Kategorie: Lesen

Ingo Schulze, Was wollen wir?

Wie der Unter­ti­tel prä­zi­se sagt, haben wir es hier mit Essays, Reden, Skiz­zen von Ingo Schul­ze zu tun. So ist denn auch der Sam­mel­band in drei Tei­le auf­ge­teilt, eben Essays usw.

Die Samm­lung ist schwer zu beschrei­ben. Schul­ze ist ganz ohne jeden Zwei­fel ein Autor mit einem gro­ßen The­ma: Was hat das Ver­schwin­den der DDR aus Deutsch­land gemacht? Das geht in ihm um, das unter­sucht er ohne jede Wei­ner­lich­keit, ohne irgend­ei­nen Anachronismus.

Mein Pro¬≠blem ist nicht das Ver¬≠schwin¬≠den des Ostens, son¬≠dern das Ver¬≠schwin¬≠den des Wes¬≠tens unter der Lawi¬≠ne einer selbst¬≠ver¬≠schul¬≠de¬≠ten √Ėko¬≠no¬≠mi¬≠sie¬≠rung aller Lebens¬≠be¬≠rei¬≠che, die Begrif¬≠fe wie Frei¬≠heit und Demo¬≠kra¬≠tie zuneh¬≠mend zum Popanz macht.

Dar¬≠um geht es eben: Was wol¬≠len wir? F√ľr Schul¬≠ze ist klar: Jeden¬≠falls nicht die betriebs¬≠wirt¬≠schaft¬≠li¬≠che Durch¬≠rech¬≠nung unse¬≠res Lebens.

Dane¬≠ben und gleich¬≠be¬≠rech¬≠tigt gibt es vie¬≠le Betrach¬≠tun¬≠gen zu Lite¬≠ra¬≠tur und Lite¬≠ra¬≠ten (ich habe hier einen Tipp bekom¬≠men, Daniil Charms, mu√ü ich unbe¬≠dingt lesen) Dabei ist Schul¬≠zes Bele¬≠sen¬≠heit manch¬≠mal frus¬≠trie¬≠rend, aber heh: Ein Schrift¬≠stel¬≠ler hat wohl das Pri¬≠vi¬≠leg, die meis¬≠te Zeit Lesen zu d√ľrfen.

Wer schon ein paar Schul¬≠zes gele¬≠sen hat (und das emp¬≠feh¬≠le ich sehr drin¬≠gend), der wird den Band wohl mit Inter¬≠es¬≠se und Ver¬≠gn√ľ¬≠gen lesen, gibt er doch einen Ein¬≠blick in die Denk¬≠welt des Autors.

Wer nicht, wird viel­leicht kei­nen Zugang finden.

Also: Les¬≠emp¬≠feh¬≠lung? Ein¬≠deu¬≠tig ja, aber viel¬≠leicht nicht f√ľr jeden.

 

#aus­ge­le­sen

Angriff auf die Freiheit

#aus­ge­le­sen

Juli Zeh / Ili¬≠ja Tro¬≠ja¬≠now (was f√ľr ein Name! Homer rotiert lachend im Gra¬≠be ūüėČ): Angriff auf die Freiheit.

Anders als wir es von Freu Zeh ken­nen, ist das kein Roman, son­dern ein Sachbuch.
Das The¬≠ma ist: Der st√§n¬≠di¬≠ge suk¬≠zes¬≠si¬≠ve Abbau der B√ľr¬≠ger¬≠rech¬≠te durch den Staat unter dem Vor¬≠wand der Ter¬≠ro¬≠ris¬≠mus¬≠be¬≠k√§mp¬≠fung. Das Buch ist nicht ganz tau¬≠frisch, von 2010 ‚ÄĒ es k√∂nn¬≠te auch 2020 geschrie¬≠ben wor¬≠den sein. Man merkt den Abstand eigent¬≠lich nur dar¬≠an, da√ü Oba¬≠ma Pr√§¬≠si¬≠dent ist.

Man k√∂nn¬≠te auf Sei¬≠te neun auf¬≠h√∂¬≠ren zu lesen, da steht, wor¬≠um es geht:

Frei­heit ist kein Geschenk der Obrig­keit, son­dern ein Grund­zu­stand der Natur oder eine Gabe Got­tes, je nach­dem, wel­che Schöp­fungs­ge­schich­te Sie bevorzugen.

Das ist die Grund¬≠√ľber¬≠zeu¬≠gung der Autoren. Und sie zei¬≠gen mit vie¬≠len Bele¬≠gen ver¬≠se¬≠hen, da√ü die¬≠se Frei¬≠heit unter schwe¬≠rem Beschu√ü steht. Aus dem Abstand von 10 Jah¬≠ren mu√ü man sagen: Es ist erschre¬≠ckend. Schon damals war un√ľber¬≠seh¬≠bar, da√ü der Kampf gegen den Ter¬≠ro¬≠ris¬≠mus als Uni¬≠ver¬≠sal¬≠tool benutzt wird, um unse¬≠re Frei¬≠heits¬≠rech¬≠te St√ľck f√ľr St√ľck weg¬≠zu¬≠neh¬≠men. Wer hat noch einen nicht-bio¬≠me¬≠tri¬≠schen Personalausweis?

Es ist un√ľber¬≠les¬≠bar, da√ü Frau Zeh Juris¬≠tin ist (und Herr Tro¬≠ja¬≠now auch). Das ist sehr ange¬≠nehm, weil sie strin¬≠gent argu¬≠men¬≠tie¬≠ren und ihre Denk¬≠vor¬≠aus¬≠set¬≠zun¬≠gen bele¬≠gen k√∂nnen

Das gan¬≠ze B√ľch¬≠lein ist ein ein¬≠zi¬≠ger Appell an die Leser, sich nicht ein¬≠lul¬≠len zu las¬≠sen ‚ÄĒ es k√∂nn¬≠te an einem point of no return zu sp√§t sein. Das h√∂rt sich viel¬≠leicht alar¬≠mis¬≠tisch an, und an man¬≠chen Stel¬≠len ist mir die Argu¬≠men¬≠ta¬≠ti¬≠on zu sehr ver¬≠ein¬≠facht. Den¬≠noch: Sie sind √ľberzeugend.

Die Stär­ke des Buches sind ganz klar die Anmer­kun­gen, in denen die Bele­ge (es sind fak­tisch alles URLs) zu fin­den sind. Die­ser Bele­ge begin­nen schon bei 69% des Gesamt­bu­ches, also etwa 1/3 sind Bele­ge. Das ist sehr viel ange­neh­mer als das, wann man heut­zu­ta­ge oft hin­neh­men muß: Screen­shots, die echt sein kön­nen, aber es all­zu­oft nicht sind oder in einen kom­plett ande­ren Kon­text gestellt werden.
Und genau das ist eine Unver¬≠sch√§mt¬≠heit des Ver¬≠la¬≠ges: Am Ende des Buches gibt es n√§m¬≠lich einen Ver¬≠weis auf eine Samm¬≠lung der Bele¬≠ge: http://juli-zeh.de/Angriff-auf-die-Freiheit/ ‚ÄĒ m√ľ√üt ihr nicht kli¬≠cken, Ran¬≠dom¬≠house hat die Sei¬≠te kom¬≠plett und ersatz¬≠los vom Netz genom¬≠men. archive.org hat sie dan¬≠kens¬≠wer¬≠ter¬≠wei¬≠se gesichert.
Das fin­de ich unver­schämt vom Verlag.

Juli Zeh ist √ľbri¬≠gens ehren¬≠amt¬≠li¬≠che Ver¬≠fas¬≠sungs¬≠rich¬≠te¬≠rin in Bran¬≠den¬≠burg. Ich ver¬≠mu¬≠te, eine gute.

Lese­emp­feh­lung? Viel­leicht, wenn man inter­es­siert am The­ma ist und dabei sach­lich und ohne gut­ge­mein­te Eifer infor­miert wer­den möch­te. Wer die Autorin Zeh lesen möch­te, viel­leicht weil er Unter­leu­ten gele­sen hat, der könn­te ent­täuscht werden.

Christiane Ritter, eine Frau erlebt die Polarnacht

1934 bekommt eine Frau wohl in S√ľd¬≠deutsch¬≠land oder √Ėster¬≠reich einen Brief ihres Man¬≠nes:

Gar zu ein¬≠sam wird es ja f√ľr Dich nicht wer¬≠den, da an der Nord¬≠west¬≠ecke der K√ľs¬≠te, unge¬≠f√§hr 90 Kilo¬≠me¬≠ter von hier, noch ein J√§ger, ein alter Schwe¬≠de, haust. Den k√∂n¬≠nen wir im Fr√ľh¬≠jahr, wenn das Licht zur√ľck¬≠kommt und das Meer und die Fjor¬≠de zuge¬≠fro¬≠ren sind, ein¬≠mal besuchen.

Der Mann, eigent¬≠lich Schiffs¬≠of¬≠fi¬≠zier, ist seit Jah¬≠ren als J√§ger auf Spitz¬≠ber¬≠gen unter¬≠wegs. Er l√§dt sie in die¬≠sem Brief f√ľr ein Jahr in sei¬≠ne H√ľt¬≠te auf Spitz¬≠ber¬≠gen ein. Ein Jahr, also mit Polar¬≠nacht und Polar¬≠tag, mit Som¬≠mer und Win¬≠ter. Die H√ľt¬≠te steht ca. 250 Kilo¬≠me¬≠ter von der n√§chs¬≠ten mensch¬≠li¬≠chen Sied¬≠lung ent¬≠fernt auf And¬≠ree¬≠land im Nor¬≠den Spitz¬≠ber¬≠gens ‚ÄĒ etwa hier. Und was macht die Frau, aus gutem Hau¬≠se und ohne jeg¬≠li¬≠che Ark¬≠tis-Erfah¬≠rung, eine Toch¬≠ter zu Hau¬≠se, den Mann wohl seit Jah¬≠ren nicht gese¬≠hen? Sie packt ihre Sachen und f√§hrt nach Spitzbergen.

Auf dem Weg zur H√ľt¬≠te st√∂√üt noch ein nor¬≠we¬≠gi¬≠scher J√§ger hin¬≠zu, wohl so Mitte/Ende 20.

Die H√ľt¬≠te gibt es heu¬≠te noch (Klick aufs Bild gibt wei¬≠te¬≠re Bilder): Ritterhytte

Mehr Bil¬≠der hier. Wie gro√ü mag die H√ľt¬≠te sein? Kaum mehr als 20 m¬≤, sch√§t¬≠ze ich mal. Zwei M√§n¬≠ner, eine Frau, ein Jahr lang. Kein Tele¬≠fon, kein Radio, kei¬≠ne Zei¬≠tung, kei¬≠ne Nach¬≠barn, kei¬≠ne Stra¬≠√üe, kei¬≠ne Ein¬≠kaufs¬≠m√∂g¬≠lich¬≠kei¬≠ten, kein Strom, nur ein rie¬≠si¬≠ger K√ľhlschrank.

Die Natur wird sehr inten¬≠siv beschrie¬≠ben, vor allem das Licht und die Far¬≠ben (die Frau ist auch Male¬≠rin, das wird eine Rol¬≠le gespielt haben) Am meis¬≠ten hat mich die Beschrei¬≠bung der Polar¬≠nacht und des begin¬≠nen¬≠den Win¬≠ters beein¬≠druckt. Das mu√ü man sich mal vor¬≠stel¬≠len: Kein Leben, nir¬≠gends. Es gibt kei¬≠ne Pflan¬≠zen, auch kei¬≠ne Moo¬≠se oder Far¬≠ne. Kei¬≠ne Insek¬≠ten, kei¬≠ne S√§u¬≠ge¬≠tie¬≠re, nicht ein¬≠mal V√∂gel. Nichts. Buch¬≠st√§b¬≠lich alles ist tot. Dabei ist die Frau wochen¬≠lang allein, weil die M√§n¬≠ner auf Jagd sind. Inklu¬≠si¬≠ve gleich anfangs eines neun¬≠t√§¬≠gi¬≠gen star¬≠ken Schnee¬≠stur¬≠mes. Wahr¬≠schein¬≠lich machen wir uns gar kei¬≠ne Vor¬≠stel¬≠lung davon, was dort ein star¬≠ker Schnee¬≠sturm ist. Irgend¬≠wann kom¬≠men die M√§n¬≠ner zur√ľck (Erin¬≠ne¬≠rung: Kei¬≠ne Funk¬≠ge¬≠r√§¬≠te!). Dann geht der Nor¬≠we¬≠ger mal eben f√ľr zwei Mona¬≠te allein auf Jagd. Die bei¬≠den bekom¬≠men aber ein Pro¬≠blem: Das Fleisch geht zur Nei¬≠ge, und wie gesagt: Es gibt kein Leben. Leben kommt erst mit dem Pack¬≠eis von Nor¬≠den, das die Rob¬≠ben und damit die Eis¬≠b√§¬≠ren mit¬≠bringt. Eine Rob¬≠be kann 500 Kilo Fleisch lie¬≠fern, das reicht f√ľr vie¬≠le Mona¬≠te. Aber das Eis ist eben noch nicht da, und so gehen die bei¬≠den (erfolg¬≠los) auf Jagd.
Da ist es beim Lesen ganz hilf¬≠reich, eine Kar¬≠te zur Hand zu haben. Goog¬≠le Maps ent¬≠f√§llt nat√ľr¬≠lich, aber es gibt eine her¬≠vor¬≠ra¬≠gen¬≠de topo¬≠gra¬≠fi¬≠sche Spitz¬≠ber¬≠gen-Kar¬≠te: https://toposvalbard.npolar.no/ ‚ÄĒ da kann man sehr sch√∂n die Orte sehen, die im Buch vor¬≠kom¬≠men (Manch¬≠mal sind die Namen ein¬≠ge¬≠deutscht, aber man kriegts mit Hil¬≠fe von Goog¬≠le schon hin, die Kar¬≠te will die nor¬≠we¬≠gi¬≠schen Namen haben)

Wie gesagt, die Natur¬≠schil¬≠de¬≠run¬≠gen sind wirk¬≠lich ein¬≠dr√ľck¬≠lich, und auch die Refle¬≠xio¬≠nen √ľber den eige¬≠nen Punkt im Weltengef√ľge.
Manch­mal sind mir die Schil­de­run­gen und Gedan­ken zu natur­re­li­gi­ös, aber so ist die Autorin eben.

Das Buch wird wohl zu Recht als Klas­si­ker der Ark­tis-Lite­ra­tur bezeich­net, aber mir als (heu­ti­gem) Leser blei­ben vie­le offe­ne Fragen:

  • War¬≠um √ľber¬≠haupt f√§hrt sie dort¬≠hin? Sie schreibt zwar, da√ü sie schon immer an der Ark¬≠tis inter¬≠es¬≠siert war, aber dann liest es sich doch so, als wol¬≠le sie mal eben ihren Bru¬≠der in Wan¬≠ne-Eickel f√ľr ein Wochen¬≠en¬≠de besuchen.
  • Wie ver¬≠rich¬≠ten die ihre Not¬≠durft? Da wird tage¬≠lang wegen Schnee¬≠sturm nicht aus der H√ľt¬≠te gegan¬≠gen ‚ÄĒ aber auch wenn man raus¬≠kommt: Wo/wie dann? Wahr¬≠schein¬≠lich war es 1936 nicht schick¬≠lich , dar¬≠√ľber zu schrei¬≠ben ‚ÄĒ aber es inter¬≠es¬≠siert mich dennoch.
  • Zwei M√§n¬≠ner und eine Frau, alle ver¬≠gleichs¬≠wei¬≠se jung, √ľber Mona¬≠te auf engs¬≠tem Raum: Was ist da mit Sex?
  • War¬≠um kei¬≠ne Funk¬≠ge¬≠r√§¬≠te? Umber¬≠to Nobi¬≠le wur¬≠de 1928 ganz in der N√§he nur dank eines Funk¬≠ge¬≠r√§¬≠tes geret¬≠tet, das m√ľs¬≠sen die gewu√üt haben. Die ande¬≠ren J√§ger (der n√§chs¬≠te schlap¬≠pe 90 Kilo¬≠me¬≠ter ent¬≠fernt, ohne Bus¬≠hal¬≠te¬≠stel¬≠le) schei¬≠nen auch kei¬≠ne zu haben, lags am Geld vielleicht?
  • War¬≠um redet sie immer nur von ihrem Mann, nennt ihn aber nicht ein ein¬≠zi¬≠ges mal beim Namen?
  • War¬≠um fischen sie nicht? Das Nah¬≠rungs¬≠pro¬≠blem ist ja akut.

Das Buch ist trotz der inten­si­ven Natur­be­schrei­bun­gen ganz sicher kei­ne ganz gro­ße Lite­ra­tur, Reich-Rani­cki hät­te wohl ein Grrrräß­lich beigesteuert.

Lese¬≠emp¬≠feh¬≠lung? Kommt drauf an. F√ľr jeden Ark¬≠tis-Jun¬≠kie auf jeden Fall. F√ľr alle ande¬≠ren: Viel¬≠leicht wer¬≠det ihr nach der Lek¬≠t√ľ¬≠re ja zum Arktis-Junkie ūüôā

Anle­sen könnt ihr das Buch hier.

 

#aus­ge­le­sen #addic­ted­to­the­arc­tic

Kindle wasserfest

Ja schon, mei¬≠ner (aktu¬≠el¬≠ler Paper¬≠white) jeden¬≠falls schon.
Ich habe das mehr­mals aus­pro­biert: mit in die Wan­ne genom­men, gele­sen mit dem unte­ren Rah­men im Was­ser. Das ist gar kein Pro­blem, auch die offe­ne USB-Buch­se wird nicht durch das Was­ser gestört.
Aber: Sobald Was¬≠ser ans Dis¬≠play kommt, dreht sel¬≠bi¬≠ges durch: Mir wur¬≠de vor¬≠hin die Schrift¬≠gr√∂¬≠√üe ver¬≠√§n¬≠dert, und es wur¬≠de gebl√§t¬≠tert im Buch.

Sprich: In der Wan¬≠ne lesen geht, aber nur solan¬≠ge kein Was¬≠ser ans Dis¬≠play kommt.
Die Was¬≠ser¬≠fes¬≠tig¬≠keit sch√ľtzt also mei¬≠nen Kind¬≠le, wenn er in den Pool fal¬≠len soll¬≠te. Hat jemand einen Pool f√ľr mich?

Ingo Schulze, Die rechtschaffenen Mörder

Das Titel¬≠bild zeigt es schon: Es geht um B√ľcher. Ich habe noch vier Tage Rest¬≠ur¬≠laub aus 2019, da kann ich ja lesen ūüôā

Wer bei dem Titel einen Kri¬≠mi erwar¬≠tet, auch einen anspruchs¬≠vol¬≠len, der wird ent¬≠t√§uscht wer¬≠den. Zwar sind zum Schlu√ü zwei Men¬≠schen tot ‚ÄĒ aber ein Kri¬≠mi ist es √ľber¬≠haupt nicht. Der Roman ist in drei Tei¬≠le geglie¬≠dert: Im ers¬≠ten wird die Geschich¬≠te des Dresd¬≠ner Anti¬≠quars Nor¬≠bert Pau¬≠li¬≠ni von sei¬≠ner Geburt in den 50-ern bis ins Heu¬≠te. Und die¬≠ser Teil (und damit der Roman) f√ľhrt schon wun¬≠der¬≠bar in eine Geschich¬≠te ein:

Im Dresd­ner Stadt­teil Bla­se­witz leb­te einst ein Antiquar,

So fan¬≠gen Geschich¬≠ten an, die von fer¬≠nen Zei¬≠ten erz√§h¬≠len. Und sei¬≠ne Geschich¬≠te ist aber¬≠wit¬≠zig, aber nicht undenk¬≠bar: Pau¬≠li¬≠ni ist ein Leser und B√ľcher¬≠lieb¬≠ha¬≠ber. B√ľcher sind dabei phy¬≠sisch zu ver¬≠ste¬≠hen: Es geht um Erst¬≠aus¬≠ga¬≠ben, beson¬≠ders sch√∂n illus¬≠trier¬≠te oder beson¬≠ders sch√∂n gebun¬≠de¬≠ne Aus¬≠ga¬≠ben, sol¬≠che mit und sol¬≠che ohne Schutz¬≠um¬≠schlag, sel¬≠te¬≠ne und noch sel¬≠te¬≠ne¬≠re B√ľcher. Und er kann sie alle besor¬≠gen. Er hat ein Anti¬≠qua¬≠ri¬≠at (das scheint in der DDR gar nicht so schwie¬≠rig gewe¬≠sen zu sein) und kauft und ver¬≠kauft eben alte B√ľcher. Wobei das Ver¬≠kau¬≠fen eher schmerz¬≠voll ist, er h√§ngt an den B√ľchern (und ver¬≠sucht zumin¬≠dest, sie alle zu lesen). Sei¬≠ne Kund¬≠schaft besteht aus Gelehr¬≠ten, K√ľnst¬≠lern, Schrift¬≠stel¬≠lern ‚ÄĒ schon ein exklu¬≠si¬≠ver Kreis. Es ent¬≠wi¬≠ckelt sich neben¬≠bei ein Salon, zu dem man ein¬≠ge¬≠la¬≠den wer¬≠den mu√ü. Der Erz√§h¬≠ler, noch Sch√ľ¬≠ler, bekommt irgend¬≠wann √ľber einen Arch√§o¬≠lo¬≠gen auch eine Ein¬≠la¬≠dung und ist fort¬≠an Pau¬≠li¬≠nis Proteg√©.
So k√∂nn¬≠te es in alle Ewig¬≠keit wei¬≠ter¬≠ge¬≠hen: Pau¬≠li¬≠ni wird zwar nicht reich (was ihn auch wirk¬≠lich √ľber¬≠haupt nicht inter¬≠es¬≠siert), hat aber sei¬≠ne B√ľcher, die er alle zu lesen ver¬≠sucht und die er manch¬≠mal auch ver¬≠kauft; auch Anti¬≠qua¬≠re m√ľs¬≠sen essen.
Nach der Wen¬≠de, St√ľck f√ľr St√ľck, funk¬≠tio¬≠niert das nicht mehr. Zuerst blei¬≠ben die Kun¬≠den weg, dann wird die Vil¬≠la, in der sich das Anti¬≠qua¬≠ri¬≠at befin¬≠det, von Alt¬≠ei¬≠gen¬≠t√ľ¬≠mern zur√ľck¬≠ge¬≠for¬≠dert, sei¬≠ne Frau beich¬≠tet, f√ľr die Sta¬≠si gespit¬≠zelt zu haben, zuletzt kommt noch das Elbe¬≠hoch¬≠was¬≠ser von 2002, das ihm gr√∂¬≠√üe¬≠re Tei¬≠le sei¬≠nes Bestan¬≠des zer¬≠st√∂rt. Mit dem Rest (der immer noch rie¬≠sig ist) wan¬≠dert Pau¬≠li¬≠ni ins Dresd¬≠ner Umland.
Dann endet der ers¬≠te Teil abrupt, mit¬≠ten in einem Satz.

Im zwei¬≠ten Teil erz√§hlt der fik¬≠ti¬≠ve Schrift¬≠stel¬≠ler Schult¬≠ze(!), der eine Pau¬≠li¬≠ni-Bio¬≠gra¬≠phie schrei¬≠ben m√∂ch¬≠te (und mit dem Erz√§h¬≠ler aus dem ers¬≠ten Teil iden¬≠tisch ist), √ľber die Arbeit an die¬≠ser Bio¬≠gra¬≠phie. Die Sache ist schon dadurch ver¬≠trackt, da√ü er eben Pau¬≠li¬≠nis Pro¬≠te¬≠g√© ist, hin¬≠zu kommt noch, da√ü er und der Anti¬≠quar mit der¬≠sel¬≠ben Frau ein Ver¬≠h√§lt¬≠nis haben. Die¬≠ser zwei¬≠te Teil ist eher Selbst¬≠be¬≠schau des Schrift¬≠stel¬≠lers und hat wenig Hand¬≠lung. aber es ist fes¬≠selnd zu lesen, wie die bei¬≠den qua¬≠si umein¬≠an¬≠der tanzen.

Der drit¬≠te Teil dann schl√§gt noch¬≠mals eine Vol¬≠te: Hier erz√§hlt Schult¬≠zes Lek¬≠to¬≠rin, wie sie ver¬≠sucht, das Ver¬≠h√§lt¬≠nis zwi¬≠schen ihm und Pau¬≠li¬≠ni zu ver¬≠ste¬≠hen, mit all den Eifer¬≠s√ľch¬≠te¬≠lei¬≠en, Nei¬≠den, manch¬≠mal k√∂nn¬≠te man fast einen Vater-Sohn-Kon¬≠flikt ver¬≠mu¬≠ten. Und zwi¬≠schen¬≠durch, so sel¬≠ten wie unver¬≠mit¬≠telt, kom¬≠men auf ein¬≠mal Spr√ľ¬≠che von Pau¬≠li¬≠ni, die man eher Pegi¬≠da-Demons¬≠tran¬≠ten als einem B√ľcher¬≠ge¬≠lehr¬≠ten zutraut. Da pas¬≠siert, wie gesagt, sehr sel¬≠ten, steht dann aber v√∂l¬≠lig erra¬≠tisch im Roman¬≠text. Es wird auch nicht erkl√§rt, wie Pau¬≠li¬≠ni dazu gekom¬≠men ist.
Erst in die¬≠sem drit¬≠ten Teil erfah¬≠ren wir, da√ü Pau¬≠li¬≠ni und sei¬≠ne Gelieb¬≠te tot sind, abge¬≠st√ľrzt von einem Fel¬≠sen in der s√§ch¬≠si¬≠schen Schweiz. Ob Unfall, gemein¬≠sa¬≠mer Selbst¬≠mord, Mord ‚ÄĒ das bleibt offen und ist auch nicht Gegen¬≠stand des Romans (der Leser darf nat√ľr¬≠lich wei¬≠ter¬≠den¬≠ken, Schul¬≠ze hat gen√ľ¬≠gend Fut¬≠ter ausgelegt)

Zum Titel ver¬≠mag ich nichts zu sagen. Er deu¬≠tet auf Mord hin, aber wie schon geschrie¬≠ben: dar¬≠um gehts gar nicht.

Die Kon¬≠struk¬≠ti¬≠on des Romans mit den drei ver¬≠schr√§nk¬≠ten Tei¬≠len ist raf¬≠fi¬≠niert. Der ers¬≠te, der auch der gr√∂√ü¬≠te ist, liest sich fluffig weg, der zwei¬≠te ist eher kon¬≠tem¬≠pla¬≠tiv, der drit¬≠te nimmt dann wie¬≠der Erz√§hl¬≠ge¬≠schwin¬≠dig¬≠keit auf.

Was mir auf­ge­fal­len ist: Schul­zes Prä­zi­si­on bis in kleins­te unbe­deu­ten­de Details. Sowas:

Hil¬≠de¬≠gard Kos¬≠sa¬≠kow¬≠ski hat¬≠te ihm einst auf¬≠er¬≠legt, den ¬ĽAbri√ü grie¬≠chi¬≠scher und r√∂mi¬≠scher Kunst¬ę zu lesen. Schef¬≠fel unter¬≠rich¬≠te¬≠te ihn mit weit aus¬≠grei¬≠fen¬≠den Exkur¬≠sen, die stets die erteil¬≠ten Such¬≠auf¬≠tr√§¬≠ge beglei¬≠te¬≠ten. Wirk¬≠lich gele¬≠sen aber hat¬≠te er nur eini¬≠ge Stan¬≠dard¬≠wer¬≠ke. Doch das reich¬≠te schon, um zu erken¬≠nen, wel¬≠chen Schatz es zu heben galt. W√§re nur nicht der Zigarrengestank.

Nun, es geht um die¬≠ses B√ľch¬≠lein, das Stan¬≠dard¬≠werk f√ľr Stu¬≠den¬≠ten der Klas¬≠si¬≠schen Arch√§o¬≠lo¬≠gie in der DDR. Und sein Autor hat¬≠te ein zigar¬≠ren¬≠rauch¬≠ge¬≠tr√§nk¬≠tes Arbeits¬≠zim¬≠mer im Insti¬≠tut (und bot √ľbri¬≠gens in Semi¬≠na¬≠ren allen Stu¬≠den¬≠ten Zigar¬≠ren an) Die¬≠ses Zitat ver¬≠ste¬≠hen viel¬≠leicht 2 Dut¬≠zend Men¬≠schen auf der Welt, wenn sie denn √ľber¬≠haupt das Buch lesen. Und √§hn¬≠lich gela¬≠ger¬≠te Pas¬≠sa¬≠gen d√ľrf¬≠te es noch viel mehr geben. Das ist kein Spie¬≠len bei Schul¬≠ze des Effek¬≠tes wegen, das geh√∂rt ein¬≠fach zu sei¬≠nem Leben. Hat mir sehr gefallen.

Stil und Spra¬≠che: Schul¬≠ze beob¬≠ach¬≠tet sehr pr√§¬≠zi¬≠se und hat ein ph√§¬≠no¬≠me¬≠na¬≠les Ged√§cht¬≠nis. Die Beschrei¬≠bung Dres¬≠dens d√ľrf¬≠te vie¬≠le geb√ľr¬≠ti¬≠ge Dresd¬≠ner ent¬≠z√ľ¬≠cken. Und so schreibt er auch: pr√§¬≠zi¬≠se und klar, ohne Ged√∂ns. Wie Gould Bach spielt. Nichts Aus¬≠schwei¬≠fen¬≠des, immer auf den Punkt. Und liest sich dabei doch gut weg. (Und an man¬≠chen Stel¬≠len lugt ein Schalk um die Ecke‚Ķ)

Ein Buch auch √ľber Ost und West, √ľber Frau¬≠en und M√§n¬≠ner, Ber¬≠lin und vor allem Dres¬≠den ‚ÄĒ und: Bil¬≠dung. Bil¬≠dung scheint mir das Haupt¬≠the¬≠ma zu sein, nur da√ü Schul¬≠ze das nir¬≠gend¬≠wo rauskehrt.
Ein gutes Buch.

Im ebook h√§t¬≠te ich mir X‚ÄĎRay gew√ľnscht, auch wenn der Per¬≠so¬≠nen¬≠kreis ver¬≠gleichs¬≠wei¬≠se √ľber¬≠sicht¬≠lich ist.

Kauf­emp­feh­lung? Absolut!

 

#aus­ge­le­sen

Ausgelesen: Dan Brown, Illuminati

Der 13-j√§h¬≠ri¬≠ge fand nichts mehr, was ihn zum Lesen ver¬≠lei¬≠ten k√∂n¬≠ne, und da dach¬≠te ich mir: Ver¬≠schw√∂¬≠rungs¬≠theo¬≠rie, Geschich¬≠te, Action, das m√ľs¬≠se einem Kna¬≠ben sei¬≠nes Alters doch zusa¬≠gen, und so kam ich auf Dan Brown. Mei¬≠ne Hood mein¬≠te, das k√∂n¬≠ne schon was sein, es sei aber wohl bes¬≠ser, wenn ich mit¬≠l√§¬≠se, da das Buch doch stel¬≠len¬≠wei¬≠se erkl√§rt wer¬≠den m√ľsse.
Nach¬≠dem ich nun das Buch durch¬≠ge¬≠le¬≠sen habe: Ja, das ist so.

Ein irrer Plot: Die Illu¬≠mi¬≠na¬≠ten, ein Orden der Wis¬≠sen¬≠schaft, wol¬≠len die katho¬≠li¬≠sche Kir¬≠che ver¬≠nich¬≠ten. Dazu brin¬≠gen sie den Papst um, besor¬≠gen sich aus dem CERN Anti¬≠ma¬≠te¬≠rie, um den gesam¬≠ten Vati¬≠kan zu pul¬≠ve¬≠ri¬≠sie¬≠ren, vor¬≠her wer¬≠den noch die aus¬≠sichts¬≠reichs¬≠ten vier Papst¬≠kan¬≠di¬≠da¬≠ten hin¬≠ge¬≠rich¬≠tet. Daf√ľr bedie¬≠nen sie sich eines Meu¬≠chel¬≠m√∂r¬≠ders, der bei jedem Auf¬≠tau¬≠chen f√ľr auch den unauf¬≠merk¬≠sams¬≠ten Leser deut¬≠lich als Ara¬≠ber gekenn¬≠zeich¬≠net wird.
Der Ret¬≠ter ist (√úber¬≠ra¬≠schung!) ein Ame¬≠ri¬≠ka¬≠ner, eine Art India¬≠na Jones. Eine ange¬≠deu¬≠te¬≠te Lie¬≠bes¬≠ge¬≠schich¬≠te mit ange¬≠deu¬≠te¬≠tem Sex ist auch dabei.
Der Roman ist ins­ge­samt bil­li­ger Schund.
Die Geschich¬≠te stimmt hin¬≠ten und vor¬≠ne nicht, was so schlimm nicht w√§re, schlie√ü¬≠lich ist es ein Roman. Aller¬≠dings h√§lt nichts, wirk¬≠lich nichts einer √úber¬≠pr√ľ¬≠fung stand, das ist schon arg. Wiki¬≠pe¬≠dia lis¬≠tet das gut auf.
Es geht um den behaup¬≠te¬≠ten Gegen¬≠satz von Wis¬≠sen¬≠schaft und Reli¬≠gi¬≠on. Bei Brown wird dar¬≠aus eine Kon¬≠kur¬≠renz von zwei Reli¬≠gi¬≠ons¬≠zen¬≠tren: Vati¬≠kan und CERN. Ja, rich¬≠tig gele¬≠sen. Im Roman ist das CERN die Zen¬≠tral¬≠kir¬≠che aller Wis¬≠sen¬≠schaft und ihr Direk¬≠tor Koh¬≠ler ist der Papst.
Der Held ist Pro¬≠fes¬≠sor f√ľr Sym¬≠bo¬≠lo¬≠gie (ich hab‚Äô Semi¬≠na¬≠re zu christ¬≠li¬≠cher Iko¬≠no¬≠gra¬≠phie besucht ‚ÄĒ sowas wie Sym¬≠bo¬≠lo¬≠gie gibt es nicht) nat√ľr¬≠lich in Havard, wo denn sonst. Sei¬≠ne Mit¬≠hel¬≠din ist Wis¬≠sen¬≠schaft¬≠le¬≠rin am CERN, Mee¬≠res¬≠bio¬≠lo¬≠gin. Was auch immer Mee¬≠res¬≠bio¬≠lo¬≠gen am CERN suchen. Ach ja, sie ist auch noch Teil¬≠chen¬≠phy¬≠si¬≠ke¬≠rin, viel¬≠leicht des¬≠halb. Die bei¬≠den sind also die ganz Guten, es gibt noch sub¬≠al¬≠ter¬≠ne Gute. Und dann gibt es den Schl√§ch¬≠ter. Den Assas¬≠si¬≠nen, den Meu¬≠chel¬≠m√∂r¬≠der. Und da wird es ganz √ľbel, weil ein¬≠deu¬≠tig ras¬≠sis¬≠tisch. Brown wird nicht m√ľde zu beto¬≠nen, da√ü das ein Ara¬≠ber ist (und als Pro¬≠to¬≠typ namen¬≠los bleibt), der gene mor¬≠det, Frau¬≠en mi√ü¬≠han¬≠delt, ernied¬≠rigt und ver¬≠ge¬≠wal¬≠tigt. Nat√ľr¬≠lich wird er von dem ame¬≠ri¬≠ka¬≠ni¬≠schen Hel¬≠den besiegt, nat√ľr¬≠lich in aller¬≠letz¬≠ter Sekunde.
Am Ende steht √ľbri¬≠gens eine kom¬≠plet¬≠te Vol¬≠te: Es waren gar nicht die Illu¬≠mi¬≠na¬≠ti. Das ret¬≠tet den Plot aber auch nicht mehr.
Hand¬≠werk¬≠lich ist der Roman gut gemacht, mit einer Schw√§¬≠che: Die Span¬≠nungs¬≠b√∂¬≠gen wer¬≠den gro¬≠tesk √ľber¬≠dehnt. Ansons¬≠ten aber: Flott geschrie¬≠ben, abwechs¬≠lungs¬≠reich, die ein¬≠zel¬≠nen Kapi¬≠tel ahebn eine Lese¬≠zeit von maxi¬≠mal 5 Minu¬≠ten. Abrup¬≠te Orts¬≠wech¬≠sel, har¬≠te Schnit¬≠te, fast wie ein Film.

Lese­emp­feh­lung? Nein. Wenn ihr was in der Rich­tung Ver­schwö­rungs­theo­rie, Action sucht, kuckt euch mal bei Stieg Lars­son um. Der hat wesent­lich mehr Substanz.

 

#aus­ge­le­sen

 

Lesen, Kinder. Buch vs. Ebook. Und: Alte √úbersetzungen der Klassiker.

Jetzt ist mei¬≠ne Klei¬≠ne (11) explo¬≠diert, und das kam so:
Ich woll¬≠te schon seit 2018 den neu¬≠en Kind¬≠le haben, wegen der pla¬≠nen Ober¬≠fl√§¬≠che. Selbst¬≠ver¬≠st√§nd¬≠lich ist das kein Grund f√ľr ein neu¬≠es Ger√§t von immer¬≠hin 100 Euro. Es sei denn, ich bekom¬≠me die Klei¬≠ne dazu, mir mei¬≠nen alten abzu¬≠neh¬≠men ūüôā Und so konn¬≠te ich sie beschwat¬≠zen (Neben¬≠bei: Sie dach¬≠te, man kauft das Teil und hat dann nur die B√ľcher drauf, die man mit¬≠kauft und kann nie ande¬≠re drauf¬≠pa¬≠cken. Nach¬≠dem ich sie √ľber ihren Irr¬≠tum auf¬≠ge¬≠kl√§rt hat¬≠te, woll¬≠te sie unbe¬≠dingt mei¬≠nen Kind¬≠le haben, wir haben dann zwi¬≠schen Ama¬≠zon Black Fri¬≠day und Weih¬≠nach¬≠ten uns mein Ger√§t geteilt)
Ihr ‚Äúgro¬≠√üer‚ÄĚ Bru¬≠der (13) liest schon seit 2 Jah¬≠ren auf Kind¬≠le, der fri√üt gera¬≠de Moers Zamo¬≠nien-Rei¬≠he, ihr ist der Umgang mit einem e‚ÄĎReader also durch¬≠aus vertraut.
Seit Weih­nach­ten sind Feri­en, und so habe ich fast jeden Abend im Ehebett:

  • eine Gat¬≠tin
  • eine Toch¬≠ter
  • einen Sohn
  • einen Kater

Das wird dann eng, wenn ich dazukomme…
Die Klei­ne ver­schlingt jeden Abend ca. 2 Stun­den Caro­la Fun­ke, die Tintenherz-Romane.

Sie haben bei¬≠de schon vor den Kind¬≠les gele¬≠sen, auch viel. Har¬≠ry Pot¬≠ter jeden¬≠falls voll¬≠st√§n¬≠dig. Aber ich behaup¬≠te: die E‚ÄĎReader machen das Lesen ein¬≠fa¬≠cher. Kei¬≠ne dicken W√§l¬≠zer im Bett, kei¬≠ne Pro¬≠ble¬≠me mit dem Licht. Wahr ist aller¬≠dings auch: Es geht etwas ver¬≠lo¬≠ren, n√§m¬≠lich das Ver¬≠h√§lt¬≠nis zum phy¬≠si¬≠schen Gegen¬≠stand Buch. Als ich in ihrem Alter war, hat¬≠te mei¬≠ne Gro√ü¬≠mutter ihre Enkel mit B√ľchern ver¬≠sorgt. Das waren aber kei¬≠ne ein¬≠fa¬≠chen Taschen¬≠b√ľ¬≠cher, son¬≠dern gro√ü¬≠for¬≠ma¬≠ti¬≠ge, reich illus¬≠trier¬≠te B√ľcher. Ste¬≠ven¬≠son, Swift, Ver¬≠ne, Klas¬≠si¬≠ker halt. Faden¬≠bin¬≠dung, hohe Qua¬≠li¬≠t√§t, und das kos¬≠te¬≠te wenig. Auch ein Grund f√ľr ‚ÄúLese¬≠land DDR‚ÄĚ. Das geht nat√ľr¬≠lich kom¬≠plett ver¬≠lo¬≠ren, selbst wenn Illus¬≠tra¬≠tio¬≠nen im E‚ÄĎBook sind. Ein gut gemach¬≠tes Buch ist hohe Kunst, die unwei¬≠ger¬≠lich ver¬≠lo¬≠ren gehen wird, so wie es auch kei¬≠nen mehr gibt, der das Book of Kells abschreibt. Das ist sehr scha¬≠de, aber unver¬≠meid¬≠bar. Und noch etwas sehe ich lei¬≠der ster¬≠ben: Das St√∂¬≠bern. Noch als jun¬≠ger Mensch war bei Besu¬≠chen oft¬≠mals die Begut¬≠ach¬≠tung des gast¬≠ge¬≠ber¬≠li¬≠chen B√ľcher¬≠re¬≠gals v√∂l¬≠lig nor¬≠mal. Und nat√ľr¬≠lich hat man auch mal ein Buch raus¬≠ge¬≠nom¬≠men und den Besit¬≠zer benei¬≠det, weil er die gebun¬≠de¬≠ne, man selbst aber nur die Taschen¬≠buch¬≠aus¬≠ga¬≠be hat¬≠te. Oder er hat¬≠te die unzen¬≠sier¬≠te Luch¬≠ter¬≠hand-Aus¬≠ga¬≠be von Kas¬≠san¬≠dra ‚ÄĒ Waaaahn¬≠sinn! Im Kind¬≠le-Shop st√∂¬≠bern ist da nicht vergleichbar.
Aber, nun: so ist es eben.
Wich¬≠tig ist: sie lesen. Solan¬≠ge Kin¬≠der lesen, ist alles gut.

Zwei¬≠tes, damit nur leicht zusam¬≠men¬≠h√§n¬≠gen¬≠des The¬≠ma: Klas¬≠si¬≠ker-√úber¬≠set¬≠zun¬≠gen. Ich neh¬≠me mal, da eige¬≠ne Erfah¬≠rung, Dos¬≠to¬≠jew¬≠skis Schuld und S√ľh¬≠ne als Bei¬≠spiel. Kei¬≠ne leich¬≠te Kost, soll¬≠te man aber zumin¬≠dest mal ver¬≠sucht haben. Jre¬≠den¬≠falls gibt es bei all die¬≠sen fremd¬≠spra¬≠chi¬≠gen Klas¬≠si¬≠kern immer wenigs¬≠tens 2 Vari¬≠an¬≠ten: Eine (oder meh¬≠re¬≠re) moder¬≠ne √úber¬≠set¬≠zun¬≠gen und wenigs¬≠tens eine alte √úber¬≠set¬≠zung. Die Gren¬≠ze zwi¬≠schen modern und alt l√§√üt sich berech¬≠nen: now() - 70 Jahre. Weil auf Dos¬≠to¬≠jew¬≠skis Werk zwar kein Copy¬≠right mehr liegt, auf den √úber¬≠set¬≠zun¬≠gen aber schon, sofern der √úber¬≠set¬≠zer noch kei¬≠ne 70 Jah¬≠re tot ist. Das¬≠sel¬≠be gilt √ľbri¬≠gens f√ľr Noten: JSB ist zwar schon 1750 gestor¬≠ben, des¬≠we¬≠gen darf man aber sein WO, wie es bei Breit¬≠kopf & H√§r¬≠tel erschie¬≠nen ist, nicht ein¬≠fach kopieren.
Zur√ľck zu den √úber¬≠set¬≠zun¬≠gen: Nat√ľr¬≠lich schielt man zu den gemein¬≠frei¬≠en, ein¬≠fach weil die ent¬≠we¬≠der spott¬≠bil¬≠lig sind (in der Regel ein Euro) oder gar ganz kos¬≠ten¬≠los. Aber sie sind dann eben auch sprach¬≠lich min¬≠des¬≠tens 70 Jah¬≠re alt, viel¬≠leicht auch 100 oder gar mehr. Das liest man. Aber ist das schlecht? Ich bin nicht sicher. Schuld und S√ľh¬≠ne ist 1866 erschie¬≠nen, da haben die Rus¬≠sen anders als heu¬≠ti¬≠ge Rus¬≠sen und die Deut¬≠schen anders als heu¬≠ti¬≠ge Deut¬≠sche geschrie¬≠ben. Inso¬≠fern w√§re doch eine alte √úber¬≠set¬≠zung n√§her am Ori¬≠gi¬≠nal als eine moderne?
Ande¬≠rer¬≠seits: 1866 war das ein moder¬≠ner Roman. Inso¬≠fern w√§re doch eine moder¬≠ne √úber¬≠set¬≠zung n√§her am Ori¬≠gi¬≠nal als eine alte?

 

Jeden¬≠falls kann ich nur eins emp¬≠feh¬≠len: Gebt den Kin¬≠dern was zu Lesen!

Der rest wird dann schon ūüôā