Sahra Wagenknecht, Die Selbstgerechten

Vor­be­mer­kung, da die Autorin pola­ri­siert: Wenn Du das Buch nicht wenigs­tens in län­ge­ren Aus­zü­gen gele­sen hast, dann hal­te Dich bit­te mit posi­ti­ver wie nega­ti­ver Kri­tik zurück, auch dum­me Kampf­be­grif­fe wie Sahr­ra­zin und Flü­gel­knecht zeu­gen mehr von der Bor­niert­heit des Schrei­bers als von sonst irgendetwas.
Danke.

Wagen­knecht stellt fest, daß die lin­ke Bewe­gung nicht mehr die­je­ni­gen  reprä­sen­tiert, die frü­her ihre Kli­en­tel waren: Arbei­ter, klei­ne und mitt­le­re Ange­stell­te, Klein­selb­stän­di­ge, Nicht-Aka­de­mi­ker. Sie belegt und das ist ja kein Geheim­nis): Genau die­se Kli­en­tel, die frü­her eher links gewählt hat, wählt heu­te rechts — die AfD ist eine Arbeiterpartei.
Sie fragt, war­um? Die Anfän­ge lie­gen ihr nach in den Auf­stie­gen der bru­tal­ka­pi­ta­lis­ti­schen Model­le, für die zuerst Rea­gan und That­cher, spä­ter auch Blair und Schrö­der stan­den: Pri­va­ti­sie­rung gemein­schaft­li­cher Auf­ga­ben, Öff­nung der Finanz­märk­te, Kampf gegen die Gewerk­schaf­ten, För­de­rung des Nied­rig­lohn­sek­tors, Globalisierung.
Glo­ba­li­sie­rung bedeu­tet: Unter­neh­men gehen dort­hin, wo die Lohn­kos­ten gerin­ger sind — oder holen sich Bil­lig­ar­bei­ter ins eige­ne Land. Tön­nies wäre nicht in kur­zer Zeit Mil­li­ar­där gewor­den, wenn rot/grün es nicht ermög­licht hät­te, daß rumä­ni­sche Hilfs­ar­bei­ter ohne jede Rech­te, näm­lich mit Werk­ver­trä­gen, ihm zu Löh­nen weit unter­halb des gesetz­li­chen Min­dest­loh­nes die Schwei­ne schlach­ten und zerschnippeln.
Laut Wagen­knecht haben die “ein­fa­chen Leu­te”, also obi­ge Arbei­ter etc., seit den 80-ern mas­siv an sozia­ler Sicher­heit und Auf­stiegs­chan­cen ver­lo­ren. Im Gegen­zug gibt es natür­lich auch Gewin­ner: eine rei­che Ober­schicht sowie­so, aber auch die geho­be­ne, urba­ne aka­de­mi­sche Mit­tel­schicht. Die Schicht, in der es zur Nor­ma­li­tät gehört, wenigs­tens ein Aus­lands­se­mes­ter absol­viert zu haben, um Got­tes Wil­len auf gar kei­nen Fall in der Plat­te zu woh­nen, ger­ne eine pol­ni­sche Putz­hil­fe zu beschäf­ti­gen und die Aldi-Schnit­zel natür­lich nicht ißt.
Apro­pos: Inter­es­sant fand ich, daß der Anteil am Ver­kaufs­preis, den der Bau­er bekommt, in den let­zen Jahr­zehn­ten um ‑zig Pro­zent gesun­ken ist. Fragt sich, ob das Schnit­zel wirk­lich zu bil­lig ist — oder ob nicht viel­mehr die Pro­fi­te der Zwi­schen­händ­ler und Wei­ter­ver­ar­bei­ter unver­schämt gestie­gen sind?
Die­se aka­de­mi­sche Mit­tel­schicht ist es, die heu­te das defi­niert, was als “links” wahr­ge­nom­men wird in der Öffent­lich­keit. Wagen­knecht nennt die­se Lin­ke eine “Life­style-Lin­ke” Ich fin­de den Begriff irgend­wie unele­gant, aber er paßt. Es geht die­ser Lin­ken nicht mehr um eine Änderung/Verbesserung der sozia­len Ver­hält­nis­se, es geht oft­mals nur dar­um, den eige­nen rich­ti­gen Stand­punkt (“rich­tig” für die ande­ren in der Fil­ter­bla­se) zu doku­men­tie­ren. Die im Schat­ten wer­den schon lan­ge nicht mehr gese­hen. Nur: Dis­kus­sio­nen um race und gen­der hel­fen der allein­er­zie­hen­den Mut­ter an der Aldi-Kas­se nicht. E‑Autos begin­nend bei 40k hel­fen dem Mau­rer mit täg­lich 100 Kilo­me­ter Arbeits­weg nichts, der muß sei­nen Gebraucht­die­sel fah­ren, bis der aus­ein­an­der fällt. Und so gibt es noch vie­le wei­te­re Bei­spie­le. War­um soll­ten die Allein­er­zie­hen­de und der Mau­rer links wäh­len? Nein, wenn sie über­haupt wäh­len, dann logi­scher­wei­se AfD.

Die ers­te grö­ße­re Hälf­te wid­met sich einer Bestands­auf­nah­me: Was ist in den letz­ten Jahr­zehn­ten pas­siert, war­um hat sich die lin­ke Bewe­gung (in West­eu­ro­pa wenigs­tens) so weit von ihren Grund­la­gen ent­fernt, wel­che Gemein­sam­kei­ten gibt es zwi­schen Wirt­schafts­li­be­ra­lis­mus ala FDP und Links­li­be­ra­lis­mus? (Ihre Ant­wort: vie­le, sehr vie­le). Sie beschäf­tig sich aus­führ­lich mit allen drän­gen­den Pro­ble­men, inklu­si­ve Zuwanderung.
Dar­auf möch­te ich ein­ge­hen, weil mir doch scheint, daß ihr Stand­punkt ein­fach nie­der­ge­brüllt wird (ich habe wenig Hoff­nung, daß sich das ändert).
Sie unter­schei­det zwi­schen Flucht und Migra­ti­on. Flücht­lin­ge muß man auf­neh­men und unter­stüt­zen, bedin­gungs­los. Bei Migra­ti­on hat sie einen ande­ren Stand­punkt: Sie meint, daß es in unse­rer Gesell­schaft noch immer einen tie­fen Gerech­tig­keits­sinn gibt: Wer Leis­tun­gen von der Gesell­schaft bean­sprucht, muß auch geleis­tet haben für die Gesell­schaft. Wer also nur ent­nimmt, der wird von denen, die gege­ben haben, aber auch nicht mehr bekom­men als der Migrant, scheel ange­se­hen wer­den. Stich­wort Hartz. Wei­ter: Die Migran­ten neh­men oft­mals einen lan­gen, beschwer­li­chen Weg auf sich, zuletzt dann mit einer hohen Zah­lung an Schleu­ser ver­bun­den. Das Geld haben nur die­je­ni­gen, die schon in ihrer Hei­mat rela­tiv gut aus­ge­bil­det und von daher rela­tiv ver­mö­gend sind. Rela­tiv natür­lich nicht zu uns, son­dern zu den ande­ren hei­mat­li­chen Bür­gern. Migra­ti­on ist auch ein brain drain, zieht den Ursprungs­län­dern das ab, was sie doch so drin­gend benö­ti­gen: Fach­per­so­nal. Das­sel­be gilt natür­lich auch für den offe­nen Arbeits­markt EU: Ein­fach mal in der Kli­nik die augen und Ohren auf­hal­ten: Wie­viel ost­eu­ro­päi­sche Ärz­te fin­det ihr? Und nein, deren Aus­bil­dung hat in den aller­meis­ten Fäl­len nicht Deutsch­land bezahlt.
Und so geht es wei­ter und wei­ter, sie läßt kaum ein Gebiet unbeackert.

Der zwei­te Teil dann ist ihr Gegen­ent­wurf: Wie kann man es bes­ser machen? Da gehe ich mal ganz kurz durch: Stär­kung der Natio­nal­staa­ten, weil sich gezeigt hat: Supra­na­tio­na­le Ver­bün­de wie die EU lösen die Pro­ble­me nicht. Kon­trol­lier­te Ein­wan­de­rung, auch um Lohn­dum­ping (sie­he oben: Tön­nies) zu ver­hin­dern. Eine Steu­er­po­li­tik, die Steu­er­flucht unter­bin­det. Eine Fis­kal­po­li­tik, die die natio­na­le Wirt­schaft unter­stützt (wir waren mal bei Solar füh­rend, bis Chi­na uns mit Bil­lig­pa­nelen zuge­schmis­sen hat, das hät­te man mit Zöl­len ver­hin­dern kön­nen) Rück­füh­rung von Zeit­ver­trä­gen und Out­sour­cing in regu­lä­re, durch Tarif­ver­trä­ge unter­stüt­ze Arbeits­ver­trä­ge. Usw. usf. Nach hin­ten wirds sehr VWL-las­tig, da habe ich nichts mehr verstanden.

Und noch etwas, was wich­tig ist: Sie hat zu wirk­lich allem eine Mei­nung, und die muß man nicht in jedem Fal­le tei­len. Aber: Sie belegt ihren Stand­punkt, jedes­mal. Das Buch ist vol­ler Bele­ge, und die sind Fach­li­te­ra­tur, kei­ne Zei­tungs­bei­trä­ge, Talk­shows oder gar Tweets. Das ist alles soli­de recher­chiert, und wer sie kri­ti­siert, müß­te auch ihre Quel­len lesen.
Das ist ein Buch, das kein, wirk­lich kein deut­scher Poli­ti­ker hät­te schrei­ben kön­nen. Das ist ein poli­ti­sches Mani­fest, geschrie­ben aus Wis­sen­schaft, schon des­we­gen: Chapeau!

Was mir den­noch die Jubel­be­kun­dun­gen ver­bie­tet: das gan­ze Buch durch­zieht ein Hauch Kon­ser­va­tis­mus, zusam­men­ge­faßt: Frü­her war alles bes­ser. Da lie­fert sie auch nur eini­ge weni­ge Bele­ge, viel­leicht gibt es ja noch ande­re, die das Gegen­teil nahe­le­gen. Da sie nur die west­li­chen Gesell­schaf­ten betrach­tet, kann ich dazu mit mei­ner Bio­gra­phie nichts Selbst­er­leb­tes sagen (und sie mit ihrer eigent­lich auch nichts)
Coro­na und Digi­tal­kon­zer­ne: Da ver­tritt sie Stand­punk­te, die sie zwar belegt, die für mich aber deut­lich übers Ziel hin­aus­schie­ßen und irgend­wo in der Nähe von Ver­schwö­rungs­theo­rien para­si­tär leben.
Wei­ter­hin: Sie doziert über wei­te Stre­cken. Das mag dem wis­sen­schaft­li­chen Anspruch geschul­det sein, ist mir den­noch unan­ge­nehm. Das bewirkt auch, daß sich das Buch nicht son­der­lich flüs­sig liest.

Und noch etwas: Die Frau ist klug, sehr klug, klü­ger wohl als die aller­meis­ten ihrer Poli­ti­ker-Kol­le­gen, wel­cher Far­be auch immer.

Lese­emp­feh­lung? Ja, ich den­ke schon — jeden­falls für alle aus wel­chem Lager auch immer, die noch den Anspruch haben, über den Tel­ler­rand zu lesen und zu denken.

 

#aus­ge­le­sen

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