Ausgelesen: Daniil Granin, Mein Leutnant

Was für ein The­ma. Der Autor hat von Anfang an an der Ver­tei­di­gung Lenin­grads gegen die Wehr­macht teilgenommen.
Nur zum Luft holen: 900 Tage Bela­ge­rung, über eine Mil­lio­nen Tote in Lenin­grad, nicht an Herz­in­farkt oder Kopf­schuß gestor­ben, son­dern an Hun­ger, Typhus, Skorbut…
Eine. Mil­li­on. Tote. In. Einer. Ein­zi­gen. Stadt.
Eine. Mil­li­on. Tote. In. Einer. Ein­zi­gen. Stadt.
Eine. Mil­li­on. Tote. In. Einer. Ein­zi­gen. Stadt.

Gra­nin war Anfang 20, als er sich als Lenin­gra­der selbst­ver­ständ­lich zur Volks­wehr (das scheint — Zonis wer­den es ken­nen — so eine Art Zivil­ver­tei­di­gung gewe­sen zu sein) mel­de­te, in Erwar­tung der Deutschen.

Der Roman ist 2011 erschie­nen, Gra­nin Jahr­gang 1919, er war also über 90 bei Erschei­nen. Allein des­we­gen muß man das Buch lesen.
Er kon­stru­iert raf­fi­niert: Da ist D. (was für Daniil steht): ein leicht nai­ver jun­ger Mann, frisch ver­hei­ra­tet, der Lenin­grad ver­tei­di­gen will. Und da ist “der Leut­nant”, Gra­nins alter Ego, ein Pan­zer­kom­man­deur, am Krieg gebro­chen, ver­bit­tert. Und der alte Autor sel­ber im Rück­blick auf sein Leben in und nach dem Krieg.

Und die­ser Rück­blick ist eine scho­nungs­lo­se, ehr­li­che Abre­chung mit dem Sta­li­nis­mus, hier in Form der mör­de­ri­schen sowje­ti­schen Armeeführung.

Die­se »Schüt­zen­gra­ben­wahr­heit« pass­te nicht zu der Wahr­heit der Memoi­ren von Gene­rä­len, zur Wahr­heit der Stä­be, den Berich­ten des Infor­ma­ti­ons­bü­ros, den Zei­tungs­ar­ti­keln. Die Sol­da­ten jedoch hat­ten ihre eige­ne bit­te­re Wahr­heit: flie­hen­de Trup­pen, die ihre Füh­rung ver­lo­ren hat­ten, ein­ge­kes­sel­te Divi­sio­nen und Arme­en, aus denen sie zu Zehn­tau­sen­den in Gefan­gen­schaft gerie­ten, ver­bre­che­ri­sche Befeh­le von Kom­man­die­ren­den, die ihre Vor­ge­setz­ten mehr fürch­te­ten als den Gegner.

Und wei­ter:

Ich weiß nicht, wer sich die Losung »Tod den deut­schen Okku­pan­ten!« aus­ge­dacht hat, aber sie wur­de zu unse­rem ideo­lo­gi­schen Ban­ner. Die Okku­pan­ten soll­ten nicht aus dem Land gejagt, sie soll­ten getö­tet wer­den. Als wir von Hit­lers Plan zur Ver­nich­tung der Sla­wen erfuh­ren, ging der Krieg in einen Mord­feld­zug über. Wir wer­den sie auch ver­nich­ten. »Tod den deut­schen Okku­pan­ten!« Auf die­se Wei­se ver­wan­del­te sich der Krieg Ende 1941 in eine Vernichtungsmaschinerie.

Wohl­ge­merkt: Der Krieg ging auch in einen Mord­feld­zug gegen­über den Deut­schen über. Als jun­ger Mann hat­te ich Ilja Ehren­burg gele­sen — der Mann war ein Mord­a­gita­tor. Den­ken wir kurz an Dem­min (nur lesen, wenn ihr stark seid)
Gra­nin beschreibt sei­ne Mona­te und Jah­re im Schüt­zen­gra­ben vor Lenin­grad, nicht ohne Absurditäten:

Im Nie­mands­land gab es eine Schlucht, in der – wie auch immer – ein Schwarz­markt ent­stan­den war. Die Händ­ler hin­ter­lie­ßen ein­an­der etwas, viel­leicht war­fen sie es auch rüber. Die Deut­schen tausch­ten ihr Weiß­brot gegen Machor­ka, denn sie moch­ten unse­ren star­ken Tabak. Für uns war Weiß­brot ein Lecker­bis­sen. Außer­dem übten Wod­ka, Filz­stie­fel und selbst­ge­bau­te Stein­schloss-Feu­er­zeu­ge eine gro­ße Anzie­hungs­kraft auf sie aus. Wir tausch­ten bei ihnen Toi­let­ten­sei­fe, Sal­be gegen Geschwü­re und Brief­pa­pier ein.

Das ist nur schein­bar lus­tig, in Wirk­lich­keit pas­sier­te eins in den Schüt­zen­grä­ben: Es wur­de ver­reckt. Und die eige­nen Leu­te wur­den ver­heizt in immer neu­en sinn­lo­sen Angriffs­wel­len, was zu immer mehr Toten im Nie­mands­land führ­te, die dann eben so rum­la­gen (man muß sich vor­stel­len, daß die sowje­ti­schen und deut­schen Schüt­zen­grä­ben teils nur 150 Meter aus­ein­an­der lagen.

Als die Deut­schen dann anfin­gen, die Lei­chen weg­zu­räu­men, wur­de uns befoh­len, auf sie zu schie­ßen, aber ehr­lich gesagt, wir haben nicht geschos­sen, und selbst wenn wir schos­sen, dann eher nach oben, um Krach zu machen, denn wir waren ihnen dank­bar, dass sie die­se ver­we­sen­de Mas­se wegschleppten.

Da ist kein Hel­den­tum, nirgends.

Der Krieg ver­läßt Ruß­land, Lenin­grad wur­de für einen irren Preis gehal­ten. Paris zum Bei­spiel wur­de zur offe­nen Stadt erklärt, die Wehr­macht ist ein­fach rein­mar­schiert. Hit­ler woll­te Lenin­grad nicht erobern, er woll­te es durch Hun­ger aus­lö­schen. Die Wehr­macht hät­te Lenin­grad erobern können.

Gra­nin geht nicht wei­ter mit sei­ner Pan­zer­bri­ga­de, son­dern er wird demo­bi­li­siert und kehrt zu sei­ner Frau zurück.

Und hier fängt der zwei­te Teil an: Er ist Mit­te 20 und gebro­chen. Er säuft, geht fremd, kommt tage­lang nicht nach Hau­se, wobei die­ses “Zuhau­se” irgend­ein Rat­ten­loch ist, das er, sei­ne Frau und das Kind tei­len müs­sen. Es ist nach dem Krieg und vor Sta­lins Tod. Es wer­den noch immer Men­schen unter absur­des­ten Vor­wür­fen gefan­gen genom­men, depor­tiert, ermor­det. All das beschreibt Gra­nin nüch­tern, als Zeitzeuge.

Im Epi­log dann redet er mit einem Deut­schen, lädt ihn sogar zu sich nach Hau­se in die Küche ein. Das ist ein ver­söhn­li­cher Ausklang.

Und: Das gan­ze Buch durch­zieht wie ein Geruch, den man nur ab und an wahr­nimmt, der dann aber ver­traut ist: eine unend­li­che Lie­bes­er­klä­rung an sei­ne Frau.

Aber nun hat­te sie sei­nen Kopf an sich gedrückt, er leg­te die Arme um sie, schmieg­te sich an, und all das war zu Ende. Was bedeu­te­te es schon, wenn es das hier gab, man konn­te es für immer ver­ges­sen, wenn sie nur zusam­men waren. Sie saßen beim Abend­brot, D. sah sie an, er konn­te zuschau­en, wie sie immer schö­ner wur­de, wie sich ihre Wan­gen röte­ten, die Haa­re zu glän­zen begannen.

Die­ses Buch gehört unbe­dingt zu denen, die ich auf eine Insel mit­neh­men würde.
Lese­emp­feh­lung? Natürlich!

 

#aus­ge­le­sen

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