Kategorie: Lesen

Ausgelesen: Christoph Hein, Trutz

Eine deut­sche und eine sowje­ti­sche Fami­li­en­ge­schich­te, begin­nend im Ber­lin der spä­ten 1920-er Jah­re, endend in Wit­ten­ber­ge in den 2000-ern, also ganz frag­los eine Jahrhundertgeschichte.

Das Buch hat drei Tei­le, man könn­te sie nen­nen: Deutsch­land, Sowjet­uni­on, DDR/Deutschland

Teil eins: Deutschland

Die Geschich­te: Ein Bau­ern­jun­ge, Rai­ner Trutz, aus Vor­pom­mern sieht für sich auf dem hei­mat­li­chen Hof kei­ne Lebens­chan­ce (der älte­re Bru­der wird den Hof erben) und zieht nach Ber­lin, um dort Schrift­stel­ler zu werden.
Nach vie­len Ent­beh­run­gen kann er einen klei­nen, leicht schlüpf­ri­gen Roman ver­öf­fent­li­chen, doch zum Leben reicht das nicht, zumal der Ver­le­ger ihn über den Tisch zieht.
Ein zwei­ter Roman, es ist wohl kurz vor der Macht­über­nah­me der Faschis­ten, wird anfangs wohl­wol­lend in der Pro­vinz­pres­se bespro­chen, jedoch in der rech­ten Pres­se ver­ris­sen (der Roman ist völ­lig unpo­li­tisch und behan­delt das Leben in einer deut­schen Pro­vinz­stadt) In der Fol­ge gibt es kei­ne wei­te­ren Rezen­sio­nen mehr (außer den poli­tisch moti­vier­ten Verrissen)
Die Welt­büh­ne mel­det sich bei Trutz, ob er eine Rezen­si­on schrei­ben kön­ne zu einem Rei­se­buch deut­scher lin­ker Schrift­stel­ler durch die Sowjet­uni­on. Trutz nimmt sofort an, schließ­lich kann die Welt­büh­ne als intel­lek­tu­el­les Maga­zin ihm den Weg in die ernst­zu­neh­men­de Lite­ra­ten­sze­ne eröff­nen. Aller­dings erweist sich die Sache als schwie­rig: das zu rezen­sie­ren­de Buch ist vol­ler blau­äu­gi­ger Jubel­ge­schich­ten auf Sta­lin, Trutz sieht es sofort. Was soll er machen? Er hat zuge­sagt, kann aber nicht posi­tiv rezen­sie­ren, weil das Buch eben Pro­pa­gan­da ist. Ableh­nen kann er auch nicht, die Ver­lo­ckung, als Welt­büh­ne-Autor zu gel­ten, ist zu groß.
So schreibt er dann eine posi­ti­ve Rezen­si­on, die aber amü­siert durch­bli­cken läßt, daß er die Autoren für naiv hält.
In der Zwi­schen­zeit haben ihn die Nazis auf ihrer Lis­te, es wird bei ihm ein­ge­bro­chen, die Poli­zei steht erkenn­bar auf Sei­ten der Nazis. Rai­ner und sei­ne Frau Gud­run, eine enga­gier­te Gewerk­schaf­te­rin, begin­nen um ihr Leben zu fürch­ten. Sie müs­sen raus aus Deutsch­land, doch nir­gend­wo bekom­men sie ein Visum. Schließ­lich bekom­men sie doch Visa für die Sowjet­uni­on, das stand so nicht auf ihrem Plan, ist aber die ein­zi­ge Mög­lich­keit, aus Deutsch­land rauszukommen.
Sie wan­dern nach Mos­kau aus, es ist 1933.

Teil zwei: Sowjetunion

Rai­ner hofft, als Redak­teur oder ähn­li­ches unter­zu­kom­men, aber das wird nichts, es gibt ein­fach zu vie­le aus­ge­wan­der­te Schrei­ber. Und so muß er in einer Bri­ga­de arbei­ten, die die Mos­kau­er Metro mit­baut. Das ist har­te Kno­chen­ar­beit, schlecht bezahlt, die Aus­rüs­tung ist erbärm­lich — aber er schafft das. Gud­run hat Arbeit in einer Scho­ko­la­den­fa­brik, ihr gefällt es dort, sie ist geachtet.
Schnell ler­nen bei­de, daß es unge­schrie­be­ne Regeln gibt, zuerst: Sta­lin ist ganz unzwei­fel­haft ein hei­li­ges Genie, das darf unter kei­nen Umstän­den ange­zwei­felt wer­den. Eine eige­ne Mei­nung wozu auch immer behält man im engs­ten Freundeskreis.
Sie bekom­men ein Kind, einen Sohn, und nen­nen ihn Maykl. Sie sind jetzt inte­grier­te Mos­kau­er, haben sich an die sowje­ti­schen Ver­hält­nis­se angepaßt.
Irgend­wann ler­nen sie einen Pro­fes­sor der Lomo­no­s­sow-Uni­ver­si­tät ken­nen, Wal­de­mar Gejm, der sich mit Mne­mo­tech­ni­ken beschäf­tigt. Er sel­ber hat einen Sohn im Alter von Maykl, Rem, bei­de Kin­der, sie sind etwa drei Jah­re alt, befreun­den sich. Gejm sam­melt einen Kreis um sich, an dem er sei­ne Mne­mo­nik aus­tes­tet. Hier kamen mir dann beim Lesen ers­te böse Vor­ah­nun­gen auf: Zu dem Kreis gehö­ren zwei Offi­zie­re von Tuchat­schew­ski und der Thea­ter­re­gis­seur Mey­er­hold. Man ahnt, daß das nicht gut aus­ge­hen wird — und es geht nicht gut aus.
Mey­er­hold und die bei­den Offi­zie­re ver­schwin­den. Es ist die Zeit der Mos­kau­er Pro­zes­se, des gro­ßen Ter­rors. Rai­ner wird die Rezen­si­on in der Welt­büh­ne zum Ver­häng­nis, er wird ver­haf­tet und zu Zwangs­ar­beit in Worku­ta ver­ur­teilt. Gud­run und Maykl kön­nen ihn noch ganz kurz sehen bei Bestei­gen der Trans­port­wag­gons — dann ist er weg. Die Rei­se nach Worku­ta ist beschwer­lich, die let­zen paar Hun­dert Kilo­me­ter müs­sen die Häft­lin­ge, ent­kräf­tet und unter­ernährt, zu Fuß zurück­le­gen. Gera­de ange­kom­men im Lager, wird Rai­ner sofort sei­ner paar Hab­se­lig­kei­ten beraubt und dann erschlagen.
Gud­run erfährt von alle­dem nichts, wird etwas spä­ter eben­falls depor­tiert, nach Tschel­ja­binsk. Sie stirbt dort an Entkräftung.
In der Zwi­schen­zeit wur­de Wal­de­mar Gejm eben­falls ver­haf­tet, er kommt eben­falls nach Tschel­ja­binsk, zunächst als Leh­rer. Die Jungs Maykl und Rem sehen sich wie­der und sind über­glück­lich, ein­an­der zu haben. Doch nach Gud­runs Tod ist Maykl Voll­wai­se, die Gejms neh­men ihn auf und stel­len einen Antrag auf Adop­ti­on, von dem sie nie wie­der etwas hören. Aber der Fleisch­wolf dreht wei­ter: Gejm ver­liert sei­ne Leh­rer­stel­le und muß in eine Holz­fäl­ler­bri­ga­de. Er stirbt dabei.
Mitt­ler­wei­le ist der Krieg vor­bei, alle hof­fen, daß sie nun wie­der in ihre Hei­mat zurück dür­fen — doch nein, die Situa­ti­on ändert sich nicht. Maykl wird nach Mos­kau in ein Wai­sen­heim gesteckt. Dort ist er dank der Mne­mo­tech­ni­ken von Wal­de­mar Gejm ein aus­ge­zeich­ne­ter Schü­ler. Es wird ihm ange­bo­ten, als Deut­scher in die DDR aus­zu­rei­sen, was er nach eini­ger Über­le­gung annimmt. Zu sei­nem Freund Rem hat er kei­nen Kon­takt mehr.

Teil drei: DDR/Deutschland

In Leip­zig dann macht Maykl ein aus­ge­zeich­ne­tes Abitur und beginnt Geschich­te zu stu­die­ren. Er ist ein sehr guter Stu­dent, aller­dings nicht Mit­glied der FDJ. Ange­spro­chen dar­auf, erklärt er war­um nicht: Der Kom­mu­nis­mus hat sei­nen Vater und sei­ne Mut­ter umge­bracht, er kann folg­lich kein Mit­glied einer kom­mu­nis­ti­schen Orga­ni­sa­ti­on wer­den. Damit ist sei­ne Kar­rie­re als His­to­ri­ker erle­digt. Er been­det sein Stu­di­um und stu­diert wei­ter Archiv­wis­sen­schaft, bekommt eine Stel­le, eine schö­ne Wohnung.
Eines Tages fin­det er in Archi­ven ein­deu­ti­ge Bele­ge, daß ein Mit­glied des Zen­tral­ko­mi­tees der SED frü­her Mit­glied bei NSDAP und SS war. Da Maykl das nicht unter den Tisch kehrt, wird er ins Goe­the­ar­chiv nach Wei­mar straf­ver­setzt — der Goe­the ist so lan­ge tot, da läßt sich nichts poli­tisch gefähr­li­ches finden.
Dann kommt die Wen­de, und ein neu­er Chef in Wei­mar: Maykl fin­det her­aus, daß genau die­ser sei­ne Zwangs­ver­set­zung nach Wei­mar betrie­ben hat­te. Jetzt, nach der Wen­de, will Maykl reha­bi­li­tiert wer­den und ver­klagt die­sen Chef. Doch es gibt kei­ne Akten mehr, die sind alle ver­nich­tet, Maykl kann nichts bewei­sen und ver­liert den Prozeß.
Dar­auf­hin wird er nach Wit­ten­ber­ge straf­ver­setzt, in ein Provinzarchiv.
Dort wird er eines Tages von sei­nem Jugend­freund Rem besucht, nach 50 Jah­ren. Die bei­den haben sich natür­lich viel zu erzäh­len, Rem erzählt, daß er dem Leben sei­nes Vaters hin­ter­her­forscht in rus­si­schen Archi­ven. Man beschließt, daß die Maykl und sei­ne Frau Rem und sei­ne Frau in Mos­kau besu­chen werden.
Das Ende: Rem wird in sei­ner Mos­kau­er Woh­nung erschla­gen, die Mör­der neh­men die Com­pu­ter­fest­plat­te und alle schrift­li­chen Unter­la­gen mit.

Alle sind tot Rem, mei­ne Eltern, Wal­de­mar Gejm, Lili­ja, alle, nur ich nicht.

Damit endet das Buch.

Har­ter Stoff.
für mich ist der zwei­te Teil der beein­dru­ckends­te. Die sta­lin­sche Mord­ma­schi­ne, vor der es kein Ent­rin­nen gibt. Es ist wie bei Orwells 1984: Nir­gends gibt es Hoff­nung, die Ent­wick­lung kennt nur eine Rich­tung: die abso­lu­te Ver­nich­tung jeder Menschlichkeit.
Hein schreibt sach­lich, schnör­kel­los. Er sel­ber bezeich­net sich als Chro­nis­ten, und das paßt. Gera­de die­se Sach­lich­keit macht die Lek­tü­re manch­mal schmerz­haft, etwa wenn beschrie­ben wird, wie der 7‑jährige Maykl sei­ne tote Mut­ter ent­deckt und nicht wei­nen kann — er hat schon zu vie­le tote Men­schen gese­hen. Das sind Sze­nen, da kann man schon mal wei­nen oder das Buch aus der Hand legen, weil man nicht wei­ter­le­sen kann.
Der drit­te Teil ist lei­der für mein Emp­fin­den schwach gewor­den, den hät­te ich mir auf die Län­ge eines Epi­logs zusam­men­ge­stri­chen gewünscht.

Lese­emp­feh­lung? Schwie­rig. Für am The­ma inter­es­sier­te auf jeden Fall.

Ich fin­de die Erin­ne­rung, daß der Sta­li­nis­mus im eige­nen Land Mil­lio­nen eige­ner Bür­ger umge­bracht hat, immer wie­der erschre­ckend. Man weiß es ja, aber dennoch.

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Ausgelesen: Daniil Granin, Mein Leutnant

Was für ein The­ma. Der Autor hat von Anfang an an der Ver­tei­di­gung Lenin­grads gegen die Wehr­macht teilgenommen.
Nur zum Luft holen: 900 Tage Bela­ge­rung, über eine Mil­lio­nen Tote in Lenin­grad, nicht an Herz­in­farkt oder Kopf­schuß gestor­ben, son­dern an Hun­ger, Typhus, Skorbut…
Eine. Mil­li­on. Tote. In. Einer. Ein­zi­gen. Stadt.
Eine. Mil­li­on. Tote. In. Einer. Ein­zi­gen. Stadt.
Eine. Mil­li­on. Tote. In. Einer. Ein­zi­gen. Stadt.

Gra­nin war Anfang 20, als er sich als Lenin­gra­der selbst­ver­ständ­lich zur Volks­wehr (das scheint — Zonis wer­den es ken­nen — so eine Art Zivil­ver­tei­di­gung gewe­sen zu sein) mel­de­te, in Erwar­tung der Deutschen.

Der Roman ist 2011 erschie­nen, Gra­nin Jahr­gang 1919, er war also über 90 bei Erschei­nen. Allein des­we­gen muß man das Buch lesen.
Er kon­stru­iert raf­fi­niert: Da ist D. (was für Daniil steht): ein leicht nai­ver jun­ger Mann, frisch ver­hei­ra­tet, der Lenin­grad ver­tei­di­gen will. Und da ist “der Leut­nant”, Gra­nins alter Ego, ein Pan­zer­kom­man­deur, am Krieg gebro­chen, ver­bit­tert. Und der alte Autor sel­ber im Rück­blick auf sein Leben in und nach dem Krieg.

Und die­ser Rück­blick ist eine scho­nungs­lo­se, ehr­li­che Abre­chung mit dem Sta­li­nis­mus, hier in Form der mör­de­ri­schen sowje­ti­schen Armeeführung.

Die­se »Schüt­zen­gra­ben­wahr­heit« pass­te nicht zu der Wahr­heit der Memoi­ren von Gene­rä­len, zur Wahr­heit der Stä­be, den Berich­ten des Infor­ma­ti­ons­bü­ros, den Zei­tungs­ar­ti­keln. Die Sol­da­ten jedoch hat­ten ihre eige­ne bit­te­re Wahr­heit: flie­hen­de Trup­pen, die ihre Füh­rung ver­lo­ren hat­ten, ein­ge­kes­sel­te Divi­sio­nen und Arme­en, aus denen sie zu Zehn­tau­sen­den in Gefan­gen­schaft gerie­ten, ver­bre­che­ri­sche Befeh­le von Kom­man­die­ren­den, die ihre Vor­ge­setz­ten mehr fürch­te­ten als den Gegner.

Und wei­ter:

Ich weiß nicht, wer sich die Losung »Tod den deut­schen Okku­pan­ten!« aus­ge­dacht hat, aber sie wur­de zu unse­rem ideo­lo­gi­schen Ban­ner. Die Okku­pan­ten soll­ten nicht aus dem Land gejagt, sie soll­ten getö­tet wer­den. Als wir von Hit­lers Plan zur Ver­nich­tung der Sla­wen erfuh­ren, ging der Krieg in einen Mord­feld­zug über. Wir wer­den sie auch ver­nich­ten. »Tod den deut­schen Okku­pan­ten!« Auf die­se Wei­se ver­wan­del­te sich der Krieg Ende 1941 in eine Vernichtungsmaschinerie.

Wohl­ge­merkt: Der Krieg ging auch in einen Mord­feld­zug gegen­über den Deut­schen über. Als jun­ger Mann hat­te ich Ilja Ehren­burg gele­sen — der Mann war ein Mord­a­gita­tor. Den­ken wir kurz an Dem­min (nur lesen, wenn ihr stark seid)
Gra­nin beschreibt sei­ne Mona­te und Jah­re im Schüt­zen­gra­ben vor Lenin­grad, nicht ohne Absurditäten:

Im Nie­mands­land gab es eine Schlucht, in der – wie auch immer – ein Schwarz­markt ent­stan­den war. Die Händ­ler hin­ter­lie­ßen ein­an­der etwas, viel­leicht war­fen sie es auch rüber. Die Deut­schen tausch­ten ihr Weiß­brot gegen Machor­ka, denn sie moch­ten unse­ren star­ken Tabak. Für uns war Weiß­brot ein Lecker­bis­sen. Außer­dem übten Wod­ka, Filz­stie­fel und selbst­ge­bau­te Stein­schloss-Feu­er­zeu­ge eine gro­ße Anzie­hungs­kraft auf sie aus. Wir tausch­ten bei ihnen Toi­let­ten­sei­fe, Sal­be gegen Geschwü­re und Brief­pa­pier ein.

Das ist nur schein­bar lus­tig, in Wirk­lich­keit pas­sier­te eins in den Schüt­zen­grä­ben: Es wur­de ver­reckt. Und die eige­nen Leu­te wur­den ver­heizt in immer neu­en sinn­lo­sen Angriffs­wel­len, was zu immer mehr Toten im Nie­mands­land führ­te, die dann eben so rum­la­gen (man muß sich vor­stel­len, daß die sowje­ti­schen und deut­schen Schüt­zen­grä­ben teils nur 150 Meter aus­ein­an­der lagen.

Als die Deut­schen dann anfin­gen, die Lei­chen weg­zu­räu­men, wur­de uns befoh­len, auf sie zu schie­ßen, aber ehr­lich gesagt, wir haben nicht geschos­sen, und selbst wenn wir schos­sen, dann eher nach oben, um Krach zu machen, denn wir waren ihnen dank­bar, dass sie die­se ver­we­sen­de Mas­se wegschleppten.

Da ist kein Hel­den­tum, nirgends.

Der Krieg ver­läßt Ruß­land, Lenin­grad wur­de für einen irren Preis gehal­ten. Paris zum Bei­spiel wur­de zur offe­nen Stadt erklärt, die Wehr­macht ist ein­fach rein­mar­schiert. Hit­ler woll­te Lenin­grad nicht erobern, er woll­te es durch Hun­ger aus­lö­schen. Die Wehr­macht hät­te Lenin­grad erobern können.

Gra­nin geht nicht wei­ter mit sei­ner Pan­zer­bri­ga­de, son­dern er wird demo­bi­li­siert und kehrt zu sei­ner Frau zurück.

Und hier fängt der zwei­te Teil an: Er ist Mit­te 20 und gebro­chen. Er säuft, geht fremd, kommt tage­lang nicht nach Hau­se, wobei die­ses “Zuhau­se” irgend­ein Rat­ten­loch ist, das er, sei­ne Frau und das Kind tei­len müs­sen. Es ist nach dem Krieg und vor Sta­lins Tod. Es wer­den noch immer Men­schen unter absur­des­ten Vor­wür­fen gefan­gen genom­men, depor­tiert, ermor­det. All das beschreibt Gra­nin nüch­tern, als Zeitzeuge.

Im Epi­log dann redet er mit einem Deut­schen, lädt ihn sogar zu sich nach Hau­se in die Küche ein. Das ist ein ver­söhn­li­cher Ausklang.

Und: Das gan­ze Buch durch­zieht wie ein Geruch, den man nur ab und an wahr­nimmt, der dann aber ver­traut ist: eine unend­li­che Lie­bes­er­klä­rung an sei­ne Frau.

Aber nun hat­te sie sei­nen Kopf an sich gedrückt, er leg­te die Arme um sie, schmieg­te sich an, und all das war zu Ende. Was bedeu­te­te es schon, wenn es das hier gab, man konn­te es für immer ver­ges­sen, wenn sie nur zusam­men waren. Sie saßen beim Abend­brot, D. sah sie an, er konn­te zuschau­en, wie sie immer schö­ner wur­de, wie sich ihre Wan­gen röte­ten, die Haa­re zu glän­zen begannen.

Die­ses Buch gehört unbe­dingt zu denen, die ich auf eine Insel mit­neh­men würde.
Lese­emp­feh­lung? Natürlich!

 

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Gunnar Decker, Zwischen den Zeiten

Bei aller Kri­tik, die noch kom­men wird: ein wich­ti­ges Buch. Der Autor ist unwe­sent­lich jün­ger als ich, hat jeden­falls bis zur Ende einen ähn­li­chen Wer­de­gang gehabt, ich kann nach­voll­zie­hen, was er schreibt.
Zwi­schen den Zei­ten hat im Wesent­li­chen die Kul­tur- und Kunst­ge­schich­te der DDR zwi­schen der Aus­bür­ge­rung Bier­manns 1976 und dem Weg­fall der DDR 1990 zum Gegen­stand. Vor der Folie des Sta­li­nis­mus in der Sowjet­uni­on und der DDR, wobei sei­ne The­se ist, daß es in der DDR zwar nicht die mons­trö­sen sta­lin­schen Ver­bre­chen gab, aber eben auch nie einen wirk­li­chen Bruch mit sta­li­nis­ti­schen Denk- und Hand­lungs­mus­tern. Und mit der Zäsur 1985: Gor­bat­schow und mit ihm Pere­stroi­ka und Glas­nost, wobei es Decker natür­lich zuerst um Glas­nost geht — sei­ne The­men sind schließ­lich Kunst und Literatur.

Im Pro­log macht Decker deut­lich, wor­um es ihm geht: Als ehe­ma­li­ger DDR-Bür­ger die Deu­tungs­ho­heit über die DDR-Geschich­te zurück­zu­ge­win­nen, bei ihm heißt das Die Aneig­nung der eige­nen Geschich­te durch die Akteu­re die­ser Geschichte.
Die Akteu­re sei­ner Geschich­ten sind vor allem die ers­te Liga der DDR-Lite­ra­tur: Chris­ta Wolf, Franz Füh­mann, Jurek Becker, Ste­phan Hermlin, Hei­ner Mül­ler, Ste­fan Heym — Dut­zen­de, dar­un­ter auch bil­den­de Künst­ler wie Mat­theu­er und Tüb­ke. Fil­me­ma­cher (Kon­rad Wolf), Schau­spie­ler, er greift in die vol­le Kis­te. Das Buch ist vol­ler Infor­ma­tio­nen, der Autor hat gründ­lich recher­chiert und steu­ert ein umfas­sen­des Lite­ra­tur­ver­zeich­nis bei.
Dazu die sowje­ti­schen Schrift­stel­ler und Fil­me­ma­cher: Bul­ga­kow, Ait­ma­tow, Gra­nin… Abu­lad­se (komi­scher­wei­se nicht Tar­kow­ski, viel­leicht weil der nicht den Sta­li­nis­mus zum direk­ten Gegen­stand hatte)

Er zeich­net ein Bild einer grau­en, ster­ben­den Gesell­schaft, mit Schrift­stel­lern, die eben­falls nicht atmen kön­nen — und, das ist ja schon lan­ge mei­ne The­se: das gebiert Kunst. Er zitiert Chris­top Hein:

Es ist eine Merk­wür­dig­keit, dass ein raue­res Kli­ma schö­ne­re Blu­men her­vor­bringt. Das spricht nicht für das raue­re Kli­ma, Kunst ist eine selt­sa­me Pflanze.

Das ist doch schön formuliert?
Man­che geben auf, machen rüber, Jurek Becker, Man­fred Krug, Sarah Kirsch, noch vie­le mehr. Ande­re blei­ben und lei­den im Stil­len, vor allem an der Zen­sur. Doch die wird nach 1985 (Gor­bat­schow) immer zahn­lo­ser, und so liest man, daß kurz vor dem Unter­gang die Zen­sur fak­tisch auf­ge­ge­ben hat­te, sehr zur Über­ra­schung der bis­lang Zensierten.
Aber da war es schon zu spät, die DDR konn­te nur noch ster­ben, die Ago­nie war nicht mehr zu über­se­hen. Jeden­falls sage ich mir das heu­te, 30 Jah­re spä­ter, viel­leicht zu Unrecht?

Über­haupt: Die Fra­ge­zei­chen. Die setzt Decker in Über­zahl ein, weil er vie­le Fra­gen stellt. Bezie­hungs­wei­se: sie sei­ne Gegen­stän­de indi­rekt stel­len läßt.
Und da kom­me ich zu mei­ner Kri­tik: Der Stil. Anfangs las sich das gut, aber so etwa ab der Hälf­te wur­de es mir immer gezier­ter, gedrech­sel­ter, ver­schwur­bel­ter. Und ich muß auch nicht zum drölf­ten Male dar­an erin­nert wer­den, wie blei­ern alles war. So wur­de das Lesen nach hin­ten her­aus immer schnel­ler, weil ich gan­ze Pas­sa­gen nur noch über­flog. Was eigent­lich Unrecht ist, denn ihm fal­len immer wie­der neue, über­ra­schen­de Bil­der ein — aller­dings zur immer der­sel­ben Aussage.
Dazu: Der Autor ist unheim­lich bele­sen. Er hat Phi­lo­so­phie stu­diert, und lei­der ver­lei­tet ihn das zu exzes­si­vem Name­drop­ping: “Oder, um es mit [Diderot|Voltaire|Kant] zu sagen…” das ist oft ärger­lich, weil es oft nur eine sehr losen oder auch gar kei­nen Bezug zum The­ma hat. Manch­mal scheint es, als wür­de Decker sich sel­ber ger­ne lesen.
Das Buch könn­te um ein Vier­tel gekürzt wer­den, ohne Verluste.

Das Buch ist kei­ne wis­sen­schaft­li­che Abhand­lung, auch kein Roman, nein, das ganz und gar nicht. Viel­leicht eine Samm­lung von Feuil­le­tons zu einem gemein­sa­men Thema.

Lese­emp­feh­lung? Ja, wenn

  • Du gene­rell an Kunst und Lite­ra­tur im Span­nungs­feld zur Poli­tik inter­es­siert bist
  • Du spe­zi­ell an DDR- und BRD-Geschich­te inter­es­siert bist
  • Du Dich für Spät­wir­kun­gen des Sta­li­nis­mus interessierst
  • sowie­so open min­ded bist

Ansons­ten eher nein.
Ich habe es inter­es­siert gele­sen, und wer­de wohl das eine oder ande­re DDR-Buch erneut lesen.

 

#aus­ge­le­sen

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Laura Spinney, 1918 — die Welt im Fieber

So, nach eini­gen Wochen habe ich die­ses Buch nun end­lich #aus­ge­le­sen. Ich kann gar nicht sagen, war­um es so lan­ge gedau­ert hat, am Stil liegt es sicher­lich nicht: Das Buch liest sich gut. Und doch habe ich abends im Bett sel­ten län­ger als fünf Minu­ten lesen kön­nen bis zur Müdigkeit.

Egal: Wie der Titel sagt, geht es um die “spa­ni­sche Grip­pe”, die etwa von 1918 bis 1920 über die gan­ze Welt kam — eine Pan­de­mie eben, wir wis­sen, was das ist.
Das Buch kam 2017 her­aus, also nach SARS 2002 und Schwei­ne­grip­pe 2009, aber vor COVID-19.
Es ist ein popu­lär­wis­sen­schaft­li­ches Buch im bes­ten Sin­ne, wie es schein­bar die Anglo­ame­ri­ka­ner bes­ser als die Deut­schen kön­nen, bei uns ist “popu­lär­wis­sen­schaft­lich” ja immer noch leicht anrü­chig. Die Autorin schreibt flüs­sig und fak­ten­reich — was mir beson­ders gefällt: es ist alles durch umfang­rei­che Lite­ra­tur­ver­wei­se belegt, wobei auf­fällt, daß das Gros die­ser Bele­ge nicht aus dem Inter­net kommt, son­dern aus Arti­keln in Fach­zeit­schrif­ten. Das gefällt mir, bedeu­tet es doch, daß die Autorin sich inten­siv mit der Mate­rie beschäf­tigt hat (was man übri­gens auch aus den Dank­sa­gun­gen her­aus­le­sen kann)
Kurz: Die Autorin rei­tet nicht die Coro­na-Wel­le (wie auch, Erschei­nungs­jahr 2107), und ist gera­de des­we­gen lesens­wert und aktuell.

Das Buch fällt in zwei Tei­le: Im ers­ten wird die Aus­brei­tung der Grip­pe unter­sucht, auch, woher sie viel­leicht stammt (das ist nicht ganz ein­deu­tig, jeden­falls aber nicht aus Spa­ni­en) Und der Zusam­men­hang zwi­schen der Grip­pe und dem ers­ten Welt­krieg. Frag­los hat­te die Grip­pe mas­si­ve Aus­wir­kun­gen auf den Krieg, ja, man kann sicher­lich sagen: ohne die Grip­pe wäre der Krieg anders ver­lau­fen. Nach der Lek­tü­re wird man den ers­ten Welt­krieg viel­leicht ein wenig bes­ser verstehen.
Schon in die­sem ers­ten Teil wird reich­lich kühn und unver­mit­telt zwi­schen den Jahr­hun­der­ten und den Kon­ti­nen­ten hin- und her­ge­sprun­gen. Das reicht von der vor­christ­li­chen Anti­ke bis heu­te, von Chi­na und Ame­ri­ka bis Afri­ka und dem Rest der Welt. Das ist teil­wei­se ermü­dend, und manch­mal schei­nen mir die Quer­ver­bin­dun­gen eher mit Macht gezo­gen wor­den zu sein

Das gilt dann mehr noch für den zwei­ten Teil, der sich eher mit den Fol­gen der spa­ni­schen Grip­pe für die Wis­sen­schaft und Gesell­schaft bis heu­te beschäf­tigt. Da geht es viel um Viro­lo­gie, Gesund­heits­po­li­tik. Im Nach­hin­ein sage ich für mich: Den Teil hät­te man deut­lich kür­zen kön­nen, als Leser kann man ger­ne schräg lesen.

Ins­ge­samt: Ein augen­öff­nen­des Buch. Denn es ist durch­aus nicht so, daß unse­re jet­zi­ge Situa­ti­on aus dem Nichts gekom­men wäre. Ein Bei­spiel: World invests too litt­le and is under­pre­pa­red for dise­a­se out­breaks — und der­glei­chen gibt es vie­le ande­re. Man wuß­te schon damals, daß die Grip­pe eine Virus­er­kran­kung ist, auch wenn das Virus selbst erst weit spä­ter gefun­den wur­de. Man wuß­te, daß Mas­ken hel­fen, Abstand hal­ten, Schu­len schlie­ßen… Und auch die Cov­idio­ten gab es schon damals. Das ist alles nicht neu, erschre­ckend ist, wie wenig wir gelernt haben.

Lese­emp­feh­lung? Ja!


Eine Lese­pro­be gibts hier, inter­es­san­ter­wei­se bei der Bun­des­zen­tra­le für poli­ti­sche Bildung.

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Detlef Lotze: Griechische Geschichte

Zu die­sem Büch­lein hebe ich ein beson­de­res Ver­hält­nis — vor mehr als 30 Jah­ren hat­te ich beim Autor Vor­le­sun­gen in Alter Geschich­te, ich den­ke, auch Semi­na­re in Epi­gra­phik, wenn ich mich rich­tig erinnere.
Die Vor­le­sun­gen, Semi­na­re, Übun­gen waren ein Graus. Der Mann war ein wan­deln­des Lexi­kon, der wuß­te ALLES (über grie­chi­sche Geschich­te) und war dabei staub­tro­cken wie die gan­zen Bücher in den Rega­len, die er durch­ge­ar­bei­tet haben muß.

Nun ja: Ich wer­de älter und stel­le immer öfter fest, daß es noch eini­ges nach­zu­ho­len und auf­zu­ar­bei­ten gilt im immer kür­zer wer­den­den Rest­le­ben — war­um also nicht mal mit dem Alt­his­to­ri­ker von damals?

Das Buch ist genau­so kno­chen­tro­cken wie sein Autor es war. Eine end­los lan­ge Ket­te an Haupt­sät­zen, in die sich nur ver­se­hent­lich ab und an ein Neben­satz ver­irrt hat.
Wer mal auch nur den Anfang der Gene­sis gele­sen hat, der wird wis­sen, was ich mei­ne. Nur fol­gen bei Lot­ze Schlacht auf Schlacht, Herr­scher auf Herr­scher, Söh­ne auf Väter. Und so quält man sich denn durch das gan­ze Buch — Lese­ver­gnü­gen ist was anderes.
Bele­ge via Fuß­no­ten gibt es kei­ne, man muß dem Autor ver­trau­en (gele­gent­lich merkt er an, daß etwas umstrit­ten sei, das ist aber eher sel­ten) — im Prin­zip ist das ein aus­ufern­der, rie­sen­lan­ger Lexi­kon­ar­ti­kel, der aus der Hoch­zeit des Posi­ti­vis­mus im 19. Jahr­hun­dert stam­men könn­te. (Dazu sei aber ein­ge­scho­ben: In sei­nen Lehr­ver­an­stal­tun­gen leg­te er gro­ßen Wert auf die Fest­stel­lung, daß man allen Über­lie­fe­run­gen erst­mal skep­tisch begeg­nen sol­le, ins­be­son­de­re bei all­zug­lat­ten Zah­len: 10.000 Grie­chen gegen 100.000 Per­ser und ähnliches)

Am Ende gibt es zwei Nach­wör­ter, eine recht nütz­li­che Zeit­ta­fel, eine umfang­rei­che Lite­ra­tur­lis­te (völ­lig wert­frei, ein­fach nur auf­ge­lis­tet, eins, zwei, drei) und ein Per­so­nen­re­gis­ter. Das könn­te nütz­lich sein, wenn denn Links gelegt wor­den wären, anstatt nur eine Sei­ten­zahl nach der Per­son abzudrucken.

Lese­emp­feh­lung?
Für ange­hen­de Geschichts­stu­den­ten, die einen schnel­len und dabei doch umfas­sen­den Abriß der grie­chi­schen Geschich­te suchen — viel­leicht, eben­so viel­leicht für alle inter­es­sier­ten Laien.
Für den gro­ßen Rest der Mensch­heit eher nicht.

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Umberto Eco: Nullnummer

(Was wohl der Han­ser-Ver­lag für die­ses miß­ra­te­ne Cover bekom­men haben mag?)

Ecos letz­ten Roman könn­te man als Schel­men­ro­man bezeich­nen. Jeden­falls geht er in die Richtung.
Er spielt im heu­ti­gen (zur Zeit der Nie­der­schrift) Ita­li­en. Ein rei­cher Empor­kömm­ling (Hotels, Zeit­schrif­ten) möch­te in die fei­ne Gesell­schaft auf­ge­nom­men wer­den, beschließt, eine Zei­tung zu ver­le­gen, die nie erscheint. Hört sich komisch an, ist auch so. Die Idee ist, in die­ser Zei­tung The­men so zu bear­bei­ten, daß der Leser meint, die Zei­tung hät­te bri­san­te Infor­ma­tio­nen über Mit­glie­der der fei­nen Gesell­schaft, und die­se wäre dann erpreß­bar. Das funk­tio­niert natür­lich nur — wie jede Erpres­sung — wenn das Pul­ver nicht ver­schos­sen wird. Die­ser Ver­le­ger wird nur der Com­men­d­a­to­re genannt, eine Ana­lo­gie natür­lich zu Ber­lus­co­ni, Cava­lie­re.
Damit es nicht so ein­fach bleibt, zieht Eco eine wei­te­re Ebe­ne ein: Der Chef­re­dak­teur die­ser Zei­tung (Erin­ne­rung: Es soll nie eine Num­mer erschei­nen) beauf­tragt den Ich-Erzäh­ler, ein Buch über die­se nie erschei­nen­de Zei­tung (als Ghost­wri­ter) zu schreiben.

Der Roman sel­ber spielt bin­nen weni­ger Mona­te zwi­schen April und Juni 1992. Nur soviel: Ver­schwö­rungs­theo­rien (Mus­so­li­ni hat bis 1968 in Ita­li­en gelebt, die gesam­te ita­lie­ni­sche Nach­kriegs­ge­schich­te mit den roten Bri­ga­den, Gla­dio, P2, Mafia, Fal­co­ne, Aldo Moro…) ist ohne Mus­so­li­ni nicht denk­bar, ein Mord (der mit den Recher­chen zu Mus­so­li­ni zusam­men­hängt), und auch eine Liebesgeschichte.
Dazu ist das Buch raf­fi­niert kom­po­niert in eine Rah­men­hand­lung. Nur daß die schlie­ßen­de Klam­mer der Rah­men­hand­lung nicht am Ende steht, son­dern etwa bei 75%. Und vol­ler Anspie­lun­gen auf Bücher. Ich habe wenigs­tens Edgar Allen Poe gefun­den, Alex­and­re Dumas, Her­man Mel­vil­le, Robert Musil, und ganz sicher sind mir wei­te­re ent­gan­gen. Da blitzt dann der Schalk des Eco durch 😉

Ich fand das Buch anfangs zäh zu lesen, ab dem zwei­ten Drit­tel dann (mit der Mus­so­li­ni-Geschich­te) nimmt es dann ordent­lich Schwung auf.
Es ist ein wenig zwit­ter­haft: am Bes­ten beschreibt man es wohl als breit aus­ge­walz­te Streich­holz­brie­fe in Roman­form. Als Ita­lie­ner in den 90-ern des vori­gen Jahr­hun­derts konn­te man das sicher­lich sehr viel bes­ser wür­di­gen als grum­pi­ger Vor­pom­mer heute.

 

Lese­emp­feh­lung? Ja klar! Es ist ein Eco, sicher­lich nicht sein bes­ter, aber immer­noch weit über dem Niveau durschnitt­li­cher Literatur.

 

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Ingo Schulze, Was wollen wir?

Wie der Unter­ti­tel prä­zi­se sagt, haben wir es hier mit Essays, Reden, Skiz­zen von Ingo Schul­ze zu tun. So ist denn auch der Sam­mel­band in drei Tei­le auf­ge­teilt, eben Essays usw.

Die Samm­lung ist schwer zu beschrei­ben. Schul­ze ist ganz ohne jeden Zwei­fel ein Autor mit einem gro­ßen The­ma: Was hat das Ver­schwin­den der DDR aus Deutsch­land gemacht? Das geht in ihm um, das unter­sucht er ohne jede Wei­ner­lich­keit, ohne irgend­ei­nen Anachronismus.

Mein Pro­blem ist nicht das Ver­schwin­den des Ostens, son­dern das Ver­schwin­den des Wes­tens unter der Lawi­ne einer selbst­ver­schul­de­ten Öko­no­mi­sie­rung aller Lebens­be­rei­che, die Begrif­fe wie Frei­heit und Demo­kra­tie zuneh­mend zum Popanz macht.

Dar­um geht es eben: Was wol­len wir? Für Schul­ze ist klar: Jeden­falls nicht die betriebs­wirt­schaft­li­che Durch­rech­nung unse­res Lebens.

Dane­ben und gleich­be­rech­tigt gibt es vie­le Betrach­tun­gen zu Lite­ra­tur und Lite­ra­ten (ich habe hier einen Tipp bekom­men, Daniil Charms, muß ich unbe­dingt lesen) Dabei ist Schul­zes Bele­sen­heit manch­mal frus­trie­rend, aber heh: Ein Schrift­stel­ler hat wohl das Pri­vi­leg, die meis­te Zeit Lesen zu dürfen.

Wer schon ein paar Schul­zes gele­sen hat (und das emp­feh­le ich sehr drin­gend), der wird den Band wohl mit Inter­es­se und Ver­gnü­gen lesen, gibt er doch einen Ein­blick in die Denk­welt des Autors.

Wer nicht, wird viel­leicht kei­nen Zugang finden.

Also: Les­emp­feh­lung? Ein­deu­tig ja, aber viel­leicht nicht für jeden.

 

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Angriff auf die Freiheit

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Juli Zeh / Ili­ja Tro­ja­now (was für ein Name! Homer rotiert lachend im Gra­be 😉): Angriff auf die Freiheit.

Anders als wir es von Freu Zeh ken­nen, ist das kein Roman, son­dern ein Sachbuch.
Das The­ma ist: Der stän­di­ge suk­zes­si­ve Abbau der Bür­ger­rech­te durch den Staat unter dem Vor­wand der Ter­ro­ris­mus­be­kämp­fung. Das Buch ist nicht ganz tau­frisch, von 2010 — es könn­te auch 2020 geschrie­ben wor­den sein. Man merkt den Abstand eigent­lich nur dar­an, daß Oba­ma Prä­si­dent ist.

Man könn­te auf Sei­te neun auf­hö­ren zu lesen, da steht, wor­um es geht:

Frei­heit ist kein Geschenk der Obrig­keit, son­dern ein Grund­zu­stand der Natur oder eine Gabe Got­tes, je nach­dem, wel­che Schöp­fungs­ge­schich­te Sie bevorzugen.

Das ist die Grund­über­zeu­gung der Autoren. Und sie zei­gen mit vie­len Bele­gen ver­se­hen, daß die­se Frei­heit unter schwe­rem Beschuß steht. Aus dem Abstand von 10 Jah­ren muß man sagen: Es ist erschre­ckend. Schon damals war unüber­seh­bar, daß der Kampf gegen den Ter­ro­ris­mus als Uni­ver­sal­tool benutzt wird, um unse­re Frei­heits­rech­te Stück für Stück weg­zu­neh­men. Wer hat noch einen nicht-bio­me­tri­schen Personalausweis?

Es ist unüber­les­bar, daß Frau Zeh Juris­tin ist (und Herr Tro­ja­now auch). Das ist sehr ange­nehm, weil sie strin­gent argu­men­tie­ren und ihre Denk­vor­aus­set­zun­gen bele­gen können

Das gan­ze Büch­lein ist ein ein­zi­ger Appell an die Leser, sich nicht ein­lul­len zu las­sen — es könn­te an einem point of no return zu spät sein. Das hört sich viel­leicht alar­mis­tisch an, und an man­chen Stel­len ist mir die Argu­men­ta­ti­on zu sehr ver­ein­facht. Den­noch: Sie sind überzeugend.

Die Stär­ke des Buches sind ganz klar die Anmer­kun­gen, in denen die Bele­ge (es sind fak­tisch alles URLs) zu fin­den sind. Die­ser Bele­ge begin­nen schon bei 69% des Gesamt­bu­ches, also etwa 1/3 sind Bele­ge. Das ist sehr viel ange­neh­mer als das, wann man heut­zu­ta­ge oft hin­neh­men muß: Screen­shots, die echt sein kön­nen, aber es all­zu­oft nicht sind oder in einen kom­plett ande­ren Kon­text gestellt werden.
Und genau das ist eine Unver­schämt­heit des Ver­la­ges: Am Ende des Buches gibt es näm­lich einen Ver­weis auf eine Samm­lung der Bele­ge: http://juli-zeh.de/Angriff-auf-die-Freiheit/ — müßt ihr nicht kli­cken, Ran­dom­house hat die Sei­te kom­plett und ersatz­los vom Netz genom­men. archive.org hat sie dan­kens­wer­ter­wei­se gesichert.
Das fin­de ich unver­schämt vom Verlag.

Juli Zeh ist übri­gens ehren­amt­li­che Ver­fas­sungs­rich­te­rin in Bran­den­burg. Ich ver­mu­te, eine gute.

Lese­emp­feh­lung? Viel­leicht, wenn man inter­es­siert am The­ma ist und dabei sach­lich und ohne gut­ge­mein­te Eifer infor­miert wer­den möch­te. Wer die Autorin Zeh lesen möch­te, viel­leicht weil er Unter­leu­ten gele­sen hat, der könn­te ent­täuscht werden.

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Christiane Ritter, eine Frau erlebt die Polarnacht

1934 bekommt eine Frau wohl in Süd­deutsch­land oder Öster­reich einen Brief ihres Man­nes:

Gar zu ein­sam wird es ja für Dich nicht wer­den, da an der Nord­west­ecke der Küs­te, unge­fähr 90 Kilo­me­ter von hier, noch ein Jäger, ein alter Schwe­de, haust. Den kön­nen wir im Früh­jahr, wenn das Licht zurück­kommt und das Meer und die Fjor­de zuge­fro­ren sind, ein­mal besuchen.

Der Mann, eigent­lich Schiffs­of­fi­zier, ist seit Jah­ren als Jäger auf Spitz­ber­gen unter­wegs. Er lädt sie in die­sem Brief für ein Jahr in sei­ne Hüt­te auf Spitz­ber­gen ein. Ein Jahr, also mit Polar­nacht und Polar­tag, mit Som­mer und Win­ter. Die Hüt­te steht ca. 250 Kilo­me­ter von der nächs­ten mensch­li­chen Sied­lung ent­fernt auf And­ree­land im Nor­den Spitz­ber­gens — etwa hier. Und was macht die Frau, aus gutem Hau­se und ohne jeg­li­che Ark­tis-Erfah­rung, eine Toch­ter zu Hau­se, den Mann wohl seit Jah­ren nicht gese­hen? Sie packt ihre Sachen und fährt nach Spitzbergen.

Auf dem Weg zur Hüt­te stößt noch ein nor­we­gi­scher Jäger hin­zu, wohl so Mitte/Ende 20.

Die Hüt­te gibt es heu­te noch (Klick aufs Bild gibt wei­te­re Bilder): Ritterhytte

Mehr Bil­der hier. Wie groß mag die Hüt­te sein? Kaum mehr als 20 m², schät­ze ich mal. Zwei Män­ner, eine Frau, ein Jahr lang. Kein Tele­fon, kein Radio, kei­ne Zei­tung, kei­ne Nach­barn, kei­ne Stra­ße, kei­ne Ein­kaufs­mög­lich­kei­ten, kein Strom, nur ein rie­si­ger Kühlschrank.

Die Natur wird sehr inten­siv beschrie­ben, vor allem das Licht und die Far­ben (die Frau ist auch Male­rin, das wird eine Rol­le gespielt haben) Am meis­ten hat mich die Beschrei­bung der Polar­nacht und des begin­nen­den Win­ters beein­druckt. Das muß man sich mal vor­stel­len: Kein Leben, nir­gends. Es gibt kei­ne Pflan­zen, auch kei­ne Moo­se oder Far­ne. Kei­ne Insek­ten, kei­ne Säu­ge­tie­re, nicht ein­mal Vögel. Nichts. Buch­stäb­lich alles ist tot. Dabei ist die Frau wochen­lang allein, weil die Män­ner auf Jagd sind. Inklu­si­ve gleich anfangs eines neun­tä­gi­gen star­ken Schnee­stur­mes. Wahr­schein­lich machen wir uns gar kei­ne Vor­stel­lung davon, was dort ein star­ker Schnee­sturm ist. Irgend­wann kom­men die Män­ner zurück (Erin­ne­rung: Kei­ne Funk­ge­rä­te!). Dann geht der Nor­we­ger mal eben für zwei Mona­te allein auf Jagd. Die bei­den bekom­men aber ein Pro­blem: Das Fleisch geht zur Nei­ge, und wie gesagt: Es gibt kein Leben. Leben kommt erst mit dem Pack­eis von Nor­den, das die Rob­ben und damit die Eis­bä­ren mit­bringt. Eine Rob­be kann 500 Kilo Fleisch lie­fern, das reicht für vie­le Mona­te. Aber das Eis ist eben noch nicht da, und so gehen die bei­den (erfolg­los) auf Jagd.
Da ist es beim Lesen ganz hilf­reich, eine Kar­te zur Hand zu haben. Goog­le Maps ent­fällt natür­lich, aber es gibt eine her­vor­ra­gen­de topo­gra­fi­sche Spitz­ber­gen-Kar­te: https://toposvalbard.npolar.no/ — da kann man sehr schön die Orte sehen, die im Buch vor­kom­men (Manch­mal sind die Namen ein­ge­deutscht, aber man kriegts mit Hil­fe von Goog­le schon hin, die Kar­te will die nor­we­gi­schen Namen haben)

Wie gesagt, die Natur­schil­de­run­gen sind wirk­lich ein­drück­lich, und auch die Refle­xio­nen über den eige­nen Punkt im Weltengefüge.
Manch­mal sind mir die Schil­de­run­gen und Gedan­ken zu natur­re­li­gi­ös, aber so ist die Autorin eben.

Das Buch wird wohl zu Recht als Klas­si­ker der Ark­tis-Lite­ra­tur bezeich­net, aber mir als (heu­ti­gem) Leser blei­ben vie­le offe­ne Fragen:

  • War­um über­haupt fährt sie dort­hin? Sie schreibt zwar, daß sie schon immer an der Ark­tis inter­es­siert war, aber dann liest es sich doch so, als wol­le sie mal eben ihren Bru­der in Wan­ne-Eickel für ein Wochen­en­de besuchen.
  • Wie ver­rich­ten die ihre Not­durft? Da wird tage­lang wegen Schnee­sturm nicht aus der Hüt­te gegan­gen — aber auch wenn man raus­kommt: Wo/wie dann? Wahr­schein­lich war es 1936 nicht schick­lich , dar­über zu schrei­ben — aber es inter­es­siert mich dennoch.
  • Zwei Män­ner und eine Frau, alle ver­gleichs­wei­se jung, über Mona­te auf engs­tem Raum: Was ist da mit Sex?
  • War­um kei­ne Funk­ge­rä­te? Umber­to Nobi­le wur­de 1928 ganz in der Nähe nur dank eines Funk­ge­rä­tes geret­tet, das müs­sen die gewußt haben. Die ande­ren Jäger (der nächs­te schlap­pe 90 Kilo­me­ter ent­fernt, ohne Bus­hal­te­stel­le) schei­nen auch kei­ne zu haben, lags am Geld vielleicht?
  • War­um redet sie immer nur von ihrem Mann, nennt ihn aber nicht ein ein­zi­ges mal beim Namen?
  • War­um fischen sie nicht? Das Nah­rungs­pro­blem ist ja akut.

Das Buch ist trotz der inten­si­ven Natur­be­schrei­bun­gen ganz sicher kei­ne ganz gro­ße Lite­ra­tur, Reich-Rani­cki hät­te wohl ein Grrrräß­lich beigesteuert.

Lese­emp­feh­lung? Kommt drauf an. Für jeden Ark­tis-Jun­kie auf jeden Fall. Für alle ande­ren: Viel­leicht wer­det ihr nach der Lek­tü­re ja zum Arktis-Junkie 🙂

Anle­sen könnt ihr das Buch hier.

 

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