Kategorie: Lesen

Ingo Schulze, Die rechtschaffenen Mörder

Das Titel­bild zeigt es schon: Es geht um Bücher. Ich habe noch vier Tage Rest­ur­laub aus 2019, da kann ich ja lesen 🙂

Wer bei dem Titel einen Kri­mi erwar­tet, auch einen anspruchs­vol­len, der wird ent­täuscht wer­den. Zwar sind zum Schluß zwei Men­schen tot — aber ein Kri­mi ist es über­haupt nicht. Der Roman ist in drei Tei­le geglie­dert: Im ers­ten wird die Geschich­te des Dresd­ner Anti­quars Nor­bert Pau­li­ni von sei­ner Geburt in den 50-ern bis ins Heu­te. Und die­ser Teil (und damit der Roman) führt schon wun­der­bar in eine Geschich­te ein:

Im Dresd­ner Stadt­teil Bla­se­witz leb­te einst ein Anti­quar,

So fan­gen Geschich­ten an, die von fer­nen Zei­ten erzäh­len. Und sei­ne Geschich­te ist aber­wit­zig, aber nicht undenk­bar: Pau­li­ni ist ein Leser und Bücher­lieb­ha­ber. Bücher sind dabei phy­sisch zu ver­ste­hen: Es geht um Erst­aus­ga­ben, beson­ders schön illus­trier­te oder beson­ders schön gebun­de­ne Aus­ga­ben, sol­che mit und sol­che ohne Schutz­um­schlag, sel­te­ne und noch sel­te­ne­re Bücher. Und er kann sie alle besor­gen. Er hat ein Anti­qua­ri­at (das scheint in der DDR gar nicht so schwie­rig gewe­sen zu sein) und kauft und ver­kauft eben alte Bücher. Wobei das Ver­kau­fen eher schmerz­voll ist, er hängt an den Büchern (und ver­sucht zumin­dest, sie alle zu lesen). Sei­ne Kund­schaft besteht aus Gelehr­ten, Künst­lern, Schrift­stel­lern — schon ein exklu­si­ver Kreis. Es ent­wi­ckelt sich neben­bei ein Salon, zu dem man ein­ge­la­den wer­den muß. Der Erzäh­ler, noch Schü­ler, bekommt irgend­wann über einen Archäo­lo­gen auch eine Ein­la­dung und ist fort­an Pau­li­nis Pro­te­gé.
So könn­te es in alle Ewig­keit wei­ter­ge­hen: Pau­li­ni wird zwar nicht reich (was ihn auch wirk­lich über­haupt nicht inter­es­siert), hat aber sei­ne Bücher, die er alle zu lesen ver­sucht und die er manch­mal auch ver­kauft; auch Anti­qua­re müs­sen essen.
Nach der Wen­de, Stück für Stück, funk­tio­niert das nicht mehr. Zuerst blei­ben die Kun­den weg, dann wird die Vil­la, in der sich das Anti­qua­ri­at befin­det, von Alt­ei­gen­tü­mern zurück­ge­for­dert, sei­ne Frau beich­tet, für die Sta­si gespit­zelt zu haben, zuletzt kommt noch das Elbe­hoch­was­ser von 2002, das ihm grö­ße­re Tei­le sei­nes Bestan­des zer­stört. Mit dem Rest (der immer noch rie­sig ist) wan­dert Pau­li­ni ins Dresd­ner Umland.
Dann endet der ers­te Teil abrupt, mit­ten in einem Satz.

Im zwei­ten Teil erzählt der fik­ti­ve Schrift­stel­ler Schult­ze(!), der eine Pau­li­ni-Bio­gra­phie schrei­ben möch­te (und mit dem Erzäh­ler aus dem ers­ten Teil iden­tisch ist), über die Arbeit an die­ser Bio­gra­phie. Die Sache ist schon dadurch ver­trackt, daß er eben Pau­li­nis Pro­te­gé ist, hin­zu kommt noch, daß er und der Anti­quar mit der­sel­ben Frau ein Ver­hält­nis haben. Die­ser zwei­te Teil ist eher Selbst­be­schau des Schrift­stel­lers und hat wenig Hand­lung. aber es ist fes­selnd zu lesen, wie die bei­den qua­si umein­an­der tan­zen.

Der drit­te Teil dann schlägt noch­mals eine Vol­te: Hier erzählt Schult­zes Lek­to­rin, wie sie ver­sucht, das Ver­hält­nis zwi­schen ihm und Pau­li­ni zu ver­ste­hen, mit all den Eifer­süch­te­lei­en, Nei­den, manch­mal könn­te man fast einen Vater-Sohn-Kon­flikt ver­mu­ten. Und zwi­schen­durch, so sel­ten wie unver­mit­telt, kom­men auf ein­mal Sprü­che von Pau­li­ni, die man eher Pegi­da-Demons­tran­ten als einem Bücher­ge­lehr­ten zutraut. Da pas­siert, wie gesagt, sehr sel­ten, steht dann aber völ­lig erra­tisch im Roman­text. Es wird auch nicht erklärt, wie Pau­li­ni dazu gekom­men ist.
Erst in die­sem drit­ten Teil erfah­ren wir, daß Pau­li­ni und sei­ne Gelieb­te tot sind, abge­stürzt von einem Fel­sen in der säch­si­schen Schweiz. Ob Unfall, gemein­sa­mer Selbst­mord, Mord — das bleibt offen und ist auch nicht Gegen­stand des Romans (der Leser darf natür­lich wei­ter­den­ken, Schul­ze hat genü­gend Fut­ter aus­ge­legt)

Zum Titel ver­mag ich nichts zu sagen. Er deu­tet auf Mord hin, aber wie schon geschrie­ben: dar­um gehts gar nicht.

Die Kon­struk­ti­on des Romans mit den drei ver­schränk­ten Tei­len ist raf­fi­niert. Der ers­te, der auch der größ­te ist, liest sich fluffig weg, der zwei­te ist eher kon­tem­pla­tiv, der drit­te nimmt dann wie­der Erzähl­ge­schwin­dig­keit auf.

Was mir auf­ge­fal­len ist: Schul­zes Prä­zi­si­on bis in kleins­te unbe­deu­ten­de Details. Sowas:

Hil­de­gard Kos­sa­kow­ski hat­te ihm einst auf­er­legt, den »Abriß grie­chi­scher und römi­scher Kunst« zu lesen. Schef­fel unter­rich­te­te ihn mit weit aus­grei­fen­den Exkur­sen, die stets die erteil­ten Such­auf­trä­ge beglei­te­ten. Wirk­lich gele­sen aber hat­te er nur eini­ge Stan­dard­wer­ke. Doch das reich­te schon, um zu erken­nen, wel­chen Schatz es zu heben galt. Wäre nur nicht der Zigar­ren­ge­stank.

Nun, es geht um die­ses Büch­lein, das Stan­dard­werk für Stu­den­ten der Klas­si­schen Archäo­lo­gie in der DDR. Und sein Autor hat­te ein zigar­ren­rauch­ge­tränk­tes Arbeits­zim­mer im Insti­tut (und bot übri­gens in Semi­na­ren allen Stu­den­ten Zigar­ren an) Die­ses Zitat ver­ste­hen viel­leicht 2 Dut­zend Men­schen auf der Welt, wenn sie denn über­haupt das Buch lesen. Und ähn­lich gela­ger­te Pas­sa­gen dürf­te es noch viel mehr geben. Das ist kein Spie­len bei Schul­ze des Effek­tes wegen, das gehört ein­fach zu sei­nem Leben. Hat mir sehr gefal­len.

Stil und Spra­che: Schul­ze beob­ach­tet sehr prä­zi­se und hat ein phä­no­me­na­les Gedächt­nis. Die Beschrei­bung Dres­dens dürf­te vie­le gebür­ti­ge Dresd­ner ent­zü­cken. Und so schreibt er auch: prä­zi­se und klar, ohne Gedöns. Wie Gould Bach spielt. Nichts Aus­schwei­fen­des, immer auf den Punkt. Und liest sich dabei doch gut weg. (Und an man­chen Stel­len lugt ein Schalk um die Ecke…)

Ein Buch auch über Ost und West, über Frau­en und Män­ner, Ber­lin und vor allem Dres­den — und: Bil­dung. Bil­dung scheint mir das Haupt­the­ma zu sein, nur daß Schul­ze das nir­gend­wo raus­kehrt.
Ein gutes Buch.

Im ebook hät­te ich mir X‑Ray gewünscht, auch wenn der Per­so­nen­kreis ver­gleichs­wei­se über­sicht­lich ist.

Kauf­emp­feh­lung? Abso­lut!

 

#aus­ge­le­sen

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Ausgelesen: Dan Brown, Illuminati

Der 13-jäh­ri­ge fand nichts mehr, was ihn zum Lesen ver­lei­ten kön­ne, und da dach­te ich mir: Ver­schwö­rungs­theo­rie, Geschich­te, Action, das müs­se einem Kna­ben sei­nes Alters doch zusa­gen, und so kam ich auf Dan Brown. Mei­ne Hood mein­te, das kön­ne schon was sein, es sei aber wohl bes­ser, wenn ich mit­lä­se, da das Buch doch stel­len­wei­se erklärt wer­den müs­se.
Nach­dem ich nun das Buch durch­ge­le­sen habe: Ja, das ist so.

Ein irrer Plot: Die Illu­mi­na­ten, ein Orden der Wis­sen­schaft, wol­len die katho­li­sche Kir­che ver­nich­ten. Dazu brin­gen sie den Papst um, besor­gen sich aus dem CERN Anti­ma­te­rie, um den gesam­ten Vati­kan zu pul­ve­ri­sie­ren, vor­her wer­den noch die aus­sichts­reichs­ten vier Papst­kan­di­da­ten hin­ge­rich­tet. Dafür bedie­nen sie sich eines Meu­chel­mör­ders, der bei jedem Auf­tau­chen für auch den unauf­merk­sams­ten Leser deut­lich als Ara­ber gekenn­zeich­net wird.
Der Ret­ter ist (Über­ra­schung!) ein Ame­ri­ka­ner, eine Art India­na Jones. Eine ange­deu­te­te Lie­bes­ge­schich­te mit ange­deu­te­tem Sex ist auch dabei.
Der Roman ist ins­ge­samt bil­li­ger Schund.
Die Geschich­te stimmt hin­ten und vor­ne nicht, was so schlimm nicht wäre, schließ­lich ist es ein Roman. Aller­dings hält nichts, wirk­lich nichts einer Über­prü­fung stand, das ist schon arg. Wiki­pe­dia lis­tet das gut auf.
Es geht um den behaup­te­ten Gegen­satz von Wis­sen­schaft und Reli­gi­on. Bei Brown wird dar­aus eine Kon­kur­renz von zwei Reli­gi­ons­zen­tren: Vati­kan und CERN. Ja, rich­tig gele­sen. Im Roman ist das CERN die Zen­tral­kir­che aller Wis­sen­schaft und ihr Direk­tor Koh­ler ist der Papst.
Der Held ist Pro­fes­sor für Sym­bo­lo­gie (ich hab’ Semi­na­re zu christ­li­cher Iko­no­gra­phie besucht — sowas wie Sym­bo­lo­gie gibt es nicht) natür­lich in Havard, wo denn sonst. Sei­ne Mit­hel­din ist Wis­sen­schaft­le­rin am CERN, Mee­res­bio­lo­gin. Was auch immer Mee­res­bio­lo­gen am CERN suchen. Ach ja, sie ist auch noch Teil­chen­phy­si­ke­rin, viel­leicht des­halb. Die bei­den sind also die ganz Guten, es gibt noch sub­al­ter­ne Gute. Und dann gibt es den Schläch­ter. Den Assas­si­nen, den Meu­chel­mör­der. Und da wird es ganz übel, weil ein­deu­tig ras­sis­tisch. Brown wird nicht müde zu beto­nen, daß das ein Ara­ber ist (und als Pro­to­typ namen­los bleibt), der gene mor­det, Frau­en miß­han­delt, ernied­rigt und ver­ge­wal­tigt. Natür­lich wird er von dem ame­ri­ka­ni­schen Hel­den besiegt, natür­lich in aller­letz­ter Sekun­de.
Am Ende steht übri­gens eine kom­plet­te Vol­te: Es waren gar nicht die Illu­mi­na­ti. Das ret­tet den Plot aber auch nicht mehr.
Hand­werk­lich ist der Roman gut gemacht, mit einer Schwä­che: Die Span­nungs­bö­gen wer­den gro­tesk über­dehnt. Ansons­ten aber: Flott geschrie­ben, abwechs­lungs­reich, die ein­zel­nen Kapi­tel ahebn eine Lese­zeit von maxi­mal 5 Minu­ten. Abrup­te Orts­wech­sel, har­te Schnit­te, fast wie ein Film.

Lese­emp­feh­lung? Nein. Wenn ihr was in der Rich­tung Ver­schwö­rungs­theo­rie, Action sucht, kuckt euch mal bei Stieg Lars­son um. Der hat wesent­lich mehr Sub­stanz.

 

#aus­ge­le­sen

 

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Lesen, Kinder. Buch vs. Ebook. Und: Alte Übersetzungen der Klassiker.

Jetzt ist mei­ne Klei­ne (11) explo­diert, und das kam so:
Ich woll­te schon seit 2018 den neu­en Kind­le haben, wegen der pla­nen Ober­flä­che. Selbst­ver­ständ­lich ist das kein Grund für ein neu­es Gerät von immer­hin 100 Euro. Es sei denn, ich bekom­me die Klei­ne dazu, mir mei­nen alten abzu­neh­men 🙂 Und so konn­te ich sie beschwat­zen (Neben­bei: Sie dach­te, man kauft das Teil und hat dann nur die Bücher drauf, die man mit­kauft und kann nie ande­re drauf­pa­cken. Nach­dem ich sie über ihren Irr­tum auf­ge­klärt hat­te, woll­te sie unbe­dingt mei­nen Kind­le haben, wir haben dann zwi­schen Ama­zon Black Fri­day und Weih­nach­ten uns mein Gerät geteilt)
Ihr “gro­ßer” Bru­der (13) liest schon seit 2 Jah­ren auf Kind­le, der frißt gera­de Moers Zamo­ni­en-Rei­he, ihr ist der Umgang mit einem e‑Reader also durch­aus ver­traut.
Seit Weih­nach­ten sind Feri­en, und so habe ich fast jeden Abend im Ehe­bett:

  • eine Gat­tin
  • eine Toch­ter
  • einen Sohn
  • einen Kater

Das wird dann eng, wenn ich dazu­kom­me…
Die Klei­ne ver­schlingt jeden Abend ca. 2 Stun­den Caro­la Fun­ke, die Tin­ten­herz-Roma­ne.

Sie haben bei­de schon vor den Kind­les gele­sen, auch viel. Har­ry Pot­ter jeden­falls voll­stän­dig. Aber ich behaup­te: die E‑Reader machen das Lesen ein­fa­cher. Kei­ne dicken Wäl­zer im Bett, kei­ne Pro­ble­me mit dem Licht. Wahr ist aller­dings auch: Es geht etwas ver­lo­ren, näm­lich das Ver­hält­nis zum phy­si­schen Gegen­stand Buch. Als ich in ihrem Alter war, hat­te mei­ne Groß­mutter ihre Enkel mit Büchern ver­sorgt. Das waren aber kei­ne ein­fa­chen Taschen­bü­cher, son­dern groß­for­ma­ti­ge, reich illus­trier­te Bücher. Ste­ven­son, Swift, Ver­ne, Klas­si­ker halt. Faden­bin­dung, hohe Qua­li­tät, und das kos­te­te wenig. Auch ein Grund für “Lese­land DDR”. Das geht natür­lich kom­plett ver­lo­ren, selbst wenn Illus­tra­tio­nen im E‑Book sind. Ein gut gemach­tes Buch ist hohe Kunst, die unwei­ger­lich ver­lo­ren gehen wird, so wie es auch kei­nen mehr gibt, der das Book of Kells abschreibt. Das ist sehr scha­de, aber unver­meid­bar. Und noch etwas sehe ich lei­der ster­ben: Das Stö­bern. Noch als jun­ger Mensch war bei Besu­chen oft­mals die Begut­ach­tung des gast­ge­ber­li­chen Bücher­re­gals völ­lig nor­mal. Und natür­lich hat man auch mal ein Buch raus­ge­nom­men und den Besit­zer benei­det, weil er die gebun­de­ne, man selbst aber nur die Taschen­buch­aus­ga­be hat­te. Oder er hat­te die unzen­sier­te Luch­ter­hand-Aus­ga­be von Kas­san­dra — Waaaahn­sinn! Im Kind­le-Shop stö­bern ist da nicht ver­gleich­bar.
Aber, nun: so ist es eben.
Wich­tig ist: sie lesen. Solan­ge Kin­der lesen, ist alles gut.

Zwei­tes, damit nur leicht zusam­men­hän­gen­des The­ma: Klas­si­ker-Über­set­zun­gen. Ich neh­me mal, da eige­ne Erfah­rung, Dos­to­jew­skis Schuld und Süh­ne als Bei­spiel. Kei­ne leich­te Kost, soll­te man aber zumin­dest mal ver­sucht haben. Jre­den­falls gibt es bei all die­sen fremd­spra­chi­gen Klas­si­kern immer wenigs­tens 2 Vari­an­ten: Eine (oder meh­re­re) moder­ne Über­set­zun­gen und wenigs­tens eine alte Über­set­zung. Die Gren­ze zwi­schen modern und alt läßt sich berech­nen: now() - 70 Jahre. Weil auf Dos­to­jew­skis Werk zwar kein Copy­right mehr liegt, auf den Über­set­zun­gen aber schon, sofern der Über­set­zer noch kei­ne 70 Jah­re tot ist. Das­sel­be gilt übri­gens für Noten: JSB ist zwar schon 1750 gestor­ben, des­we­gen darf man aber sein WO, wie es bei Breit­kopf & Här­tel erschie­nen ist, nicht ein­fach kopie­ren.
Zurück zu den Über­set­zun­gen: Natür­lich schielt man zu den gemein­frei­en, ein­fach weil die ent­we­der spott­bil­lig sind (in der Regel ein Euro) oder gar ganz kos­ten­los. Aber sie sind dann eben auch sprach­lich min­des­tens 70 Jah­re alt, viel­leicht auch 100 oder gar mehr. Das liest man. Aber ist das schlecht? Ich bin nicht sicher. Schuld und Süh­ne ist 1866 erschie­nen, da haben die Rus­sen anders als heu­ti­ge Rus­sen und die Deut­schen anders als heu­ti­ge Deut­sche geschrie­ben. Inso­fern wäre doch eine alte Über­set­zung näher am Ori­gi­nal als eine moder­ne?
Ande­rer­seits: 1866 war das ein moder­ner Roman. Inso­fern wäre doch eine moder­ne Über­set­zung näher am Ori­gi­nal als eine alte?

 

Jeden­falls kann ich nur eins emp­feh­len: Gebt den Kin­dern was zu Lesen!

Der rest wird dann schon 🙂

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Ausgelesen: Klemperer, LTI

Die­ses Buch hat­te ich schon ein­mal vor Jahr­zehn­ten gele­sen, es war mir aber mitt­ler­wei­le wenig erin­ner­lich. Klar, das The­ma (Lin­gua ter­tii impe­rii — die Spra­che des drit­ten Riches) Und auch, daß ich beein­druckt war.

Nun, mit der AfD und beson­ders der Höcke-Rhe­to­rik, gibt es wie­der Grund, das zu lesen. Aus­lö­ser war dann das abge­bro­che­ne Höcke-Inter­view mit den Höcke-Zita­ten, die genau­so­gut auch aus Hit­lers Mein Kampf hät­ten stam­men kön­nen.

Höckes Spra­che ist ganz frag­los zu wesent­li­che Tei­len LTI, und Spra­che ist immer Den­ken. Von daher: Höcke ist unzwei­fel­haft der nazis­ti­schen Ideo­lo­gie ver­haf­tet, Klem­pe­rer kann es bele­gen.

Und damit zum Buch: Der Autor ist ein unfaß­bar bele­se­ner Roma­nis­tik-Pro­fes­sor. Und Jude in Dres­den, den gan­zen Faschis­mus hin­durch — jeden­falls bis zum ver­hee­ren­den Bom­bar­de­ment am 13. Febru­ar 45. Er lan­det nur in kei­nem Ver­nich­tungs­la­ger, weil er mit einer Deut­schen ver­hei­ra­tet ist. Es gibt eine wun­der­ba­re Lie­bes­er­klä­rung an sei­ne Frau, ohne ihren Namen zu nen­nen. Fin­den müßt ihr das sel­ber 🙂
Er hat all die Jah­re Auf­zeich­nun­gen gemacht, Auf­zeich­nun­gen zu Wör­tern und deren Bedeu­tungs­ver­schie­bun­gen. Es geht nicht um Gram­ma­tik oder Satz­bau, son­dern allen um Wör­ter — von daher hät­te das Buch wohl bes­ser Ver­ba ter­tii impe­rii gehei­ßen. Durch die­se lin­gu­is­ti­sche Arbeit und durch die Unter­stüt­zung sei­ner Frau und einer sehr über­sicht­li­chen Anzahl guter Men­schen hat er über­lebt.

Ehr­lich gesagt: Nach einem Drit­tel wur­de mir der phi­lo­lo­gi­sche Teil lang­wei­lig. Noch ein Bei­spiel für sprach­li­che Ver­ro­hung, und noch eins, und noch eins. Das ist wich­tig für Wis­sen­schaft­ler, weni­ger aber mir. Doch ist das Buch eben auch eins dar­über, wie er im Nazis­mus über­lebt. Und das bleibt span­nend. Mög­li­cher­wei­se sind die Tage­bü­cher da noch aus­sa­ge­kräf­ti­ger.

Zum Ebook: Das ist lei­der lieb­los gera­ten. Es sind Fuß­no­ten im Lauf­text gesetzt, die aber kei­ne Links zu Fuß­no­ten sind, son­dern ein­fach nur Zah­len in ecki­gen Klam­mer. Ein Tap bewirkt gar nichts. Ande­rer­seits gibt es Links, die zu End­no­ten füh­ren. Von dort geht es dann aber nur umständ­lich wie­der in den Text zurück.
Das hät­te man bes­ser machen müs­sen. Die End­no­ten sel­ber sind wirk­lich beach­tens­wert, das Papier­buch ist offen­sicht­lich gut lek­to­riert.

Lese­emp­feh­lung?
Ja, wenn man der AfD ins Gehirn stei­gen mag und/oder an Spra­che im Nazis­mus inter­es­siert ist. Aslle ande­ren soll­ten aber wenigs­tens ein oder zwei Kapi­tel gele­sen habe, ich fin­de, für Deut­sche gehört das zur All­ge­mein­bil­dung.

 

#aus­ge­le­sen

 

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Unterleuten

Ich habe mal wie­der ein Buch #aus­ge­le­sen, dies­mal mit über 600 Sei­ten ein recht umfang­rei­ches. Juli Zeh, Unter­leu­ten.

Der Roman spielt im im Wesent­li­chen im Som­mer 2010 in einem bran­den­bur­gi­schen Dorf. Han­deln­de sind die Dorf­ein­woh­ner, von denen jeder eine Geschich­te hat, jeder mit jedem in irgend­ei­nem Abhän­gig­keits­ver­hält­nis steht. Ein Gesell­schafts­ro­man zwei­fel­los, aber auch ein Dra­ma. Schon die Ein­tei­lung in Akte und Sze­nen legt das nahe, aber auch der gesamt Auf­bau des Romans: zuerst wer­den die per­so­nae dra­ma­tis vor­ge­stellt, dann kommt die Hand­lung, dann das Fina­le.

Es geht um einen Wind­park, der Flä­che braucht. Es gibt meh­re­re mög­li­che Flä­chen, mit unter­schied­li­chen Besit­zern. Wer der Win­kraft-Fir­ma Land ver­pach­ten kann, wird reich wer­den. Aber auch das Dorf wür­de durch Steu­er­ein­nah­men finan­zi­ell saniert wer­den. Hin­zu kom­men dann Natur­schüt­zer (aus der Stadt hin­zu­ge­zo­gen) und wei­te­re Ein­zel­in­ter­es­sen.
Alte Feind­schaf­ten bre­chen bre­chen auf, neue ent­ste­hen. Das Wind­kraft­vor­ha­ben wirkt wie ein Kata­ly­sa­tor, es schafft kei­ne Kon­flik­te, aber befeu­ert sie.
Und Gegen­sät­ze wer­den zuhauf behan­delt: Alte gegen Jun­ge, Ein­hei­mi­sche gegen Zuge­reis­te, Umwelt­schutz gegen Ener­gie­wen­de, Rei­che gegen Arme, Wes­sis gegen Ossis, Macher gegen Getrie­be­ne, Gewin­ner gegen Ver­lie­rer… — zuviel für mei­nen Geschmack.

Der Roman mit all sei­nen Per­so­nen, bei denen es schwer fal­len kann, den Über­blick zu behal­ten¹ ist am Reiß­brett ent­wor­fen, die Hand­lung und die Per­so­nen wir­ken sehr durch­dacht, was durch­aus nicht nega­tiv gemeint ist.
Aller­dings blei­ben die Per­so­nen Typen, die so blei­ben wie sie ange­legt sind. Da ent­wi­ckelt sich nie­mand, jeder ist in sei­nen Inter­es­sen gefan­gen und bleibt auch da.
Kei­ner ist lie­bens­wür­dig, und das fällt auf: Es gibt kei­ne Lie­be in dem Buch. Natür­lich gibt es Paa­re, Kin­der, auch Sex, aber nir­gends gibt es Lie­be. Wohl weil jeder sei­nen eige­nen Plan hat.

Das ist in der ers­ten Buch­hälf­te alles ganz ange­nehm zu lesen, Frau Zeh erfin­det immer wie­der neue, poe­ti­sche Bil­der, um ihre Prot­ago­nis­ten zu beschrei­ben. Dann wur­de es mir aus genau die­sem Grun­de lang­wei­lig: Die Per­so­nen waren mir nun zur Genü­ge bekannt, ich brau­che nicht die drölf­zigs­te Beschrei­bung, nicht mehr nach 300, 400 Sei­ten.

Wenigs­tens zieht die Hand­lung dann nach zwei Drit­teln an, bis es zum Schluß zur Kata­stro­phe kommt.

Ganz am Ende gibt es dann noch einen län­ge­ren Epi­log, von der fik­ti­ven Roman­au­torin ver­faßt. Das ist schon raf­fi­niert.

Ich habe die Kind­le-Aus­ga­be gele­sen, da ist X‑Ray ein Segen gewe­sen.

Lese­emp­feh­lung? Ja! Das ist ganz sicher einer der bes­ten neue­ren deut­schen Roma­ne.


¹ hät­te ich doch beim Lesen https://unterleuten.de/unterleuten.html gekannt!

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Ja.

Und des­halb wird das Buch gekauft, und dafür mag ich Ama­zons wal­led gar­den: Er funk­tio­niert ein­fach. Geld aus­ge­ben war noch nie so ein­fach.

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Herr Sonneborn geht nach Brüssel

Son­ne­born geht 2014 für die PARTEI ins EU-Par­la­ment und berich­tet von dort über sei­ne Arbeit als frak­ti­ons­lo­ser Abge­ord­ne­ter.
Her­aus­ge­kom­men ist eine Art Tage­buch.
Sei­ten­wei­se fiel mir beim Lesen nur ein Kom­men­tar ein: WTF??? — denn berich­tet wird (der Autor ist Son­ne­born!) vor allem natür­lich von den end­lo­sen Absur­di­tä­ten in der EU-Poli­tik, der EU-Büro­kra­tie, und dazu von den Eitel­kei­ten vie­ler Abge­ord­ne­ter (sei­ne Lieb­lings-Ziel­schei­ben sind Elmar Brok, Jo Lei­nen und Udo Voigt)
Was er schreibt, ist soli­de recher­chiert (er hat eine tüch­ti­ge Assis­ten­tin) und mit Quel­len belegt — wahr­schein­lich schon, um sich Ver­leum­dungs­kla­gen vom Hals zu hal­ten 🙂
Es ist natür­lich das Buch eines Sati­ri­kers, noch dazu eines, der gewiß nicht an Selbst­zwei­feln lei­det. An man­chen Stel­len aber, nament­lich bei der EU-Hal­tung zur Mit­tel­meer­tra­gö­die, wird er ganz unsa­ti­risch und wütend und betrof­fen. Die PARTEI war viel­leicht mal als Spaß­pro­jekt gestar­tet, mitt­ler­wei­le ist sie erwach­sen gewor­den — und natür­lich noch immer eine Sati­re­par­tei, Gott­sei­dank!

Lei­der ist das Buch deut­lich zu lang gera­ten. Schein­bar woll­te Son­ne­born die gesam­te Legis­la­tur­pe­ri­ode abde­cken (was er auch getan hat). Doch etwa ab der Hälf­te oder dem zwei­ten Drit­tel wird es ermü­dend, die Per­so­nen sind mitt­ler­wei­le alle bekannt, der Betrieb beschrie­ben — da kom­men dann nur noch wei­te­re Anek­do­ten. Zum Ende hin woll­te ich nur noch fer­tig wer­den. Scha­de.

Lese­emp­feh­lung? Ja.

#aus­ge­le­sen

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