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Herr Sonneborn geht nach Brüssel

Son­ne­born geht 2014 für die PARTEI ins EU-Par­la­ment und berich­tet von dort über sei­ne Arbeit als frak­ti­ons­lo­ser Abgeordneter.
Her­aus­ge­kom­men ist eine Art Tagebuch.
Sei­ten­wei­se fiel mir beim Lesen nur ein Kom­men­tar ein: WTF??? — denn berich­tet wird (der Autor ist Son­ne­born!) vor allem natür­lich von den end­lo­sen Absur­di­tä­ten in der EU-Poli­tik, der EU-Büro­kra­tie, und dazu von den Eitel­kei­ten vie­ler Abge­ord­ne­ter (sei­ne Lieb­lings-Ziel­schei­ben sind Elmar Brok, Jo Lei­nen und Udo Voigt)
Was er schreibt, ist soli­de recher­chiert (er hat eine tüch­ti­ge Assis­ten­tin) und mit Quel­len belegt — wahr­schein­lich schon, um sich Ver­leum­dungs­kla­gen vom Hals zu halten 🙂
Es ist natür­lich das Buch eines Sati­ri­kers, noch dazu eines, der gewiß nicht an Selbst­zwei­feln lei­det. An man­chen Stel­len aber, nament­lich bei der EU-Hal­tung zur Mit­tel­meer­tra­gö­die, wird er ganz unsa­ti­risch und wütend und betrof­fen. Die PARTEI war viel­leicht mal als Spaß­pro­jekt gestar­tet, mitt­ler­wei­le ist sie erwach­sen gewor­den — und natür­lich noch immer eine Sati­re­par­tei, Gottseidank!

Lei­der ist das Buch deut­lich zu lang gera­ten. Schein­bar woll­te Son­ne­born die gesam­te Legis­la­tur­pe­ri­ode abde­cken (was er auch getan hat). Doch etwa ab der Hälf­te oder dem zwei­ten Drit­tel wird es ermü­dend, die Per­so­nen sind mitt­ler­wei­le alle bekannt, der Betrieb beschrie­ben — da kom­men dann nur noch wei­te­re Anek­do­ten. Zum Ende hin woll­te ich nur noch fer­tig wer­den. Schade.

Lese­emp­feh­lung? Ja.

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Wahlöö: Mord im 31. Stock

Laut Rück­ti­tel ist das Wahlöös wich­tigs­ter Roman. Wenn das stimmt, dann sind die ande­ren völ­lig unwich­tig. Denn die­ser mag der wich­tigs­te sein, lei­der ist es auch ein ziem­lich schlechter.
Die Hand­lung spielt in einem dys­to­pi­schen Schwe­den. Der Staats­so­zia­lis­mus hat gesiecht, alle haben eine Ein­heits­woh­nung im Ein­heits­hoch­haus lan­ge vor WBS70. Kri­mi­na­li­tät gibt es kaum noch, die hohe Selbst­mord­ra­te wird sta­tis­tisch gegen Null gerech­net. Es gibt eine rie­si­ge Anzahl von Pres­se­er­zeug­nis­sen, alle seicht, alle von dem­sel­ben Riesenkonzern.
Gegen die­sen wird ein Anschlag ange­kün­digt, aber nicht durch­ge­führt. Die Ermitt­lun­gen führt Kom­mis­sar Jen­sen¹. Der ist von Magen­ko­li­ken geplagt, ein  aus­ge­zeich­ne­ter Kri­mi­na­list, unpo­li­tisch, eigen­bröt­le­risch, man könn­te ihn auch Mar­tin Beck nennen.
Jen­sen gewinnt im Lau­fe der Geschich­te tie­fe­re, unap­pe­tit­li­che Ein­bli­cke in den Pres­se­kon­zern, was Wahlöö zu län­ge­ren Betrach­tun­gen über die nega­ti­ven Aus­wir­kun­gen einen gleich­ge­schal­te­ten Jour­na­lis­mus bringt.
Da hat er durch­aus Recht, aber eigent­lich woll­te ich einen (Kriminal-)Roman lesen und kein Manifest.

Er soll da oben im Him­mel dem Herrn dan­ken, daß er Maj Sjö­wall getrof­fen hat, denn die gemein­sa­men Geschich­ten sind um Län­gen besser.

Lese­emp­feh­lung? Nun, wenn man Schwe­di­sche Lite­ra­tur des 20. Jhs. im Prü­fungs­fach hat: ja, unbe­dingt! Ansons­ten eher nein.

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¹ Übri­gens die ein­zi­ge Per­son mit Namen im gan­zen Roman, alle ande­ren wer­den nur mit ihrem Funk­ti­ons­ti­tel erwähnt. Das hat sicher einen mir ver­bor­ge­nen Grund.

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Bulgakow, der Meister und Margarita

Mei­ne letz­te Lek­tü­re ist wenigs­tens 30 Jah­re her, und die­ses Buch muß man defi­ni­tiv öfter als nur alle 30 Jah­re lesen.

Mos­kau in den 20-er, 30-er Jah­ren des vori­gen Jahr­hun­derts. Ein Aus­län­der der sich Voland nennt und sei­ne Spieß­ge­sel­len ver­an­stal­ten die wun­der­lichs­ten Din­ge: Lite­ra­ten wer­den geköpft, es reg­net Geld, das sich wahl­wei­se von Devi­sen in Rubel oder umge­dreht ver­wan­delt, Künst­ler lan­den rei­hen­wei­se in der Irren­an­stalt, nack­te Hexen flie­gen durch die Nacht über dem Arbat
Locker ein­ge­wo­ben wird die Geschich­te von Pon­ti­us Pila­tus und Jesus’ Kreu­zi­gung. Die hat­te ich damals eher über­flo­gen, Schan­de über mich! Das ist unglaub­lich plas­tisch beschrie­ben, man fühlt die Hit­ze in Jeru­sa­lem zu Ostern flir­ren. Es wird Pila­tus’ Geschich­te beschrie­ben, Jesus ist eher not­wen­di­ge Staffage.

Das Gan­ze vor dem Hin­ter­grund der NÖP, es gab (in Mos­kau, in pri­vi­le­gier­ten Krei­sen) durch­aus Wohl­stand — das Tor­g­sin-Kauf­haus erin­nert an die Inter­shops und die Exqui­sit-Läden in der DDR.
So geht es mun­ter und irre durch die ers­te Buch­hälf­te (unter­bro­chen durch die Pilatus-Geschichte)
Unge­fähr zur Hälf­te wird der Meis­ter ein­ge­führt: ein Schrift­stel­ler. Wie sich her­aus­stellt, ist er der Autor des Pila­tus-Romans, aus dem stre­cken­wei­se vor­her zitiert wur­de. So wie Voland natür­lich der Teu­fel ist, so ist der Meis­ter Dr. Faust, und ein Gret­chen hat er auch (Mar­ga­ri­ta)
Der Meis­ter ist im Gegen­satz zu all den ande­ren Schrift­stel­lern die im Roman vor­kom­men ein ech­ter Künst­ler. Sein Roman wird von allen Ver­la­gen abge­lehnt (ein Pila­tus-Roman in der Sowjet­uni­on der 20-er ist wirk­lich schwer vorstellbar).
Und so lebt er eher schlecht in einer klei­nen Sou­ter­rain-Woh­nung mit sei­ner Mar­ga­ri­ta zusam­men — bis sich Voland ein­mischt. Und da nimmt der Roman irre Fahrt auf. Die Beschrei­bun­gen der wahn­wit­zi­gen Rit­te durch den nächt­li­chen Mos­kau­er Him­mel lesen sich, als hät­te Marc Chagall ver­se­hent­lich die­se Pas­sa­gen geschrie­ben und nicht gemalt.

Am Schluß gehen die Geschich­te des Meis­ters und die von Pila­tus inein­an­der über, und es gibt, so wie ich das ver­ste­he, für sämt­li­che Betei­lig­ten ein Lösung: Erlö­sung von allem Leid. Ja, das ist auch ein reli­giö­ser Roman, aber von einer Reli­giö­si­ti­tät, die ganz anders ist als die meis­ten naß­for­schen Athe­is­ten ver­ste­hen, von den inkor­po­rier­ten Chris­ten ganz abgesehen.

Das ist zwei­fel­los ein Jahr­tau­sen­dro­man, der sich jeder schnel­len Inter­pre­ta­ti­on ent­zieht. Wer also ein Buch sucht, das ihn in sei­ner Welt­sicht bestä­tigt: Nein, für den ist das kein Buch.

Für alle ande­ren gibt es auf die Fra­ge nach der Lese­emp­feh­lung nur eine Ant­wort: Nein, kei­ne Leseempfehlung.

Lese­be­fehl!!!

#aus­ge­le­sen

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Monica Kristensen: Amundsens letzte Reise

#aus­ge­le­sen

Von die­sem Buch hat­te ich per Zufall erfah­ren, mor­gens im Radio bei NDR Kul­tur. Das hör­te sich inter­es­sant an, und so kauf­te ich das Buch¹

Das Buch glie­dert sich in zwei Tei­le: zuerst geht es um die Ret­tung der ita­lie­ni­schen Nord­pol-Expe­di­ti­on unter Nobi­le, dann um die Suche nach Amund­sen und sei­ner Mann­schaft. Amund­sen war von Trom­sø Rich­tung Spitz­ber­gen geflo­gen, um bei der Suche nach der Nobi­le-Mann­schaft zu hel­fen, ist dann aber ver­schwun­den, alles im Som­mer bis Früh­herbst 1928, mit Aus­läu­fern bis in die 30-er Jahre.
Das ist höchst detail­reich und infor­miert geschrie­ben, die Autorin muß Jah­re in Archi­ven zuge­bracht haben.

Beim Lesen wird einem bewußt, wie einer­seits lebens­feind­lich die Ark­tis ist und ander­seits wie­viel tech­ni­schen Forst­schritt wir seit­dem hatten.
Tipp: es kom­men ganz vie­le Orts­na­men vor, von Inseln, Kaps, Glet­schern, Land­mar­ken… die man sich auf einer Kar­te anse­hen soll­te, um eine Gefühl für die Dimen­sio­nen zu bekom­men. Goog­le Maps nützt da nichts, weil es die Orte nicht hat: Hier ent­lang! Im Epi­log bezieht sich die Autorin aus­drück­lich auf die­se Karte.
Die Schwie­rig­kei­ten bei der Suche müs­sen enorm gewe­sen sein: Die Bruch­lan­dung der Ita­lia mit Nobi­le war im See­eis. Die Über­le­ben­den hat­ten fak­tisch kei­ne Mög­lich­keit, ihre Posi­ti­on zu bestim­men, und selbst wenn sie die gehabt hät­ten: Die Eis­schol­le drif­te­te bis zu 30 Kilo­me­tern am Tag.
Die ers­ten Wochen gab es kei­nen Funk­kon­takt, danach auch nur spo­ra­disch. Doch auch dann wuß­te man nicht, wo sich die Ver­un­glück­ten befanden.
Wie fin­det man die? Man muß suchen. Hub­schrau­ber gab es noch nicht, Schif­fe, wenn sie denn eis­bre­chend waren, viel zu lang­sam. Also Flug­zeu­ge. Aber selbst wenn ein Flug­zeug die Hava­ris­ten fin­den wür­de, wie könn­te es den Ort bestim­men? Die Ant­wort ist ein­fach: gar nicht. GPS war noch nicht erfun­den. Und wie lan­det man? Mit Was­ser­flug­zeu­gen kann man nur ein einer genü­gend gro­ßen Rin­ne zwi­schen den Schol­len lan­den, auf dem Eis bracht man eine genü­gend gro­ße und vor allem ebe­ne Fläche.

Dazu die poli­ti­sche Situa­ti­on: Nor­we­gen war erst 1905 unab­hän­gig von Schwe­den gewor­den, Mus­so­li­ni woll­te der Welt zei­gen, daß sein faschis­ti­sches Ita­li­en auch in der Ark­tis Erfol­ge hat, die Sowjet­uni­on ihre Ansprü­che in der Ark­tis untermauern.
Und nicht zuletzt: Amund­sen, der wohl unbe­dingt als ers­ter Nobi­le fin­den woll­te, für den das eine Fra­ge sei­ner Män­ner­eh­re war. Nobi­les Ret­tung war wohl auch Amund­sens Egotrip.

Ein span­nen­des Buch, eher Sach­buch als Roman. Die Fak­ten­men­ge ist manch­mal erdrü­ckend, dann muß man das Buch zur Sei­te legen und was ande­res machen. Es ist sicher­lich kei­ne gro­ße Lite­ra­tur, eher ein­fach geschrie­ben, vie­le kur­ze Haupt­sät­ze. Aber das fin­de ich einem Sach­buch angemessen.

Was aller­dings ärger­lich ist: Die lieb­lo­se Umset­zung als Ebook. Sil­ben­tren­nung hät­te schon viel gehol­fen, eben­so sind Huren­kin­der ein typo­gra­phi­sches Verbrechen.
Die­se Schlam­pe­rei trübt das Lese­ver­gnü­gen dann doch.

 

 

 

Lese­emp­feh­lung? Ja, es ist ein span­nen­des Buch, kein Kri­mi. Und sogar ein wenig Ver­schwö­rungs­theo­rie, weil Amund­sens Schick­sal dann doch offen gelas­sen wird. Viel­leicht hat er ja überlebt?


¹ Daß der Ver­lag für das Ebook exakt 1 Cent weni­ger als für die gebun­de­ne Aus­ga­be ver­langt, ist dabei eine aus­ge­mach­te Frechheit.

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