus Wis­sen­schaft, schon des­we­gen: Chapeau!

Was mir den­noch die Jubel­be­kun­dun­gen ver­bie­tet: das gan­ze Buch durch­zieht ein Hauch Kon­ser­va­tis­mus, zusam­men­ge­faßt: Frü­her war alles bes­ser. Da lie­fert sie auch nur eini­ge weni­ge Bele­ge, viel­leicht gibt es ja noch ande­re, die das Gegen­teil nahe­le­gen. Da sie nur die west­li­chen Gesell­schaf­ten betrach­tet, kann ich dazu mit mei­ner Bio­gra­phie nichts Selbst­er­leb­tes sagen (und sie mit ihrer eigent­lich auch nichts)
Coro­na und Digi­tal­kon­zer­ne: Da ver­tritt sie Stand­punk­te, die sie zwar belegt, die für mich aber deut­lich übers Ziel hin­aus­schie­ßen und irgend­wo in der Nähe von Ver­schwö­rungs­theo­rien para­si­tär leben.
Wei­ter­hin: Sie doziert über wei­te Stre­cken. Das mag dem wis­sen­schaft­li­chen Anspruch geschul­det sein, ist mir den­noch unan­ge­nehm. Das bewirkt auch, daß sich das Buch nicht son­der­lich flüs­sig liest.

Und noch etwas: Die Frau ist klug, sehr klug, klü­ger wohl als die aller­meis­ten ihrer Poli­ti­ker-Kol­le­gen, wel­cher Far­be auch immer.

Lese­emp­feh­lung? Ja, ich den­ke schon — jeden­falls für alle aus wel­chem Lager auch immer, die noch den Anspruch haben, über den Tel­ler­rand zu lesen und zu denken.

 

#aus­ge­le­sen

Ach IKEA

War­um muß­tet ihr eure Fern­be­die­nung verschlimmbessern?

Links die alte, rechts die neue. Die alte war offen­sicht­lich dem Click­wheel von App­les Ipod nach­emp­fun­den. Ein­fach, logisch, hap­ti­sches Feed­back und vor allem: blind ein- und aus­zu­schal­ten. Ein­fach auf die Mit­te drücken.
Jetzt gibts den Touch-Trend. Alles muß Touch sein, auch wenn es wie hier gar kei­ner ist. Es sind immer noch Schal­ter, aber man kann sie nicht mehr ertas­ten. Ins­be­son­de­re kann man nicht mehr blind eine- und aus­schal­ten, zum Ein­schal­ten muß man die Ver­tie­fung ertas­ten und auf die­se drü­cken, noch schlim­mer beim Aus­schal­ten: Man muß die Ver­tie­fung ertas­ten und sich dann nach gegen­über bewe­gen (wo es nicht etwa wenigs­tens eine Erhö­hung gibt) und dann drücken.

Wel­che Hor­noch­sen den­ken sich denn sowas aus? Zuviel Sur­ström­ming gegessen?